Normalerweise sind die Mechanismen so: Die Mannschaft spielt schlecht und verliert damit nicht nur Spiele, sondern auch zunehmend die Unterstützung von Fans und Zuschauern. Beim kriselnden VfB Stuttgart indes laufen die Dinge derzeit ein wenig anders.

Was allerdings auch an der Initiative der Stuttgarter selbst liegt. So zum Beispiel geschehen vor dem Spiel gegen den FC Bayern. Nach dem Aufwärmen winkte Kapitän Thomas Hitzlsperger sein Team zusammen. Die Mannschaft ging geschlossen in die Cannstatter Kurve, dorthin, wo ihre treuesten Anhänger stehen.

Eine völlig verkorkste Saison mit zuletzt fünf Pflichtspiel-Pleiten in Serie schleppten sie mit dorthin. Doch der beabsichtigte Schulterschluss funktionierte: Die Spieler klatschten den Fans respektvoll Beifall, die Fans feierten die Spieler. Die Aktion war eine Art Dankeschön für bedingungslosen Beistand in schweren Zeiten, erläuterte Trainer Markus Babbel: "Die Fans sind einzigartig, sie stehen hinter uns." Und das ist in der derzeitigen Situation des VfB Stuttgart alles andere als selbstverständlich.

Viel Kampf, aber auch viel Krampf

"Es war eine tolle Stimmung heute im Stadion", zeigte sich VfB-Mittelfeldstar Alexander Hleb nach dem Spiel gegen die Bayern begeistert von der positiven Atmosphäre. In der Tat beklatschten die Fans und Zuschauer jede gelungene Aktion der Schwaben, und versuchten so, das angegriffene Selbstbewusstsein "ihrer" Spieler zu stärken. Beim Spiel gegen die Bayern verdiente sich der VfB allerdings auch die Unterstützung von den Rängen durch engagiertes Auftreten.

Dass es am Ende wieder nicht zu drei Punkten reichte, lag neben den solide spielenden Bayern auch an der Verunsicherung, die die Stuttgarter mittlerweile verständlicherweise ergriffen hat. Viel Kampf, aber auch viel Krampf - so kann man das Spiel von Babbels Mannschaft umreißen. Zwar wurden wieder einige Torgelegenheiten herausgespielt, aber in den entscheidenden Momenten blieben die Stuttgarter dann doch zu harmlos, weshalb Babbel sogleich warnte: "Wir müssen höllisch aufpassen, dass wir das nicht schönreden."

"Silberstreif am Horizont"

Dennoch, es scheint mit den Stuttgartern aufwärts zu gehen. "Das ist ein Ergebnis, das mal nicht zum Trübsal blasen ist, auch wenn es uns nicht befreit", sagte Sportvorstand Horst Heldt. Und Torhüter Jens Lehmann betonte: "Es ist ein Silberstreif am Horizont aufgetaucht."

Das bedeutet auch: Babbel kann erst mal durchatmen. Zumal es auch erneut Rückendeckung für ihn gab. "Es ist überhaupt nicht so, dass wir den Trainer in Frage stellen", sprach Jens Lehmann stellvertretend und ergänzte: "Ich bin der Meinung, dass der Trainer mit seiner Qualität absolut der richtige Mann ist."

Dass Babbel seinen Job behalten durfte, löste vergangene Woche auch Sympathiebekundungen bei "Kiebitzen" auf dem Stuttgarter Trainingsgelände aus. Auch eher ungewöhnlich. Aber das alles zeigt: Trotz der schwierigen sportlichen Situation stimmt es zwischen Trainer, Spielern und Fans.

Das Grundproblem allerdings bleibt: Die Punkte, beziehungsweise die Siege, fehlen. Babbel forderte seine Spieler deshalb auf, am Mittwoch in der Champions League beim FC Sevilla die "gleiche Leidenschaft zu zeigen" und den Punkt gegen die Bayern dann bei Borussia Mönchengladbach in der Bundesliga "zu vergolden." Die Fans hätten sicher nichts dagegen.

Aus Stuttgart berichtet Jens Fischer