Für Michael Skibbe und Eintracht Frankfurt war die Saison 2009/2010 eine erfolgreiche - und das obwohl die Hessen aus den letzten Partien nur einen Punkt holten und am letzten Spieltag noch von Lokalrivale 1. FSV Mainz 05 überholt wurden.

Mit 46 Punkten belegt die Eintracht in der Abschlusstabelle Platz 10 und hatte zu keiner Zeit etwas mit dem Abstieg zu tun. Nach 33 Punkten im Vorjahr eine deutliche Steigerung, zumal das Team unter Skibbe auch noch mit erfrischendem Fußball überzeugte und gegen Top-Teams wie den FC Bayern, Werder Bremen und Borussia Dortmund gewinnen konnte.

Im bundesliga.de-Interview blickt Michael Skibbe auf die abgelaufene Saison zurück, wagt einen Blick in die Zukunft und erklärt, warum seine Mannschaft trainiert wie der FC Barcelona.

bundesliga.de: Herr Skibbe, bei ihrem Amtsantritt in Frankfurt haben sie angekündigt: "Ich will attraktiven und aggressiven Fußball spielen lassen." In der objektiven Wahrnehmung ist Ihnen das Gelungen. Wie zufrieden sind Sie selbst mit dem ersten Jahr bei der Eintracht?

Michael Skibbe: Ich bin sehr zufrieden mit dem ersten Jahr. Wir haben, zumindest phasenweise, viele Dinge umsetzen können, haben uns fußballerisch auch stark verbessert und sind in vielen Spielen in der Bundesliga super konkurrenzfähig aufgetreten.

bundesliga.de: Gegen die Top-5-Mannschaften hatten sie sogar eine positive Bilanz. War es Ihre Mannschaft leichter, spielerische Lösungen zu finden?

Skibbe: Ja, eindeutig. Es gibt insgesamt ein offeneres Spiel und man kann mehr in offene Räume spielen. Die Erfolge gegen die großen Mannschaften hängen auch damit zusammen, dass die Spielweisen ähnlich waren.

bundesliga.de: Ein Ziel vor der Saison war, das Publikum zurückzugewinnen. Das ist hundertprozentig gelungen, oder?

Skibbe: Auch das ist sehr gut gelungen und wir sind auch sehr froh drüber, dass wir das geschafft haben. Unsere Art Fußball zu spielen hat geholfen, aber auch die Einstellung der Fans, die schon vom Pokalspiel gegen Offenbach weg die Mannschaft in jedem Spiel fantastisch unterstützt haben.

bundesliga.de: Es gibt ja in einer Saison immer wegweisende Spiele. War das für Sie tatsächlich schon das Derby gegen Offenbach, obwohl das vor dem Bundesligastart stattfand?

Skibbe: Natürlich. Das war für die Eintracht das wichtigste Spiel der Saison, weil man sich von einer Niederlage gegen den Rivalen aus der Nachbarschaft so schnell nicht erholen kann. Vor allem wenn auch noch ein Klassenunterschied von zwei Ligen besteht.

bundesliga.de: Gab es denn, über dieses emotional wichtige Spiel hinaus, auch Partien in der Saison wo sie sagen, das war spielerisch ein Durchbruch?

Skibbe: Wir hatten sowohl in der Hin- als auch in der Rückrunde großartige Spiele. Direkt zum Saisonauftakt haben wir in Bremen ein tolles Spiel gemacht und 3:2 gewonnen. Auch der 3:2-Sieg in Dortmund ziemlich zu Beginn der Rückrunde war fußballerisch sehr gut. Das interessanteste und spektakulärste Spiel war sicherlich in Dortmund.

bundesliga.de: Ihr Chef Heribert Bruchhagen lobt, sie hätten die Erwartungen übertroffen und die Mannschaft spielerisch weiterentwickelt. Ist das für einen Trainer bei einem Verein, der nicht zu den finanzstärksten der Bundesliga gehört das größte Lob?

Skibbe: Natürlich ist es ein großes Lob für mich, dass Heribert Bruchhagen die Dinge ähnlich wertet wie die Öffentlichkeit. Auch das Lob meiner Trainerkollegen freut mich sehr. Wenn es vom Arbeitgeber kommt, ist das sehr schön.

bundesliga.de: Sie haben es geschafft, der Mannschaft eine komplett neue Ausrichtung zu geben, obwohl die Spieler zum großen Teil die gleichen waren wie im Vorjahr. Wie ist das gelungen?

Skibbe: Die Mannschaft war vom ersten Tag an sehr gut trainierbar und hat mir schon in den ersten Trainingswochen gezeigt, dass sie fußballerisch ein großes Potenzial hat. Ich bin froh, dass wir das in vielen Spielen umsetzen konnten und häufig in Abschluss-Situationen gekommen sind. Allerdings hätten wir angesichts der Spielfeldüberlegenheit, die wir oft hatten, noch mehr Tore schießen müssen. Auch in Wolfsburg hat man das wieder gesehen: Wir hatten nicht weniger Torchancen, waren aber bei weitem nicht so torgefährlich wie der Gegner.

bundesliga.de: Patrick Ochs sagte während der Saison einmal: "Wir trainieren schon wie Barca." Wie muss man sich das vorstellen?

Skibbe: Das gilt vor allem für die Trainingsinhalte. Wir hatten zu Beginn der Rückrunde eine Trainertagung vom DFB, da hat der Nachwuchskoordinator des FC Barcelona einen Vortrag gehalten. Und viele Trainingsinhalte, die bei Barca in der Jugend und bei den Profis vorhanden sind, sind ähnlich - wenn auch nicht identisch - zu dem was wir trainieren. Vor allem die Übungseinheiten mit Ball. Das habe ich dann auch vorgestellt und gezeigt: "So trainieren wir, so trainiert Barcelona." Da liegt vieles nahe beieinander.

bundesliga.de: Woher haben Sie Ihre Inspiration für diese Trainingsinhalte bekommen?

Skibbe: Ich habe mich mit Barcas Nachwuchskoordinator nach seinem Vortrag unterhalten und ihm erzählt, dass ich mir meine Ideen vor 15 bis 20 Jahren aus dem geholt habe, was ich im holländischen Fußball bei Ajax Amsterdam und der PSV Eindhoven gesehen habe. Er sagte mir dann, dass vieles, was Barcelona heute macht, auf Johan Cruyff zurückgeht. Auch da ist also der holländische Einschlag da. Vielleicht kommt daher auch die Übereinstimmung.