Köln - Beim 1. FSV Mainz 05 musste man im Trainingslager auf eine eigentümliche Hinrunde zurückblicken. Erst wurde acht Spiele in Folge nicht verloren, dann neun Spiele lang nicht mehr gewonnen.

Im zweiten Teil des Interviews mit bundesliga.de spricht Manager Christian Heidel über die Widrigkeiten, denen der Verein ausgesetzt ist, über die Philosophie von Trainer Kasper Hjulmand und über Borussia Dortmund (Lesen Sie hier den ersten Teil des Interviews).

bundesliga.de: Lässt man die Mainzer Spiele noch einmal Revue passieren, fällt auf, dass gegen Spitzenteams wie Bayern München, Borussia Dortmund oder Bayer Leverkusen sehr gute Leistungen gezeigt wurden, während man sich gegen die Teams, die selbst große Schwierigkeiten haben - Hamburg, Stuttgart, Bremen - sehr schwer getan hat. Haben Sie eine Erklärung?

Christian Heidel: Gegen Werder Bremen hätte es bei der Anzahl der Chancen zur Halbzeit 4:0 für uns stehen müssen. Mit drei Punkten mehr sähe es ganz anders aus und niemand würde diskutieren. Dann aber bekommen wir in der 45 Minute einen Elfmeter und es steht 1:1. Da hat uns brutal die Effizienz gefehlt, weil wir den Ausfall von Jonas Hofmann, unserem besten Vorbereiter, nicht kompensieren konnten. So haben wir Spiele verloren, die vom Spielverlauf nicht hätten verloren werden dürfen.

bundesliga.de: Trainer Kasper Hjulmand wirkt stets sehr ruhig und hoch konzentriert; ist Hjulmand schon ganz angekommen in der Bundesliga oder fehlt ihm, gerade in Mainz, ein Karnevals-Gen?

Heidel: Das ist in Mainz keine Einstellungsvorraussetzung. Fragen Sie doch mal Thomas Tuchel, ob er ein Karnevals-Gen hatte! Trotzdem sind beide unterschiedliche Typen. Die Kritiker, die Kasper jetzt vorwerfen zu ruhig zu sein, haben Thomas kritisiert, er sei zu laut. Selbstverständlich lernt Kasper auch noch. Jeder junge Trainer lernt täglich dazu, macht Erfahrungen. Das war bei Klopp und Tuchel nicht anders.

"Sehr nah bei Herrn Guardiola"

bundesliga.de: Auch die Art Fußball spielen zu lassen, unterscheidet sich zumindest in Details...

Heidel: Das Einzige, das Kasper ändern möchte - und da sind wir nicht alleine in der Fußballwelt - ist das Verhalten bei eigenem Ballbesitz, um den Ball nicht mehr so schnell zu verlieren. Ansonsten ist es dasselbe Prinzip, das Thomas immer gepredigt hat: schnell und aggressiv nach vorne. Was diese Spielauffassung betrifft, liegen beide sehr nah beieinander und damit auch sehr nah bei Herrn Guardiola. Im Übrigen ist es nicht so als hätten wir unter Thomas Tuchel und mit seinem System keine Spiele verloren.

bundesliga.de: In der vergangenen Saison gab es einmal fünf Niederlagen in Folge...

Heidel: Genau! Zudem erinnere ich mich an eine Rückrunde, in der wir gerade einmal zwei Spiele gewinnen konnten. Und bei der Negativ-Serie in der vergangenen Saison konnten wir nur mit Riesenglück im sechsten Spiel in der 90. Minute gerade noch das 2:2 gegen Hoffenheim erzielen. Trotzdem hat damals niemand gefragt, was wir unter Thomas Tuchel oder Jürgen Klopp anders gemacht haben, mit dem wir sogar mal sieben Spiele in Folge verloren haben. Ein Club wie Mainz 05 wird immer wieder mal Spiele verlieren und solche negativen Serien durchstehen müssen.

bundesliga.de: Trotzdem war Mainz in den vergangenen fünf Jahren nach Punkten der fünftbeste Verein der Liga; wäre ein Platz in dieser Tabellenregion auch noch langfristiger möglich?

