Berlin - Wie geplant ist Hertha BSC nach nur einer Saison zurück in der Bundesliga. Der Hauptstadt-Club hat die 2. Bundesliga über weite Teile der vergangenen Spielzeit dominiert und souverän den Wiederaufstieg geschafft.

Welche Chancen die "alte Dame" hat, erklärt Ex-Herthaner Marko Rehmer im exklusiven Gespräch mit bundesliga.de. Der Vize-Weltmeister von 2002 spricht aber auch über mögliche Gefahren, die den Aufsteiger erwarten und zeigt auf, wo die Verantwortlichen personell noch nachbessern sollten.

bundesliga.de: Herr Rehmer, Hertha BSC hat sich mit Andreas Ottl, Thomas Kraft und Maik Franz verstärkt. Wie schätzen Sie diese drei Spieler ein?

Marko Rehmer: Sie sind auf jeden Fall Verstärkungen für den Kader. Allerdings muss man schauen, wie sie sich in die Mannschaft einfügen. Thomas Kraft hat sicherlich ein paar gute Spiele für die Bayern gemacht, aber bei ihm muss man mal abwarten, wie er sich durchsetzt. Maik Franz schätze ich als wahre Verstärkung für die Innenverteidigung ein. Außerdem bringt er Führungsqualitäten mit. Er ist ein Leader, einer, der vorneweg geht. So einen braucht man immer. Andreas Ottl ist durch seine Zeit bei den Bayern sehr erfahren und wird der Hertha sicherlich auch weiterhelfen.

bundesliga.de: In der vergangenen Saison hatten die Berliner die zweitbeste Defensive und in der Offensive waren sie sogar die Nummer eins. Dort sind bislang aber keine neuen Spieler geholt wurden. Ist das nicht nötig?

Rehmer: Prinzipiell sind sie im Angriff gut aufgestellt. Allerdings hatte die Hertha in der vergangenen Saison das Glück, weitestgehend von Verletzungen verschont geblieben zu sein. Ich denke, dass im Offensivbereich noch etwas getan werden sollte, zumal in der Bundesliga ja ein anderes Niveau herrscht als in der 2. Liga. Man weiß ja auch nicht, wie sich beispielsweise Pierre-Michel Lasogga auf die Umstellung reagieren wird. Der hat in der vergangenen Saison ja eine fantastische Entwicklung genommen, aber die Bundesliga ist eine andere Nummer.

bundesliga.de: Andererseits hat er mit Ramos, Raffael und Rob Friend erfahren Spieler an seiner Seite. Werden die drei ihn sich mal an die Hand nehmen und erklären, wie die Bundesliga läuft?

Rehmer: Das ist schon wichtig, dass es solche Spieler gibt, die die Jungen beiseite nehmen und ihnen auch Dinge erklären. Aber gerade in solchen Angelegenheiten ist er auch sehr gut bei Markus Babbel oder Michael Preetz aufgehoben. Die werden ihm sicherlich helfen und auch sagen, dass es nicht weiterhin so steil bergauf laufen wird. Er wird sich erneut beweisen und durchbeißen müssen.

bundesliga.de: Denken Sie, dass die Hertha etwas vom Rückenwind dieser fantastischen Zweitliga-Saison mitnehmen kann?

Rehmer: Ich denke schon, aber darauf darf man sich nicht verlassen. Natürlich hat man eine zumeist souveräne Saison gespielt, auch wenn es eine Zeit lang ja nicht so gut lief und die Mannschaft mal nur auf Platz 5 stand. Aber auch wenn es gelingen sollte, den Schwung aus dem Vorjahr mitzunehmen, darf man sich davon nicht blenden lassen. Gerade in der vergangenen Bundesliga-Runde hat man gesehen, dass einige Teams, die gut gestartet sind, am Ende ganz unten zu finden waren. Aber die erfahrenen Spieler wie Lell, Ottl, Franz oder Niemeyer wissen das auch und werden das richtig bewerten.

bundesliga.de: Trotzdem kann ein guter Start ja auch der Grundstein für eine starke Saison sein. Wie beurteilen Sie in dieser Hinsicht das Auftaktprogramm der Hertha mit dem Heimspiel gegen Nürnberg und den dann folgenden Auswärtsspielen in Hamburg und Hannover?

Rehmer: Dass man mit einem Heimspiel startet, ist schon einmal sehr gut. Auch wenn das in der Abstiegssaison damals mit dem Sieg gegen Hannover letztendlich nicht geklappt hat. Der Start an sich ist wichtig, doch mit Nürnberg kommt eins der Überraschungsteams aus der letzten Saison. Die werden dementsprechend auch mit breiter Brust auftreten. Daher wird das eine interessante Sache. Genau wie die Parte in Hannover. 96 muss sich diese Saison auch wieder beweisen. Das Auftaktprogramm hätte schlimmer sein können, aber ich, für mich persönlich, tendiere eher dazu, erst nach den ersten fünf Spielen eine Bilanz zu ziehen.

bundesliga.de: Also fällen Sie Ihr Urteil über den Start der "alten Dame" erst nach der Partie in Dortmund?

Rehmer: Genau, da wird sich dann eine erste grobe Richtung zeigen, auch wenn die Saison natürlich noch lange dauert. Doch eine erste Tendenz kann man dann ausmachen.

bundesliga.de: Wie wird sich Hertha BSC orientieren können? Wird es die ganze Saison über gegen den Klassenerhalt gehen oder trauen Sie der Mannschaft von Markus Babbel mehr zu?

Rehmer: Für einen Aufsteiger ist die oberste Prämisse natürlich, den Klassenerhalt schnellstmöglich klarzumachen. Man wird intern bestimmt das Ziel verfolgen, schnell unten rauszukommen und, wenn möglich, im gesicherten Mittelfeld zu landen. Das traue ich der Mannschaft auch durchaus zu.

bundesliga.de: Was wird die Hertha in der Saison 2011/12 denn ausmachen?

Rehmer: Ich hoffe, dass sie weiterhin diesen erfrischenden offensiven Fußball spielen wird. Das ist ja auch die Philosophie von Markus Babbel. Ich fände es schön, wenn es ihr gelingen würde, ihre Stärken auszuspielen und in die Offensive gehen zu können.

Das Gespräch führte Gregor Nentwig