Die Saison von Bayer Leverkusen war alles andere als zufriedenstellend. Kein Titel und keine Qualifikation für den internationalen Wettbewerb. In der neuen Spielzeit soll vieles besser werden.

Im Gespräch mit bundesliga.de äußert sich der ehemalige Bayer-Manager und Geschäftsführer Reiner Calmund über die abgelaufene Saison und den aktuellen Wechsel auf der Trainerbank von Bruno Labbadia zu Jupp Heynckes.

bundesliga.de: Herr Calmund, das Trainerkarussell in der Bundesliga dreht sich gewaltig. Für einen Paukenschlag hat Bayer Leverkusen gesorgt. Hat auch Sie der Wechsel von Bruno Labbadia zu Jupp Heynckes überrascht und haben die Verantwortlichen damit eine gute Wahl getroffen?

Reiner Calmund: Das kam sicherlich überraschend, dass Jupp Heynckes zum zweiten Mal in kürzester Zeit ein Comeback als Trainer anstrebt. Ich halte die Entscheidung für vernünftig und mit Peter Hermann werden die Leverkusener wohl auch noch einen erfahrenen Co-Trainer in ihren Diensten haben. Mit dieser Trainerentscheidung und dem kommenden Kader kann Bayer wieder höhere Ziele anstreben.

bundesliga.de: Was hat Heynckes, was Labbadia nicht hat?

Calmund: Jupp Heynckes hat enorme Erfahrung, er trainierte Borussia Mönchengladbach zu deren besten Zeiten, ist mit Bayern München Meister und mit Real Madrid Champions-League-Sieger geworden. In diesem Punkt liegt er gegenüber Labbadia weit vorne. Den Wechsel von Labbadia zum Hamburger SV betrachte ich als vernünftig und ich denke, so war es für alle Beteiligten die beste Lösung. Labbadia ist ehrgeizig und gradlinig. Für ihn wird Hamburg eine tolle Herausforderung. Ich sehe es genau wie Rudi Völler, der gesagt hat, dass Labbadia nach Christoph Daum der bisher beste Trainer war, den wir in den letzten Jahren in Leverkusen hatten. Mit Heynckes hat Leverkusen eine sehr gute Alternative und mit Peter Hermann als Co-Trainer einen weiteren erfahrenen Mann, der das Umfeld in Leverkusen bestens kennt. Völler als Manager vollendet das gelungene Paket. Dazu kommt das umgebaute Stadion, damit kann man zuversichtlich in die Zukunft blicken.

bundesliga.de: Auch zahlreiche andere Clubs haben neue Trainer beziehungsweise sind noch auf der Suche wie der 1. FC Köln. Haben Sie so etwas schon mal erlebt?

Calmund: Es waren ungewöhnlich viele Trainerwechsel zum Saisonschluss. Das Fußball-Geschäft ist schnelllebig geworden und auch das Trainerkarussell dreht sich dabei immer schneller. Außer der Entlassung von Jürgen Klinsmann beim FC Bayern kam es bis zum Saisonende aber zu keinen willkürlichen Trainer-Diskussionen. Entscheidungen wie die von Hans Meyer in Mönchengladbach oder Christoph Daum in Köln, nach der Saison aufzuhören, sollten akzeptiert werden, insbesondere wenn eine mögliche Ausstiegsklausel im Vertrag festgelegt ist.

bundesliga.de: Bayer ist in der abgelaufenen Saison letztlich Neunter geworden, was für die eigenen Ansprüche zu wenig ist. Wie stark haben Sie die Mannschaft gesehen?

Calmund: Die Mannschaft hat in der Hinrunde einen wunderbaren Fußball gespielt und war zur Winterpause nur drei Punkte hinter dem Herbstmeister aus Hoffenheim. Zuhause hätten aufgrund der Spielanteile und Torchancen, die die Mannschaft in den Spielen hatte, noch ein paar Punkte und Tore dazukommen können. Mit der Hinserie konnte man absolut zufrieden sein, in der Rückrunde lief dann nichts mehr.

bundesliga.de: Was war ausschlaggebend für das Abrutschen in der Rückrunde?

Calmund: Ein Grund dafür lag meiner Ansicht nach am Umzug in ein anderes Stadion. Wenn man nicht mehr in Leverkusen, sondern plötzlich in Düsseldorf spielt, ist das schon etwas anderes. Aber ich glaube auch, dass es atmosphärische Störungen zwischen Mannschaft und Trainer gab. Die Chemie hat nicht gestimmt, das war beim DFB-Pokalfinale deutlich zu sehen. Wer da jetzt inwiefern der Schuldige war, das kann ich nicht beurteilen, dafür bin ich nicht tagtäglich im Geschehen mit drin. Aber das ist wie bei einer Scheidung, es gibt immer zwei Schuldige, und wenn die Chemie nicht stimmt, ist es besser getrennte Wege zu gehen.

bundesliga.de: Was trauen Sie dem Team in der kommenden Saison zu?

Calmund: Leverkusen war in den letzten 20 Jahren sehr oft unter den Top Fünf der Bundesliga. Nehmen wir aber mal die Abschlusstabelle der jetzigen Saison: Hoffenheim ist als Herbstmeister abgerutscht. Mit Dortmund, Bremen oder auch Schalke haben sich ambitionierte Vereine trotz guten Personals in der Liga nicht für einen internationalen Wettbewerb qualifizieren können. Leverkusen noch hinzugenommen und damit hätten wir schon fünf Clubs, die stets oben mitspielen werden oder wollen. Dazu kommen Vereine wie Hamburg, Stuttgart, Wolfsburg und Bayern München, die Jahr für Jahr um die Top-Platzierungen kämpfen. Das zeigt wie schwierig es ist, unter die ersten Fünf zu kommen. Leverkusen hat das Potenzial und die sportliche Führung, um das mit der Mannschaft zu schaffen. Von einem Champions League-Platz bis hin zum undankbaren Platz 6 ist alles möglich.

bundesliga.de: Einige Bayer-Spieler werden offenbar von anderen Clubs umworben. Können durch die Verpflichtung von Heynckes die Spieler gehalten werden?

Calmund: Leverkusen hat gute Spieler und das erkennen auch andere Vereine. Aber ich würde den Spielern, die lieber international spielen wollen und eventuell mit einem Wechsel liebäugeln, sagen, dass sie sich an die eigene Nase fassen und sich darüber Gedanken machen sollten, woran es diese Saison gelegen hat, dass es in der Rückrunde nicht weiter nach oben ging. In der kommenden Saison gilt es dies besser zu machen.

Das Gespräch führte Stefan Reiner