Köln - Die schwache Hinserie der Saison 2009/10 hatten viele Experten als einen einmaligen Tiefpunkt des sonst meist erfolgreichen VfB Stuttgart eingeschätzt. Ein Jahr später findet sich der VfB erneut in der Abstiegszone und hofft abermals auf die große Wende in der zweiten Saisonhälfte.

Ein torgefährlicher und technisch überragender Mittelfeldspieler wie Hansi Müller einer war, wäre dem VfB momentan sicher höchst willkommen. Der heute 53-jährige Ex-Stuttgarter sieht seinen Heimatclub im Gespräch mit bundesliga.de vor einer viel schwierigeren Rückrunde als im Vorjahr – ist aber vom guten Ende überzeugt.

bundesliga.de: Herr Müller, in Stuttgart haben die VfB-Fans genau wie in der Vorsaison eine schwache Hinserie erlebt. Glauben Sie, dass der VfB aber auch wieder eine ähnlich gute Rückserie wie im Vorjahr hinlegt?

Hansi Müller: Nein, diesmal ist die Situation ganz anders. Es geht einzig und allein um den Klassenerhalt. Aber wenn die Mannschaft weiter so leidenschaftlich auftritt wie zuletzt gegen Mainz, dann wird sie es auch sicher schaffen.

bundesliga.de: Wie ordnen Sie den Sieg gegen Mainz ein?

Müller: Ich denke, dass das Spiel von der Qualität her eher schlecht war. Der Boden hat natürlich seinen Teil dazu beigetragen, dass ein technisch gutes Spiel nicht möglich war, es gab viele Abspielfehler. Aber so wie sich der VfB präsentiert hat, mit diesem Zusammenhalt und unglaublichen Willen, so ist die Mannschaft auf dem richtigen Weg.

bundesliga.de: Können Sie sich das Wellental erklären, durch das der VfB in den letzten drei Saisonhälften gegangen ist?

Müller: Zunächst mal erwarten die Leute, dass es nach der Sommerpause in demselben Rhythmus so erfolgreich weitergeht, wie die Mannschaft am Saisonende aufgehört hat. Das ist fatal, denn du musst dir alles immer wieder neu erarbeiten. Dazu kommt, dass der Gegner sagt: Aufgepasst, der VfB ist gut drauf, da müssen wir uns besonders in Zeug legen. Und drittens kann es sein, dass einige Spieler, die in der letzten Saison gut drauf waren, körperlich nicht richtig in Schuss gekommen sind.

bundesliga.de: Sehen Sie beim VfB ein oder zwei Spieler, die noch mehr Verantwortung übernehmen oder Führungsqualität zeigen müssten?

Müller: Dem VfB fehlt im Moment ein Spieler wie Mesut Özil, der dieses Überraschende und manchmal Geniale hat. Und es fehlt auch ein Stratege oder Leithammel, der sich in der Mannschaft auch mal unbeliebt macht. Diese Spieler sind aber nicht da, das muss die Mannschaft dann als Kollektiv kompensieren.

bundesliga.de: Kann die Außenseiterrolle, die Stuttgart am Samstag in Dortmund übernimmt, auch ein Vorteil sein?

Müller: Wenn jetzt von außen Prognosen für dieses Spiel abgegeben werden, dann stehen die bei 90:10 oder 80:20 für Dortmund. Kaum einer setzt einen Blumentopf auf Stuttgart. Das ist schon ein Vorteil für den VfB, weil er nichts zu verlieren hat. Es ist auch die Chance, für eine Überraschung zu sorgen. Ich glaube auch an solche Chancen: Denn irgendwann wird Dortmund noch mal einen Mini-Einbruch erleben.

bundesliga.de: Alle schwärmen von der jungen Dortmunder Mannschaft, aber auch der VfB Stuttgart hat jahrelang immer wieder eigene Talente in seine Bundesliga-Mannschaft eingebaut. Warum klappt das in letzter Zeit nicht so gut?

Müller: Das liegt besonders an der fehlenden Kontinuität auf dem Trainerstuhl. Dadurch ist es schwerer, ein Talent über einen gewissen Zeitraum an den Profikader heranzuführen und ihm das Vertrauen zu geben. Dortmund profitiert jetzt von der Arbeit von Jürgen Klopp, der Spieler wie Schmelzer, Großkreutz oder Götze kontinuierlich herangeführt hat. Deshalb wünsche ich es mir, dass Bruno Labbadia eine längere Zeit beim VfB bleiben wird.

bundesliga.de: Was tippen Sie für das Spiel am Samstag?

Müller: Mit einem 1:1 wäre ich sehr zufrieden.