Köln - Gerhard Stoll ist Fan von Bayer Leverkusen und verpasst seit vielen Jahren kaum ein Heimspiel der Werkself. "Wenn ich nach einem Spiel nach Hause gehe, kann ich mittlerweile wirklich sagen, dass ich die Partie gesehen habe", erklärt Stoll. Eigentlich kein besonders bemerkenswertes Statement. Wäre da nicht der Stock an Stolls Seite. Gerhard Stoll ist blind. Damit er seine Mannschaft aber trotzdem "sehen" kann, gibt es in den Stadien der Bundesliga Reportagen speziell für blinde und sehgeschädigte Fans.

Am vergangenen Wochenende trafen sich in Kamen alle Beteiligten aus dem Netzwerk der Sehbehindertenreportage zu ihrer jährlichen Vollversammlung. Das zweitägige Seminar mit dem Schwerpunkt der Aus- und Weiterbildung der Reporter wird seit 2009 regelmäßig von der DFL Deutsche Fußball Liga organisiert und fand bereits zum achten Mal statt. 53 Sehbehindertenreporter, Behindertenfanbeauftragte und Fanbeauftragte der Clubs sorgten für eine Rekordbeteiligung.

Vorsprung vor Radioreportage

Die Auswirkungen der Schulungen genießt Gerhard Stoll, Schatzmeister des Fanclubs "Sehhunde", regelmäßig beim Stadionbesuch. "Im Vergleich zu früher haben sich die Reportagen deutlich verbessert. Es wird viel mehr Wert auf eine konsequente Verortung gelegt. Auch die Taktik der Mannschaften spielt eine größere Rolle", so Stoll, der den Sehbehindertenreportern ein großes Kompliment macht: "Aus meiner Sicht hinkt das Radio einer Blindenreportage deutlich hinterher."

Neben praktischen Übungen in verschiedenen Workshops und einer ausführlichen Regelschulung durch den ehemaligen Bundesliga-Schiedsrichter und jetzigen Schiedsrichter-Beobachter Rainer Werthmann wurde vor allem an einer besseren Vernetzung gearbeitet. "Es ist ein entscheidender Schritt gelungen, was die Kommunikationsstrukturen angeht", findet Arne Stratmann, Referent Fanangelegenheiten der DFL und für die Bereiche Prävention und Barrierefreiheit zuständig. "Wir hoffen, dass wir damit langfristig die Qualität der Reportagen in den Stadien noch weiter anheben können", führt er weiter aus.

Daran, die Standards weiter nach oben zu schrauben, arbeitet auch das "Zentrum für Sehbehinderten- und Blindenreportage" (ZSBR). Das Zentrum ist auf Initiative der DFL entstanden, bei der Arbeiterwohlfahrt beheimatet und wird von der Bundesliga-Stiftung und der Aktion Mensch finanziell unterstützt. Projektleiter ist Björn Nass, der als Referent an der Durchführung des Seminars beteiligt war. "Ich nehme einige Arbeitsaufträge mit. Gerade als Koordinierungsstelle der Kommunikation sowie als Schnittstelle zwischen Clubs und Reportern. Ich möchte im nächsten Jahr wieder hier stehen und aus voller Überzeugung sagen: Wir sind ein ganzes Stück weiter gekommen", blickt Nass in die Zukunft.

Bundesliga-Stiftung fördert Inklusion

Für Thorsten Richter, Projektmanager der Bundesliga-Stiftung, war es das erste Seminar zum Thema Sehbehindertenreportage. Der Elan der Teilnehmer hat ihn beeindruckt: "Ich fand den Ablauf sehr intensiv. Die Workshops waren sehr praxisnah und haben alle Beteiligten mitgenommen. Es war ein sehr produktives Arbeitstreffen", zieht Richter ein positives Fazit. Unter dem Slogan "Inklusion verbindet" setzt die Bundesliga-Stiftung verschiedene Schwerpunkte zum Thema Inklusion. Die Unterstützung des Zentrums für Sehbehinderten- und Blindenreportage ist einer davon.

Neben Arne Stratmann führte - wie schon bei den vergangenen Veranstaltungen - Broder-Jürgen Trede, Dozent an der Universität Hamburg, durch das zweitägige Programm. "Ich finde es bemerkenswert, dass das Interesse Jahr für Jahr steigt", lobt Trede das Engagement der Gruppe. Und eines ist ihm besonders wichtig: "Die Reporter leisten hochwertige journalistische Arbeit." Journalistische Arbeit, die es Gerhard Stoll in der Rückrunde ermöglicht, so viele Spiele von Bayer Leverkusen zu "sehen", wie es sein Terminkalender zulässt. Genau wie jeder andere Fan auch.

Florian Reinecke