München - Olaf Thon nimmt selten ein Blatt vor den Mund und eckt mit seiner Meinung auch manchmal an. Als der Weltmeister von 1990 vor einigen Wochen Bastian Schweinsteiger kritisierte, war das Medienecho enorm. Nach dem Saisonende bat bundesliga.de den früheren Schalke- und Bayern-Star, der drei Mal Meister, zwei Mal Pokalsieger und einmal UEFA-Cup-Gewinner wurde, um sein persönliches Saisonfazit.

bundesliga.de: Herr Thon, die Saison 2012/13 ist Geschichte. Woran erinnern Sie sich spontan als erstes?

Olaf Thon: Ich denke daran, dass der FC Bayern nach einem Jahr ohne Titel eine atemberaubende, phänomenale Saison gespielt hat (Saisonrückblick). Schon im letzten Jahr hätte man zwei oder drei Titel holen können. Es freut mich besonders für Jupp Heynckes, unter dem ich drei Jahre gespielt und zwei Deutsche Meisterschaften errungen habe. Das ist der krönende Abschluss seiner letzten Saison in der Bundesliga. Man darf aber nicht nur in der Spitze alles rosig sehen. Es gab auch andere Clubs, die eine atemberaubende Saison absolviert haben. Wie sich der BVB in dieser Saison gerade in der Champions League verkauft hat und internationale Teams wie Real Madrid geschlagen hat, verdient höchste Anerkennung. Sie sind souverän 2. geworden. Auch den FC Augsburg darf man nicht vergessen, der sich mit Stefan Reuter noch gerettet hat (Saisonrückblick). Das war Abstiegskrimi a la Hitchcock. Die Düsseldorfer waren die, die weniger gut wegkamen. Jetzt haben sie Norbert Meier entlassen, der Großes geleistet hat. Man hat nicht schnell genug erkannt, wie schwer es in der Bundesliga sein kann, die rettenden drei Punkte zu machen. Das ist ihnen in über zehn Spielen nicht gelungen. Daher stehen die Absteiger auch entsprechend fest, weil sich Hoffenheim am Ende noch sehr gut verkauft und gerettet hat (Der Abstiegskampf im Video).

bundesliga.de: Was war für Sie die größte Überraschung?

Thon: Es war schon beeindruckend, wie der FC Bayern die Saison gemeistert hat und mit welcher Leidenschaft angefangen beim Präsidenten über das Trainerteam um Jupp Heynckes bis hin zu dieser von Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger toll geführten Mannschaft. Die beiden sind für ihren Verein durchs Feuer gegangen und haben Leidenschaft vorgelebt und dies aufs ganze Team übertragen. Die Kombination mit Manuel Neuer im Tor und den Individualisten in der Offensive, Arjen Robben und Franck Ribery, war stark. Wie sie dann auch zusammengehalten und gefeiert haben, das war nicht der "arrogante" FC Bayern, sondern ein Team, das sich auch viele Sympathien wieder erarbeitet hat, die es in den letzten Jahren etwas verspielt hatte, als es für viele keine Mannschaft zum Anfassen war. Aber in diesem Jahr hat die Mannschaft richtig Spaß gemacht.

bundesliga.de: Was hat Sie abgesehen von den Bayern noch erstaunt?

Thon: Der SC Freiburg auf einem anderen Niveau als die Bayern. Der Verein ist sympathisch, allen voran der Trainer Christian Streich, der mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt. Verglichen mit dem FC Bayern ist das alles beschaulich. So eine Saison ist phänomenal (Saisonrückblick). Sie sollten jetzt nicht negativ an die kommende Saison gehen und nur die Dreifachbelastung und mögliche Abstiegsgefahr sehen. Sie sollten den Erfolg mitnehmen und das Beste daraus machen. Daraus ergeben sich Möglichkeiten, Spieler einzukaufen. Ich traue ihnen zu, eine ähnliche Saison wie in diesem Jahr zu spielen, obwohl sie wichtige Abgänge kompensieren müssen. Aber wenn sie 10. werden, können sie auch zufrieden sein.

bundesliga.de: Welcher Club hat die Erwartungen nicht erfüllt?

Thon: Sicherlich der Hamburger SV (Saisonrückblick), der unterm Strich mit seinen Möglichkeiten viel zu wenig geschafft hat und nicht umsonst den Sportdirektor entlassen hat. Jetzt kommt Oliver Kreuzer, mit dem ich auch noch zusammen gespielt habe. Der Neuanfang wird nicht einfach. Ich drücke ihm die Daumen. Hamburg hat leider mehr mit sich selbst intern zu kämpfen. Wenn man keine Einheit ist, hat man auch keine Chance, oben anzugreifen.

bundesliga.de: In der Saison 2012/2013 sind exakt 898 Tore gefallen, so viele wie lange nicht mehr. Geht der Trend wieder zum Offensivfußball

Thon: Absolut. Man hat beobachtet, was in Spanien und England passiert. Man sollte versuchen, das Spiel selbst in die Hand zu nehmen, Ballbesitz zu haben, den aber auch nicht zu übertreiben mit dem Tiki Taka, Forechecking spielen. Das haben sehr viele Mannschaften beherzigt, nicht nur die großen Drei oder Vier, sondern auch andere Mannschaften wie den FC Augsburg, der in der Rückrunde im eigenen Stadion immer nach vorne gespielt hat. Das ist ein Trend, der zurückgeht auf die gute Nachwuchsarbeit, die auch nicht zuletzt noch von Matthias Sammer beim DFB eingefädelt wurde. Es hat sich dadurch ein ganz anderer Typ von Spieler im Offensivbereich entwickelt. Wenn ich da nur an Spieler wie Andre Schürrle, Julian Draxler oder Mario Götze denke. Diese Spieler machen Spaß. Der Trend geht in die richtige Richtung. Die Grundaussage ist, einfach nach vorne zu spielen (Trends der Bundesligasaison 2012/2013).

bundesliga.de: Es fallen mehr Tore, aber der typische Mittelstürmer, der Goalgetter scheint aus der Mode zu kommen. Wurde er durch den spielende Mittelstürmer verdrängt?

