Köln - Peter Neururer gehört zu den erfahrenen Trainern der Bundesliga. In den letzten 27 Jahren hatte er 14 Engagements bei Vereinen der Bundesliga und der 2. Bundesliga.

Mit dem 1. FC Saarbrücken und dem VfL Bochum stieg er in die Bundesliga auf, auf Schalke und in Köln avancierte er zum Retter. Im Gespräch mit bundesliga.de äußert sich der 59-Jährige zum Topspiel Wolfsburg gegen Bayern, zu den Problemen von Borussia Dortmund und den spannenden Abstiegskampf.

bundesliga.de: Herr Neururer, am Freitagabend startet die Bundesliga mit dem Topspiel zwischen dem VfL Wolfsburg und dem FC Bayern München in die Rückrunde. Was erwarten Sie für ein Spiel? Kann Wolfsburg die Bundesliga noch einmal spannend machen?

Peter Neururer: Wenn der Erste und der Zweite aufeinanderprallen, hört sich das nach einem Duell auf Augenhöhe an. Aber um in dieser Paarung auf Augenhöhe zu sein, muss sich einer der beiden ganz tief bücken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in der Meisterschaft noch einmal spannend wird. Die Bayern spielen in dieser Saison weiterhin auf einem anderen Niveau. Da kommt - auf die Bundesliga bezogen - leider keine andere Mannschaft heran. Die Wolfsburger sind sicher imstande, einmal ein Spiel gegen die Bayern zu gewinnen. Aber das wird nichts daran ändern, dass Bayern München ungefährdet durchmarschiert und Deutscher Meister wird.

"Bundesliga ist spannend wie nie zuvor"

bundesliga.de: Ihr Kollege Felix Magath sieht das in einer Kolumne für die Sport-Bild etwas anders. Er traut Wolfsburg zu, die Bayern noch in dieser Saison zu attackieren - unter der Voraussetzung eines Sieges am Freitagabend. So ein Erfolgserlebnis könnte noch einmal zusätzliche Kräfte mobilisieren, glaubt er.

Neururer: Der Felix war ja Trainer in Wolfsburg und bei den Bayern. Der möchte keinem Verein auf die Füße treten. Dafür habe ich großes Verständnis. Nochmal: Wolfsburg ist genauso wie jede andere Mannschaft der Bundesliga in der Lage, die Bayern einmal zu schlagen. Aber die Bayern haben elf Punkte Vorsprung. Das ist utopisch. Wer sich mit solchen Gedanken auseinandersetzt, macht einen ganz großen Fehler.

bundesliga.de: Wie gut tut ein starker FC Bayern der Bundesliga?

Neururer: Das ist wunderbar. Die Bundesliga ist spannend wie nie zuvor. Von Tabellenplatz 10 bis 18 geht es ausschließlich um den Klassenerhalt. Alle anderen Mannschaften spielen um die Champions-League- bzw. Europa-League-Plätze. Nur die Meisterschaft ist vergeben. Jetzt wartet die Bundesliga darauf: Wer holt gegen die Bayern Punkte? Der Hamburger SV, Schalke 04 und Mönchengladbach haben es geschafft, einen Punkt zu holen. Wer ist imstande, gegen die Bayern einmal zu gewinnen? Ansonsten gebe ich Rudi Völler Recht: An der Tabellenspitze wird sich in den nächsten zehn Jahren nichts großartig ändern. Vielleicht haben die Bayern in den nächsten Jahren einmal Probleme mit sich selber. Das kann immer mal passieren. Wenn dann andere Mannschaften optimale Leistungen bringen sollten, könnten sie vielleicht mal die Bayern kurzfristig überholen.

bundesliga.de: In der Bayern-Mannschaft stehen einige Spieler - wie Lahm, Schweinsteiger, Robben, Ribery, Alonso - die um die 30 Jahre alt sind. Ein Generationswechsel wird in absehbarer Zukunft anstehen. Könnte das eine Chance für den Rest der Bundesliga sein?

Neururer: Das glaube ich nicht. Gucken Sie mal, wen die Bayern schon verpflichtet haben. Das fing mit einem Joshua Kimmich an. Die Bayern schlafen nicht auf dem Baum. Sie sorgen jetzt schon dafür, dass Nachwuchsleute mit höchster Qualität kommen. Das wird so weitergehen.

"Dortmund sollte in Leverkusen nicht verlieren"

bundesliga.de: Wechseln wir das Thema: Haben Sie eine Ahnung, welche Mannschaft in den 51 Jahren Bundesliga-Geschichte am ersten Spieltag der Rückrunde am erfolgreichsten abgeschnitten hat?

Neururer: Nein, das weiß ich nicht.

bundesliga.de: Es ist der FC Schalke 04, der 25 seiner 46 Auftaktspiele zur Rückrunde gewonnen hat.