Heidel: Nein. Leider nicht. Es kann immer mal ein Ausnahmejahr geben, wenn bei uns oder auch bei Clubs wie Frankfurt oder Freiburg alles funktioniert, d. h. wenn man bei allen Neuzugängen richtig liegt und keine Verletzten zu beklagen hat. Zudem müssen die großen Clubs mehr Fehler als gewöhnlich machen. Wenn aber Leute fordern "Ihr müsst jetzt auf Dauer Europa League spielen", hat das mit Realismus nichts zu tun. Jede neue Saison, an deren Ende wir über dem Strich stehen, ist ein großer Erfolg. Wer andere Ziele ausgibt, der kennt die Bundesliga nicht.

"Auf einer Stufe mit Augsburg und Freiburg"

bundesliga.de: Ist Ihre Arbeit in den vergangenen Jahren grundsätzlich schwieriger geworden, weil Clubs wie Augsburg, Freiburg, vielleicht auch Paderborn auf ähnliche Weise den Erfolg suchen wie Mainz?

Heidel: Es stimmt, dass wir uns auf einer Stufe mit Augsburg und Freiburg sehen. Rein wirtschaftlich steht hinter uns nur noch der SC Paderborn. Dann kommen Freiburg, Augsburg und wir. Danach ganz lange gar nichts und erst jetzt die Gruppe um Bremen, Frankfurt, Hannover und Köln. Was den Lizenzspieleretat angeht, liegen diese Clubs zehn Millionen Euro vor uns. Verändert hat sich, dass Vereine mit unseren Möglichkeiten wie z. B. der FCK oder Bochum nicht mehr in der Bundesliga sind. Deswegen freue ich mich immer, wenn Clubs aus kleineren Städten, die ihre Ausgaben mit den Einnahmen aus dem originären Fußball-Geschäft bezahlen müssen, erfolgreich sind. Augsburg macht hervorragende Arbeit, kommt aber in der öffentlichen Darstellung viel zu schlecht weg. Es wird darüber diskutiert, warum die großen unten stehen, aber nicht darüber, warum ein kleiner Club wie Augsburg oben ist.

bundesliga.de: Wenn demnächst vielleicht noch Vereine wie Leipzig oder Ingolstadt in der Bundesliga auftauchen sollten, bleibt dann noch Platz für Clubs wie Mainz oder Augsburg?

Heidel: Das ist ein Rechenbeispiel. Es gibt nur 18 Bundesliga-Plätze. Wenn Vereine wie Leipzig und Ingolstadt demnächst vielleicht aufsteigen sollten, kämen zwei sehr finanzkräftige Clubs. Also würde es de facto für Clubs wie Augsburg, Freiburg oder Mainz schwieriger, keine Frage. Deshalb müssen wir unsere Anstrengungen noch verstärken. Ob diese Clubs irgendwann nicht mehr Bundesliga spielen können, wird sich zeigen. Auf jeden Fall wird sich der Fußball verändern.

bundesliga.de: Apropos Veränderung: Borussia Dortmund hat sich im Laufe von nur wenigen Monaten von einem Verein, der regelmäßig um die Champions League gespielt hat, zu einem Club gewandelt, der zumindest vorübergehend im Abstiegskampf steckt. Hätten Sie es für möglich gehalten, dass der BVB und Ihr Freund Jürgen Klopp solche Probleme bekommen?

Heidel: Es gibt wohl keinen Fußballexperten in Deutschland, der es für möglich gehalten hätte, dass Borussia Dortmund die Rückrunde auf dem 17. Platz beginnt. Trotzdem schließe ich mich den Meinungen an, die besagen, dass der BVB ganz sicher nichts mit dem Abstieg zu tun haben und eine viel, viel bessere Rückrunde spielen wird. Für Abstiegskampf ist die Qualität dieser Elf viel zu groß.


Hier geht es zum ersten Teil des Interviews.

Das Gespräch führte Andreas Kötter