München - Kurz nachdem Alfred Draxler im Jahr 2001 die Leitung der Sportredaktion der Bild am Sonntag übernahm, hieß der Champions-League-Sieger genauso wie heute: FC Bayern München.

Allerdings: so stark wie heute war die Bundesliga noch nie, meint der seit 1978 als Journalist arbeitende Draxler im Interview mit bundesliga.de. Der 60-Jährige über das gewachsene Renommee des deutschen Oberhauses, seine Erwartungen für die gerade angelaufene Saison und das neue Angebot von "bild.de", das seit dieser Spielzeit Bewegbild-Sequenzen von allen Bundesliga-Partien zeigt.

bundesliga.de: Herr Draxler, wie zufrieden sind Sie mit dem neuen Bewegtbildangebot und der Resonanz am 1. Spieltag?

Alfred Draxler: Wir freuen uns über das gute Start-Wochenende. Wichtig ist vor allem, dass die technische Umsetzung zur vollsten Zufriedenheit gelungen ist. Das ist bemerkenswert, weil wir ein Produkt anbieten, das es in dieser Form noch nie gegeben hat. Auch die ersten Reaktionen der User sind durchweg positiv.

bundesliga.de: Was hat Ihnen sportlich am 1. Spieltag besonders gefallen oder Sie besonders überrascht?

Draxler: Der 6:1-Sieg von Hertha BSC und die Tabellenführung des Aufsteigers. Von solchen Überraschungen lebt die Bundesliga.

bundesliga.de: Ist die Berichterstattung im Zuge der neuen Medien besser oder anders als früher?

Draxler: Das Medienangebot hat die Bundesliga komplett verändert. Als ich ein kleiner Junge war, wurden in der Sportschau nur drei Spiele gezeigt. Von den anderen Partien gab es keine bewegten Bilder, die folgten Jahre später mit einer Zusammenfassung des kompletten Spieltags. Danach zeigte Premiere das erste Spiel live, später sogar alle. Wir stellen die Berichterstattung nun auf die nächste Stufe und ermöglichen es dem Fan, den Auftritt seines Vereins jederzeit und so oft er will im stationären und mobilen Internet anzuschauen.

bundesliga.de: Und wie ist das spielerische Niveau heute in der Bundesliga im Vergleich zu den 1960er- und 1970er-Jahren?

Draxler: Da zitiere ich immer wieder gern Franz Beckenbauer, der mir mal gesagt hat, dass er seine Spiele von damals gar nicht mehr im Fernsehen anschauen möchte. Fußball war früher einfach in allen Belangen einen Tick langsamer und behäbiger. Neue und intensivere Trainingsmethoden, vor allem im Jugendbereich, haben dazu geführt, dass sich das Niveau in der Bundesliga immer weiter gesteigert hat und auch noch steigern wird.

bundesliga.de: Mit einem FC Bayern München, der erneut alles in Grund und Boden spielt?

Draxler: Ich habe mich über den Sieg der Dortmunder im Supercup gefreut. Denn der BVB hat damit gezeigt, dass ein Alleingang des scheinbar übermächtigen FC Bayern nicht selbstverständlich ist. Dieser Zweikampf wird sicherlich wieder sehr spannend und die Fans in Deutschland in seinen Bann ziehen.

bundesliga.de: Können Mannschaften wie der FC Schalke 04 oder Bayer 04 Leverkusen ein Wörtchen bei der Vergabe der Meisterschaft mitreden?

Draxler: Das wünsche ich mir natürlich. Aber das Spielerniveau der Bayern und des BVB beim Supercup war so überragend, dass die anderen Teams wohl nur wenige Chancen haben, in den Titelkampf einzugreifen. Sicherlich sind der FC Schalke 04 und auch Bayer Leverkusen in der Lage, die Favoriten mal zu schlagen. Aber ihnen fehlt die Konstanz, dieses Niveau über 34 Spieltage zu halten.

bundesliga.de: Welche Teams dürfen sich Chancen aufs europäische Geschäft machen?

Draxler: Es gibt sieben, acht Teams, die um die Plätze in der Champions und Europa League streiten. Die anderen Mannschaften werden gegen den Abstieg kämpfen. Aber das Schöne an der Bundesliga ist, auch wenn das ein wenig abgedroschen klingen mag, dass jeder jeden schlagen kann.

bundesliga.de: Kann das bei einigen Teams vielleicht zu viel Druck erzeugen?

Draxler: Druck haben grundsätzlich alle Mannschaften. Aber die größte Last liegt auf den Schultern des FC Bayern. Ein Triple zu wiederholen ist in meinen Augen nahezu unmöglich. Und da haben die Münchner den besonderen Druck, vom Niveau der Vorsaison nicht abzufallen und sich spielerisch vielleicht sogar noch zu steigern.

bundesliga.de: Sollten die anderen Mannschaften den FC Bayern als Vorbild nehmen?

Draxler: Man sollte sich immer am Branchenführer orientieren. Und das sind in dem Fall Bayern und auch Dortmund. Spannend wird es sein, ob Pep Guardiola ein neues System beim FC Bayern einführt. Denn dann werden sicherlich viele andere versuchen, dieses System zu kopieren. Und das führt dann wieder zu einem Anstieg des sportlichen Niveaus.

bundesliga.de: Wo steht die Bundesliga im internationalen Vergleich?

Draxler: Die Bundesliga ist sportlich bestens aufgestellt. Mehr als zwei deutsche Vereine im Endspiel der Champions League geht nicht. Wenn die Teams die Einnahmen weiterhin so zielgerichtet und sinnvoll einsetzen wie im Moment, dann war das Finale von Wembley bestimmt keine Eintagsfliege.

bundesliga.de: Sie sprechen es an: Vor allem der FC Bayern und Borussia Dortmund haben Millionen in neue Spieler investiert. Können Sie sich an eine ähnliche Kauflust in der Bundesliga-Geschichte erinnern?

Draxler: Nein, daran kann ich mich nicht erinnern. Aber die Dimensionen auf dem Transfermarkt haben sich auch stark verändert. Als Werder Bremen Anfang der 70er mehrere 100.000 Deutsche Mark für Spieler ausgab, hieß es schon, dass das Profitum an die Grenze stoßen würde. Doch die Entwicklung ist seitdem immer fortgeschritten und das wird auch zukünftig so sein.

bundesliga.de: Verändert das auch die Wahrnehmung der Bundesliga im Ausland?

Draxler: Die Wahrnehmung hat sich vor allem in Spanien durch den Wechsel von Pep Guardiola zum FC Bayern noch einmal gesteigert. Die großen Sport-Tageszeitungen wie "Marca" oder auch "As" sind voll des Lobes für den deutschen Fußball.

bundesliga.de: Ist die Bundesliga in dieser Saison so stark wie nie zuvor?

Draxler: Ja, das glaube ich schon. Allein schon die Zahl der internationalen Superstars, die in der Bundesliga spielen, ist ein Indiz dafür. Wir haben zum Glück auch immer noch keine spanischen Verhältnisse, mit Real Madrid und dem FC Barcelona, die seit Jahren in der Primera Division alles dominieren. In der Bundesliga wird es an der Spitze irgendwann wieder einen Wechsel geben. Deshalb: Die Bundesliga ist so stark wie nie und neben der spanischen Primera Division und der englischen Premier League die stärkste Liga in Europa.

Das Gespräch führte Michael Reis