Frankfurt/Main - Am Freitag kehrt Mario Gomez an die Stätte des Grauens zurück. Vor drei Jahren erlebte der Bundesliga-Torschützenkönig im Ernst-Happel-Stadion von Wien einen seiner bittersten Momente.

Im letzten und entscheidenden Vorrundenspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Gastgeber Österreich (1:0) verstolperte er nach Vorarbeit von Miroslav Klose aus drei Metern den Ball und wurde innerhalb von Sekunden vom Goalgetter zum Chancentod. Nach diesem Match stellte Bundestrainer Joachim Löw um und agierte nur noch mit einer Spitze, die Klose hieß - und bis heute Klose heißt.

Im Verein hat Gomez Klose den Rang abgelaufen

Da Löws Favorit wegen einer Rippenprellung aber die Heimreise antreten musste, könnte am Freitag die Stunde von Gomez schlagen, der seinen Fehltritt vom Juni 2008 aus dem Gedächtnis gestrichen hat.

"Diese Szene wird nur noch in den Medien hochgespielt, mich belastet sie nicht", versicherte Gomez vor dem EM-Qualifikationsspiel der deutschen Mannschaft in Wien gegen Österreich (ab 20:15 Uhr im Live-Ticker) und ergänzte in der Frankfurter Rundschau: "Wenn ich da belastet ins Spiel ginge, müsste ich das alle vier Monate tun. Es gibt eine ganze Menge Stadien, in denen ich schon Riesenchancen versemmelt und im nächsten Jahr dann trotzdem drei Tore gemacht habe."

Vor allem in der abgelaufenen Saison hat Gomez dies eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Im Verein hat er seinem Konkurrenten Klose schon längst den Rang abgelaufen. Aber die Nationalelf ist eben nicht Bayern München, und Joachim Löw zudem nach wie vor ein glühender Verehrer von Klose, der in der DFB-Auswahl den Rekord von Gerd Müller jagt. Mit 61 Treffern liegt Klose in der "ewigen" DFB-Torjägerliste als Zweiter nur noch sieben Tore hinter dem "Bomber der Nation". Hinter Rekordnationalspieler Lothar Matthäus (150) belegt der WM-Torschützenkönig von 2006 seit vergangenen Sonntag zudem mit 109 Einsätzen alleine Platz 2.

Kloses Verletzung ist Gomez' Chance

Beim 2:1 gegen Uruguay zog sich Klose aber die schmerzhafte Rippenblessur zu, so dass er für den Saisonabschluss mit den beiden EM-Qualifikationsspielen in Österreich und vier Tage später in Aserbaidschan (ab 18:45 Uhr im Live-Ticker) ausfällt. Dies könnte die große Chance für Gomez sein, der gegen Uruguay nicht nur nach einer herrlichen Einzelleistung das 1:0 erzielt, sondern auch sonst viele gute Szenen hatte.

Dass nach seinem 16. Treffer im DFB-Trikot und seiner famosen Saison mit insgesamt 39 Toren für die Bayern in 45 Spielen noch in diesem Sommer der Wachwechsel im deutschen Sturm stattfindet, glaubt aber selbst Gomez nicht. "Ich weiß, dass der Bundestrainer von mir überzeugt ist und auch auf mich setzt. Aber auch, dass er im Moment einen Spieler hat, auf den er mehr setzt", sagte Gomez und ergänzte nach dem Spiel gegen die Südamerikaner: "Meine Zeit wird noch kommen."

Ob der 25-Jährige seinen sieben Jahre älteren Konkurrenten noch bis zum Start der EM im kommenden Sommer in Kloses Heimatland Polen und der Ukraine aus der Mannschaft drängen kann, steht noch in den Sternen. "Mario hat wieder sein Selbstvertrauen, nachdem er eine schwierige Zeit zu bewältigen hatte. Ich war aber immer von seinen Fähigkeiten überzeugt", sagte Löw über den früheren Stuttgarter. Im selben Atemzug betonte der Bundestrainer aber auch: "Bei Miro weiß ich, dass ich mich auf ihn verlassen kann." Mit seinen bislang acht Toren in der EM-Qualifikation hat Klose auch nach der WM in Südafrika das Vertrauen von Löw zurückgezahlt.

Gomez sieht nun seine "große Chance"

Aber schon in Wien könnte die Stunde von Gomez schlagen, der durch die bisherige Berg- und Talfahrt in seiner Karriere dazugelernt hat. "Ich bin mit der Zeit etwas entspannter geworden und versuche nicht mehr, auf Teufel komm raus einen Platz im Team zu bekommen", sagte der Stürmer, "wir bekommen sehr viel Geld für unseren Job, aber er muss trotzdem auch Spaß machen."

Dieser Spaß an der Arbeit war ihm zu Beginn der vergangenen Saison verleidet worden, als ihm der damalige Bayern-Trainer Louis van Gaal deutlich machte, dass er nur die Nummer vier im Bayern-Angriff ist. "Das war eine schwere Zeit, aber es kann nicht immer alles laufen. Man muss seine Arbeit machen, auch wenn es nicht immer einfach ist. Vor allem, wenn der Trainer zu Beginn der Saison sagt, dass man gehen soll. Ich habe aber mein Ding gemacht, gewartet und gehofft", erzählte Gomez im Rückblick. Dass Klose nun in der Nationalelf verletzungsbedingt ausfällt, sei zwar "bitter für Miro", aber für ihn persönlich auch "eine große Chance".

Dabei hilft dann noch ein Rückblick auf die Spielzeit mit den Bayern: "Mit sehr, sehr viel Glück habe ich es dann doch noch geschafft, in die Mannschaft zu kommen. Ich habe mit Leistung und Toren das Vertrauen gerechtfertigt und am Ende auch den Trainer überzeugt. Das kann so auch der Weg hier in der Nationalmannschaft sein."