Neururer: Das ist wunderbar. Nur Schalke 04 muss diesen Rekord jetzt weiter ausbauen, sonst bekommen sie Probleme mit der eigenen Zielsetzung Qualifikation zur Champions League. Hannover 96 ist auch gut dabei und will, wie Herr Kind (Martin Kind, Präsident von Hannover, Anm. d. Red.) sagte, Richtung Europa League durchstarten. Das wird gleich ein Knallerspiel zum Auftakt.

bundesliga.de: Die zweitbeste Mannschaft in dieser Statistik ist Borussia Dortmund. Der BVB sollte sicher langsam Punkte sammeln, um sich aus der Abstiegszone zu befreien. Die Dortmunder müssen nach Leverkusen.

Neururer: Ja, aber Hans-Joachim Watzke sagt mit Recht, dass der BVB nicht am ersten Rückrunden-Spieltag punkten muss. Sie spielen beim Tabellendritten. Eigentlich ist das vom Tippzettel eine relativ klare Sache. Aber wir wissen, welche Qualitäten die Dortmunder haben können. Die Borussia hat noch 17 Spieltage Zeit, Punkte zu machen. Sie werden nicht den Fehler machen, den gesamten Fokus auf Leverkusen zu legen. Selbst wenn sie dort gewinnen, sind sie noch lange nicht durch. Dortmund sollte aber in Leverkusen bestrebt sein, zumindest nicht zu verlieren.

bundesliga.de: Wie gefährlich ist es aus Trainersicht, wenn alle Experten sagen, dass Dortmund sicher die Klasse hält und noch Richtung internationale Plätze gucken kann?

Neururer: So denken nur Schwachmaten. Dortmund hat eine Mannschaft, die normalerweise nicht unten reingehört. Aber genau diese Mannschaft ist ja in diese Situation geraten. Daher macht man einen Riesenfehler, wenn man danach schaut, wie weit die internationalen Plätze entfernt sind. Dann kommt man unten nicht raus.

"Der Abstiegskampf wird eine heiße Geschichte"

bundesliga.de: Der BVB steckt ja seit Mitte der Hinrunde im Abstiegskampf und hat es in den letzten sieben, acht Spielen nicht geschafft, dauerhaft die Trendwende einzuleiten. Wo lagen die Probleme?

Neururer: Jürgen Klopp hatte mit seiner Mannschaft das Pech, dass er viele Spieler einsetzen musste, obwohl diese wegen Trainingsrückstandes eigentlich noch nicht so weit waren. Es ist immer wieder ein Spieler weggebrochen. So ist mehr oder weniger das ganze Gerüst der Mannschaft zusammengebrochen. Dann traf der BVB auf Gegner, die ihn mit den eigenen Waffen geschlagen haben. Hinzu kamen immer wieder Fehler, die hinten oder in der Rückwärtsbewegung eingestreut wurden, die der Gegner ausgenutzt hat. So kamen die zehn Niederlagen zustande. Die Dortmunder sollten jetzt nicht auf die internationalen Plätze schielen, selbst wenn sie jetzt die ersten zwei, drei Spiele gewinnen, sondern die jetzige Champions-League-Saison mitnehmen, etwas fürs Selbstwertgefühl tun und so weit wie möglich kommen. Ich denke, dass die Dortmunder diese Differenzierung aber auch vornehmen werden.

bundesliga.de: Ab Platz 10 befindet sich die halbe Bundesliga im Abstiegskampf. Trauen Sie sich eine Prognose zu, wer sich retten wird und wer nicht?

Neururer: Nein. Die Tabelle sagt alles aus. Alle Mannschaften ab Platz 10 dürfen nur noch das Ziel Klassenerhalt haben. Dazu gehört der famos auftrumpfende Aufsteiger aus Paderborn. Anfangs wurde davon gesprochen, dass sie gar keine Chance haben. Die haben sie jetzt aber. Allerdings steht Paderborn ganz nah am Abgrund - wie die anderen Vereine auch. Vereine, die aus der Vergangenheit hätten lernen können, etwa Stuttgart, Hamburg oder Bremen. Diese Traditionsclubs und Urgesteine der Bundesliga stehen auch unten drin. Bei Freiburg sehe ich es anders, weil der Sport-Club von vorneherein wusste, dass es nur darum ging, die Liga zu erhalten. Beim 1. FC Köln ist es so, dass die Mannschaft tolle Auswärtsleistungen gebracht hat. Die müssen sie wiederholen, aber auch zuhause ein bisschen punkten. Das wird noch eine heiße Geschichte. Ich gehe davon aus, dass es bis zum letzten Spieltag spannend bleiben wird.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski