Mit vielen Vorschusslorbeeren und großen Erwartungen trat Ottmar Hitzfeld im Sommer 2008 den Job als Schweizer Nationaltrainer an. Auf den tränenreichen und emotionalen Abschied aus der Bundesliga folgte ein holpriger Start in die neue Aufgabe.

Doch Hitzfeld, einer der erfolgreichsten Trainer der Welt, blieb gewohnt ruhig und gelassen. Der Erfolg sollte ihm Recht geben. Und so qualifizierte sich die Schweiz dank acht ungeschlagenen Spielen in Serie als Sieger der Europa-Gruppe 2 für die Weltmeisterschaft in Südafrika.

Dort wartet gleich zum Auftakt ein dicker Brocken auf das mit sieben Bundesliga-Spielern gespickte Schweizer Team. Denn der erste Gegner ist Europameister und WM-Titelfavorit Spanien. Für Hitzfeld eine große Herausforderung, aber kein Grund zur Panik, wie er im Interview mit bundesliga.de verrät.

Der 61-Jährige, der mit dem FC Bayern München und Borussia Dortmund die Champions League gewann, nennt zudem die Stärken der beiden anderen Schweizer Gruppengegner, spricht über den Verlust von Michael Ballack im deutschen Team und sagt, was er der DFB-Elf zutraut.

bundesliga.de: Herr Hitzfeld, Deutschland freut sich trotz des Ausfalls von Michael Ballack auf die WM. Dennoch: Wie schwer wiegt sein Ausfall Ihrer Meinung nach für die DFB-Elf?

Ottmar Hitzfeld: Der Ausfall von Michael Ballack ist ein herber Verlust für alle. Es ist ein Schock für Michael Ballack selbst, der ja nochmal die Chance gehabt hätte, Weltmeister zu werden. Aber es ist auch ein Schock fürs deutsche Team. Wenn der Kapitän ausfällt, ist das sehr schwer. Für Jogi Löw ist das auch ein sehr schmerzhafter Verlust.

bundesliga.de: Wer ist der Spieler, dem Sie zutrauen, jetzt der neue "Leitwolf" zu werden?

Hitzfeld: In solch eine Rolle muss man immer hineinwachsen. Man kann jetzt nicht einen benennen, er solle jetzt mal eben die Rolle von Michael Ballack spielen. Das muss man im Mannschaftsverbund auffangen. Da müssen verschiedene Spieler mehr Verantwortung übernehmen. Zum Beispiel Bastian Schweinsteiger oder Philipp Lahm. Die sind ja auch beim FC Bayern Leistungsträger. Dann gibt es ja noch Miroslav Klose, der auch voll akzeptiert ist. Die werden ihre Erfahrung in die Waagschale werfen müssen. Der Bayern-Block ist jetzt gefordert.

bundesliga.de: Nach dem Tod von Robert Enke, den Ausfällen von Rene Adler, Simon Rolfes und Ballack ist Deutschland auf vielen Positionen sehr unerfahren besetzt. Was trauen Sie der DFB-Elf dennoch zu?

Hitzfeld: Deutschland hat einige Verluste erfahren müssen. Aber trotzdem ist Deutschland ja auch eine Turniermannschaft. Man hat immer noch sehr gute Spieler in den eigenen Reihen. Das zeichnet die deutsche Mannschaft aus. Jogi Löw ist ja auch ein Taktiker. Er wird sicherlich eine kompakte Elf aufs Feld stellen, die immer Torgefährlichkeit ausstrahlen wird. Deutschland wird unter die letzten Vier kommen.

bundesliga.de: Sie haben in Ihrem WM-Kader mit Benaglio, Derdiyok, Barnetta, Eggimann, von Bergen und Schwegler sieben Bundesliga-Profis und genau 23 Spieler benannt. Warum haben Sie sich schon so früh auf 23 Spieler festgelegt?

Hitzfeld: Ich wollte einfach nicht große Diskussionen haben. Ich wollte auch den Spielern mein Vertrauen aussprechen, die auch in der WM-Qualifikation hauptsächlich beteiligt waren. Zudem gibt es auch nicht die ganz große Auswahl wie in anderen Ländern. Von daher ist es auch nicht so schwierig, sich festzulegen.

bundesliga.de: Der große Favorit in der Gruppe H ist sicher Europameister Spanien. Das ist zugleich der erste Gegner der Schweiz im Turnier. Wie schwer wird diese Partie?

Hitzfeld: Spanien ist zurzeit die überragende Mannschaft in der Welt. Sie sind Topfavorit auf den Titel. Trotzdem werden auch die Spanier unter Druck stehen im ersten Spiel. Es ist immer schwer für einen Favoriten, in ein Turnier zu starten. Von daher haben wir schon Hoffnungen, dass wir gegen Spanien was erreichen können.

bundesliga.de: Diese Rolle des Favoriten hatte die Schweiz bei der EURO 2008 als Gastgeber ja auch. Und da ist es ja schiefgegangen. Hat die Mannschaft denn daraus gelernt?

Hitzfeld: Hoffen wir es.

bundesliga.de: Die beiden anderen Gegner lauten Honduras und Chile - zwei hierzulande eher unbeschriebene Blätter. Klären Sie uns auf. Wo liegen die Stärken der beiden Mannschaften?

Hitzfeld: Das sind beide spanisch sprechende Teams, die den typisch lateinamerikanischen Fußball pflegen. Sie spielen ein Kurzpassspiel, schalten schnell um und haben schnelle Spieler und technisch gute Spieler. Sie gehen aggressiv in die Zweikämpfe und legen auch eine gewisse Härte in ihrem Zweikampfverhalten an den Tag. Das sind unangenehme Gegner.

bundesliga.de: Bis auf die Schweiz spricht die ganze Gruppe H spanisch. Wie steht es denn um Ihre Spanisch-Kenntnisse?

Hitzfeld: Nein, ich spreche kein spanisch (lacht).

bundesliga.de: Was wollen Sie mit der Schweiz in Südafrika erreichen?

Hitzfeld: Unser primäres Ziel ist es, das Achtelfinale zu erreichen, die Gruppenphase zu überstehen. Das wäre schon ein großer Erfolg. Sollte uns das gelingen, setzen wir uns wieder neue Ziele.

Das Gespräch führte Sebastian Stolz