Die großen Derbys der Bundesliga: Frank Rost hat das Glück, gleich zwei von ihnen miterlebt zu haben - und das sogar aus drei Perspektiven. Als Keeper des FC Schalke 04 lernte er die Rivalität zu Borussia Dortmund kennen. Am kommenden Sonntag steht er zum vierten Mal als HSV-Schlussmann gegen Werder Bremen zwischen den Pfosten.

Dabei wird oft vergessen, dass Rost seine Karriere einst an der Weser begann und das legendäre Nordderby von beiden Seiten erlebt hat. Im Gespräch mit bundesliga.de geht er auf das oft heißblütige Duell gegen Bremen ein, mahnt aber zur Vernunft.

Der charismatische Torhüter spricht über die aktuelle Lage bei den Hamburgern und nutzt die Gelegenheit, auf ein Projekt aufmerksam zu machen, welches ihm sehr am Herzen liegt.

bundesliga.de: Herr Rost, in Berlin gab es die dritte Auswärtsniederlage in Serie. Dabei ist der HSV äußerst engagiert in die Begegnung gestartet. Woran liegt es, dass Hamburg auswärts nicht konstant spielt?

Frank Rost: Das kann man nicht so einfach beantworten. Man kann das auch nicht nur auf die Auswärtsspiele beziehen. Auch zuhause hatten wir schlechte Phasen in den Spielen. Es läuft grundsätzlich noch nicht rund bei uns. Uns fehlt die richtige Balance im Team und in unserem Spiel.

bundesliga.de: Haben Sie dafür eine Erklärung?

Rost: Zu Saisonbeginn kamen sechs neue Spieler und dann arbeiten wir auch seit dieser Zeit mit einem neuen Trainerstab zusammen. Es braucht Zeit, bis ein Rädchen ins andere greift. Wenn man diese Umstände bedenkt, können wir in Hamburg eigentlich noch zufrieden sein mit der aktuellen Tabellensituation. Zumal wir auch im Pokal und im UEFA-Cup mit dabei sind.

bundesliga.de: Daheim ist der HSV hingegen ungeschlagen. Nun kommt Bremen an die Elbe. Werder hat auswärts erst ein Mal gewonnen in dieser Saison. Sehen Sie Ihre Mannschaft im Vorteil?

Rost: Bei einem Spiel HSV gegen Werder gibt es für mich eigentlich keinen klaren Favoriten. Werder wird zu uns kommen und alles daran setzen, das Spiel zu gewinnen - wir aber wollen das auch. Wir werden jedenfalls alles daran setzen, unsere gute Heimbilanz zu halten.

bundesliga.de: Das vergangene Aufeinandertreffen beider Seiten hinterließ erhitzte Gemüter und sicher auch einige blaue Flecke. Was macht das Nordderby zwischen Hamburg und Bremen so brisant?

Rost: Natürlich steckt in Derbys immer eine besondere Brisanz. Und Spiele des HSV gegen Werder erzeugen immer eine ganz besondere Stimmung im Stadion. Außerdem sind sie gut für die Medien - es gibt immer viel zu schreiben. Ich habe Derbys mit Schalke gegen Dortmund und mit Bremen gegen Hamburg gespielt, jetzt geht es andersrum: Ich hoffe nur, dass wir alle miteinander fair umgehen - Spieler wie Fans - und wir uns alle danach wieder die Hand reichen können.

bundesliga.de: Sie selbst haben Ihre Profilaufbahn an der Weser begonnen und dort bis 2002 insgesamt 147 Mal zwischen den Pfosten gestanden. Welche Erinnerungen sind Ihnen aus Ihren Bremer Zeiten geblieben?

Rost: Mit siebzehn Jahren bin ich nach der Wende an die Weser gekommen. Dort habe ich mein Bundesliga-Debüt gegeben. Das ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Es ist doch nur verständlich, dass ich zum Verein Werder Bremen und auch zu einigen Bremern noch Kontakte pflege.

bundesliga.de: Wie wegweisend ist die Partie gegen Bremen?

Rost: Für uns wird es sehr wichtig sein, unsere Heimserie zu halten. Denn das ist ein wichtiger Schritt hin zu mehr Konstanz in unserem Spiel. Nächste Woche arbeiten wir dann wieder an den Auswärtsspielen. Jedes Spiel ist wichtig, aber es ist gerade eine wichtige Phase in der Saison, keine Frage.

bundesliga.de: Nach dem furiosen Saisonstart konnte der HSV zuletzt nicht immer überzeugen. Wie will die Mannschaft die Hinrunde beenden und was muss im Winter getan werden, um weiterhin oben mitspielen zu können?

Rost: Ich glaube nicht, dass es im Winter viel Neues bei uns geben wird. Wie ich schon vorher gesagt habe, wird es in erster Linie darauf ankommen, konstanter zu spielen und uns als Team richtig zu finden.

bundesliga.de: Was schätzen Sie an Ihrem neuen Trainer Martin Jol?

Rost: Ich schätze ihn sehr. Er ist konsequent und ein echter Typ - davon gibt es leider immer weniger. Er fordert uns Spieler auf, Verantwortung zu übernehmen. Das gefällt mir.

bundesliga.de: Themawechsel. Sie haben eine CD mit dem Titel "Die Liga liest" veröffentlicht. Dort lesen Sie und viele Fußball-Prominente Geschichten über den Fußball vor. Wie kamen Sie auf diese Idee und was geschieht mit den Einnahmen, die durch den Verkauf der CD entstehen?

Rost: Mir liegt der Bildungsbereich sehr am Herzen. Seit einigen Jahren bin ich Botschafter der Alphabetisierung. Ich bin überzeugt davon, dass der Zugang zu Bildung der Schlüssel für ein besseres Leben ist. Die CD habe ich gemacht, weil ich mehr tun wollte als nur Geld oder Trikots von mir zu spenden. Und ich wollte auch nicht nur mein Gesicht für eine große Kampagne hinhalten. Die CD bietet uns Spielern die Möglichkeit, Vorbild zu sein und mit gutem Beispiel voranzugehen. Und das war nicht leicht!

bundesliga.de: Wie konnten Sie Leute wie Marco Bode, Olaf Thon oder auch Otto Rehhagel zum Mitmachen bewegen?

Rost: Ich habe Sie gefragt! Nein, im Ernst: Von der Idee waren die Mitleser sofort begeistert. Das sind alles tolle Menschen, die in der Lage sind, über den Tellerrand hinauszuschauen. Zudem war es mal etwas völlig anderes, noch nie da gewesenes. Sehr gefreut hat mich übrigens auch, dass die DFL Deutsche Fußball Liga GmbH das Projekt offiziell unterstützt.

bundesliga.de: Wenn Ihre Karriere ein Buch wäre, wie würde dieses heißen?

Rost: Schwere Frage, zumal meine Karriere noch nicht beendet ist. Wer weiß, was noch kommt. Aber sicher bin ich mir in dem einem Punkt: Es wäre eine leidenschaftliche Geschichte mit vielen Emotionen, Enttäuschungen, Liebe, Glück und auch viel Humor.

Die Fragen stellte Sebastian Stolz