München - Wenn Ruud van Nistelrooy da weitermacht, wo er mit zwei Toren gegen Schalke aufgehört hat, dann wird er am Ende der Saison vielleicht Geschichte schreiben - europaweit.

In der Kindergeschichte "Der Zauberer von Oz" macht sich die kleine Dorothy gemeinsam mit ihren Freunden auf, um das zu suchen, was sie sich am meisten wünschen. Vom Zauberer wollen sie Herz, Verstand und Mut bekommen.

Was das mit Ruud van Nistelrooy zu tun hat? In Anspielung auf seinen niederländischen Geburtsort könnte der Hamburger Weltstar zum Zauberer von Oss werden - und den HSV-Fans geben, was sie sich am meisten wünschen: Einen Titel. Und er hätte sicher nichts dagegen, wenn er auf dem Weg dahin Torschützenkönig in der Bundesliga würde. Dann wäre van Nistelrooy ein buchstäblich einzigartiger Torjäger.

Torschützenkönig in drei Top-Ligen

Denn einen Profi, der Torschützenkönig in drei europäischen Top-Ligen wurde, das gab es noch nie. Van Nistelrooy hat bereits in der Premier League (2002/03) und der Primera División (2006/07) die meisten Treffer in einer Saison erzielt. Es gibt nur einen Spieler, der das wie "Van the Man" in den vergangenen zehn Jahren in zwei der fünf bedeutensten Ligen Europa schaffte: Luca Toni (2006 in Italien, 2008 in Deutschland). Der spielt mittlerweile beim FC Genua - selbst falls er dort wider Erwarten Torschützenkönig werden sollte, käme keine neue Liga hinzu. Steht van Nistelrooy in der Bundesliga am Ende der Spielzeit vor Edin Dzeko und Co., schreibt er also Geschichte - zumal er auch in den Niederlanden schon Torschützenkönig war.

Er wäre dann mit 34 Jahren - vor Martin Max und Marcio Amoroso - auch der älteste Bundesliga-Torschützenkönig aller Zeiten. Aber wie gut stehen seine Chancen? Von seiner Schussgenauigkeit hat Ruud mit den Jahren nichts eingebüßt, 60 bis 65 Prozent seiner Torschüsse gehen auch auf den gegnerischen Kasten. Ein Vergleich mit den erfolgreichsten Spielzeiten in England und Spanien zeigt zudem: Er war nicht so schussfreudig wie im ersten Spiel gegen Schalke, als er sechsmal auf den Kasten zielte, und gab im Schnitt nur etwa halb so viele Torschüsse pro 90 Minuten ab. Auch 2009/10 lag sein Schnitt mit 3,69 weit unter dem von dieser noch sehr jungen Saison.

Gnadenlos effizient

Die Chancenverwertung von 40Prozent hat nach dem Saisonauftakt wenig Aussagekraft. Sollte "Van the Man" diese Quote allerdings halten und regelmäßig spielen, wäre ihm die Torjägerkanone wohl sicher. Zum Vergleich: Den besten Wert 2009/10 aller Torschützen mit mindestens zehn Treffern hatte der Bremer Claudio Pizarro (16 Tore) mit 28 Prozent Chancenverwertung. 2008/09 kam Grafite (28 Treffer) auf unglaubliche 42 Prozent (Bestwert in der Bundesliga seit der detaillierten Datenerfassung 2004/05). Sieben der letzten neun Pflichtspieltore des HSV erzielte der Stürmerstar.

Dadurch, dass erst ein Spiel absolviert wurde und van Nistelrooy gleich 2-mal traf, brauchte er mit nur 45 Minuten pro Tor im Vergleich zu seinen erfolgreichsten Spielzeiten (2002/03 und 2006/07) natürlich viel weniger Zeit für einen Treffer. Edin Dzeko, Bundesliga-Torschützenkönig 2009/10 mit 22 Toren, brauchte vergangene Spielzeit 136 Minuten pro Tor. Grafite 2008/09 sogar nur 75 Minuten.

"Bislang nur für Traditionsvereine"

Gegen Schalke gewann van Nistelrooy 67 Prozent seiner Zweikämpfe - deutlich mehr als in der Rückrunde (36 Prozent) und 2006/07 in England (40 Prozent). Bei nur 24 Ballkontakten zeigte er sich mit seinen zwei Toren gnadenlos effizient. Knüpft er da an, wo er gegen einen Titelkandidaten aufgehört hat, dann redet van Nistelrooy mit Sicherheit ein sehr gewichtiges Wörtchen um die Torjäger-Kanone mit. Ein negatives Omen ist allerdings: 2002/03 in der Premier League und 2006/07 in der Primera Divison traf van Nistelrooy am ersten Spieltag nicht ins Tor - anders als jetzt gegen Schalke. 2001/02 hatte er auch für "ManU" am 1. Spieltag doppelt getroffen, Torschützenkönig wurde aber damals Thierry Henry mit 24 Toren.

Im "Zauberer von Oz" finden die Helden schließlich heraus, dass es ihnen weder an Herz noch an Verstand noch an Mut fehlt. Das, was sie sich sehnlichst gewünscht haben, hatten sie eigentlich schon lange in sich. Den HSV-Fans wird die Vorstellung sicher gefallen, dass sie zwar keinen Titel haben, dafür aber immer noch einen großen Namen in Europa. Wie sagte van Nistelrooy bei seiner Vorstellung? "Ich habe sehr viel Glück gehabt, dass ich bislang nur für Traditionsvereine spielen durfte. Und der HSV gehört auch dazu, hat eine große Geschichte."

Peter Seiffert