Thon: Diese Spearheads sind tatsächlich etwas ins Hintertreffen geraten, werden aber weiterhin gebraucht. Das haben wir bei Mario Gomez im Pokalfinale gesehen. Als Ergänzung. Aber es geht mehr in die Richtung, die Barcelona vorgegeben hat, mit einem spielenden Mittelstürmer, weil die Räume vorne sehr eng werden. Man kann nicht mehr mit einem System eine Saison durchspielen, man muss flexibler werden, wie der FC Bayern das vorgemacht hat.

bundesliga.de: Wer war für Sie Ihr Fußballer des Jahres?

Thon: Nach den Schwierigkeiten, die Arjen Robben im letzten Jahr hatte, als er von den eigenen Fans sehr stark angegriffen wurde, hat er nun im Champions-League-Finale das entscheidende Tor geschossen. Er ist noch vor Franck Ribery für mich der Spieler der Saison.

bundesliga.de: Sie haben vor einigen Monaten Bastian Schweinsteiger hart kritisiert und gesagt, dass er Mühe haben werde sich noch zur WM 2014 zu retten. Wie bewerten Sie diese Aussage im Rückblick auf die Saison Schweinsteigers?

Thon: Ich glaube, die Verantwortlichen haben sich nicht das ganze Interview angesehen. Sonst hätten sie gemerkt, dass ich zu 90 Prozent pro Schweinsteiger war und immer noch bin. Mit Zielrichtung auf die WM 2014 habe ich gesagt, dass ich überrascht bin, wie er und auch Philipp Lahm diese Dreifachbelastung schaffen. Ich hoffe nicht, dass es ihm geht wie Michael Ballack, der nach einer Verletzung nicht mehr den Anschluss gefunden hat. Nach dieser Saison muss ich sagen, dass es phänomenal war, was sie geleistet haben. Hut ab. Dass man gewisse Dinge mal anspricht, dass "Schweini" einen besonderen Spielstil hat, aber neben vielen Vorzügen auch ein paar Defizite hat, sollte nicht missverstanden werden als absolute Kritik. Nach meiner leichten Kritik an Schweinsteiger ist er eher noch besser geworden. Er ist ein toller Spieler und in dieser Mannschaft der Kopf und Schlüsselspieler. Er hat hervorragend funktioniert. Ich drücke ihm die Daumen, dass er auch 2014 der Schlüsselspieler für Jogi Löw ist und die Weltmeisterschaft nach Deutschland holt.

bundesliga.de: Halten Sie den WM-Titel im nächsten Jahr für möglich?

Thon: Die Bundesliga boomt und ist führend in Europa und sogar der Welt. Daher ist Jogi Löw im nächsten Jahr gefragt, mit der deutschen Nationalmannschaft einen Titel zu gewinnen. Das ist schwer, das hängt auch vom Glück ab, man muss durchaus auch einmal wie wir 1990 im Elfmeterschießen durchkommen. Am besten gegen die Engländer, weil man gegen die immer gewinnt. Das wünsche ich Jogi Löw, der einen Superjob macht. Falls es dann aber nicht klappen sollte, ist meiner Meinung nach aber auch die Zeit gekommen, dass Jogi Löw darüber nachdenken sollte, etwas anderes zu machen. Aber das sind so Thesen, die man aufstellen kann. Ich möchte positiv denken, weil ich Jogi Löws Arbeit sehr schätze. Ich hoffe, dass er mit dieser Mannschaft erfolgreich ist.

bundesliga.de: Wenn Sie sagen, dass die Bundesliga für Sie führend in Europa ist. Kann man dann von einer Wachablösung sprechen?

Thon: Wir sind die führende Liga. Das Problem wird nur sein, dieses Niveau zu halten. Das wird schwerer, als einmal dorthin zu kommen. Es hat Jahre gedauert, bis zwei Mannschaften in der Champions League endlich im Finale gegeneinander spielen. Wir haben im Unterbau noch mehrere Mannschaften wie Leverkusen, Schalke, Hamburg, Freiburg, Hannover und andere, die international im Verhältnis noch viel besser spielen können in der Europa League als in diesem abgelaufenen Jahr. Ich sehe keine bessere Liga als die deutsche Bundesliga.

bundesliga.de: Was erwarten Sie von der kommenden Saison?

Thon: Ich freue mich auf die neue Saison und bin gespannt, wo die Mannschaften dann einlaufen werden. Läuft der FC Bayern wieder davon, kann Schalke mal wieder nach oben schauen, kann Dortmund sich stabilisieren? Was passiert mit den Aufsteigern? Die große "Alte Dame" Hertha ist wieder da mit einem großen Etat. Da ist eine Überraschung drin. Hertha kann einen einstelligen Tabellenplatz erreichen (Sommerfahrplan der Bundesligisten).

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski


Der große Saisonrückblick