Köln/Berlin - Das Topspiel am Samstagabend um 18:30 Uhr steht ganz im Zeichen des Klassenkampfes, denn der Tabellenletzte Borussia Mönchengladbach tritt beim Vierzehnten SV Werder Bremen an (ab 18 Uhr im Live-Ticker/Liga-Radio).

Vor der richtungsweisenden Partie hat bundesliga.de mit Uli Borowka gesprochen, der in seiner aktiven Zeit bei beiden Verein gespielt hat.

Im exklusiven Gespräch mit bundesliga.de blickt er nicht nur auf den Sieg des SVW beim SC Freiburg zurück, sondern analysiert den Trainerwechsel der Borussia und verrät, wie sowohl die Hanseaten als auch die "Fohlen" den Klassenerhalt noch schaffen können.

bundesliga.de: Herr Borowka, Werder Bremen hat am Wochenende endlich einmal wieder gewonnen, mit 3:1 in Freiburg. Was war anders als in den Wochen zuvor, als es nicht so rund lief?

Uli Borowka: Der Einsatz! Die Spieler sind ganz anders in die Zweikämpfe gegangen und haben sich endlich mal als Mannschaft präsentiert und nicht nur als Einzelkämpfer. Ich glaube, bei diesem Spiel war jedem Einzelnen bewusst, worum es geht.

bundesliga.de: Also hat Werder nun das richtige Konzept gefunden?

Borowka: So etwas geht nicht von jetzt auf gleich. Da kann man nicht nach einem Spiel sagen, dass jetzt alles wieder gut ist. Es ist nach wie vor eng, und um diese verkorkste Saison noch zu retten, muss die Mannschaft noch ein paar Spiele mehr gewinnen.

bundesliga.de: Beim Torjubel zu allen drei Treffern war es auffällig, dass die Spieler teilweise über das gesamte Feld gelaufen sind, um zu gratulieren. Haben sie das gemacht, um nach außen hin zu zeigen: Wir sind eine Einheit?

Borowka: Die Mannschaft wusste genau, worum es geht. Nach den teilweise sehr schlechten Leistungen wie beim 0:4 in Hamburg hagelte es ja Kritik von allen Seiten. Da wird so etwas auch gerne mal nach außen hin demonstriert. Aber bei dem einen oder anderen Spieler konnte man erkennen, dass da wirklich eine große Last von den Schultern gefallen ist.

bundesliga.de: Bei wem ist Ihnen das aufgefallen?

Borowka: Marko Marin zum Beispiel, auch Marko Arnautovic, der ja nach seiner Auswechslung von der Bank aus zu den jubelnden Mitspielern gelaufen ist. Wer weiß, vielleicht haben sie sich ja mal eingeschlossen und Tacheles geredet. Auf jeden Fall sieht es viel, viel besser aus als noch vor einigen Wochen.

bundesliga.de: Also war der Erfolg in Freiburg für die Bremer schon enorm wichtig?

Borowka: Ja, der war brutal wichtig: für das Selbstvertrauen, für die Mannschaft und für die Fans. Ich verfolge das aufmerksam im Internet, dass die Fans nach solchen Niederlagen wie in Hamburg leiden. Die können dann auch nur durch engagierte Leistungen wieder auf die eigene Seite gebracht werden, mit solchen Spielen, wie der SVW jetzt in Freiburg gezeigt hat. Und da zu gewinnen, ist in dieser Saison ja auch nicht gerade einfach.

bundesliga.de: Claudio Pizarro hat gegen den SC Freiburg nach auskurierter Verletzung bereits wieder getroffen. Wesley steht kurz vor der Rückkehr. Wie wichtig können diese beiden Spieler werden?

Borowka: Über Claudio Pizarro müssen wir gar nicht reden. Der ist im Moment die Lebensversicherung für die Bremer. Wie viele Punkte sie durch seine Tore geholt haben, ist Wahnsinn. Ich hoffe nur, dass er sich in den kommenden Wochen nicht wieder verletzt und gesund bleibt. Bei Wesley bin ich mir nicht so sicher. Sein Potenzial kann ich noch nicht so abschätzen, da er sich ja direkt zu Beginn für lange Zeit verletzt hat.

bundesliga.de: Könnte Werder denn einen Uli Borowka in besten Zeiten gebrauchen? Einen, der mal so richtig dazwischen geht?

Borowka: Mit Sicherheit hat in den vergangenen Zeiten der ein oder andere Spielertyp gefehlt, jemand, der mal vorne weg geht. Torsten Frings zum Beispiel hatte ja viel mit sich selber zu tun, Per Mertesacker ist in dieser Saison nicht in Form. Das hat aber nichts mit einem Spielertyp zu tun, wie ich es war. Die Mannschaft hat sich, das hat man auch an der Körpersprache gesehen, über lange Zeit hängen lassen. Das hat sich in Freiburg nun aber glücklicherweise geändert.

bundesliga.de: Im Restprogramm wartet wirklich noch jeder Club aus dem unteren Tabellendrittel auf Werder. Wie wichtig ist es zu wissen, noch alles in der eigenen Hand zu haben?

Borowka: Das ist sehr wichtig! Vor dem Spiel in Freiburg war Werder Vorletzter und das übt natürlich enormen Druck aus. Den anderen Vereinen, die noch weiter unten stehen, wie Kaiserslautern oder Gladbach, denen geht es einen Tick schlechter. Doch Werder darf sich nicht vertun und glauben, dass diese Spiele schon gelaufen sind. Das wird noch ganz schwierig, die entscheidenden Punkte zu sammeln.

bundesliga.de: Mit Mönchengladbach steht nun der erste Gegner von unten an. Welche Bedeutung hat diese Partie für beide Clubs?

Borowka: Vor dem Spiel gegen Freiburg, als Bremen Siebzehnter war, ist mir angst und bange geworden, weil Werder und Gladbach, meine beiden Vereine, Vorletzter und Letzter waren. Ich wünsche mir, dass auch die Gladbacher es irgendwie schaffen. Das Spiel am Samstagabend wird ein ganz enges werden, für das ich auch keinen Tipp abgeben mag. Die Mannschaft, die den Sieg am meisten will, die wird gewinnen. Ich würde mich freuen, wenn beide weiter oben wären. So zittere ich bei beiden mit und hoffe, dass beide es schaffen.

bundesliga.de: Wie hat sich der Trainerwechsel bei der Borussia bemerkbar gemacht?

Borowka: Im Moment muss man sagen, dass es positiv war, weil sie aus drei Spielen zwei Siege geholt haben. In Wolfsburg hat sich die Mannschaft dann aber mal wieder desolat präsentiert. Das ist fatal, wenn man aus dem Keller raus will. Da musst du auch bei den direkten Konkurrenten, wie Wolfsburg ja einer war und ist, deine Leistung bringen und gut spielen. Das haben sie nicht gemacht. Sie haben sehr schlecht gespielt und verdientermaßen verloren. So darf sich die Borussia in Bremen nicht präsentieren.

bundesliga.de: Sie haben es gerade angesprochen, dass Mönchengladbach sich zwischen den Siegen gegen Schalke und Hoffenheim in Wolfsburg ganz anders gezeigt hat. Wo liegen die Gründe dafür?

Borowka: Dass sich die Borussia zuhause ganz anders präsentiert, auswärts dann aber keine Leistung bringt, ist für mich unverständlich. Ich verstehe nicht, warum man auswärts nicht auch mit demselben Selbstvertrauen auftritt wie zuhause. Den Wolfsburgern ging es ja zu diesem Zeitpunkt auch nicht besser. Da muss man mal mit breiter Brust auftreten und den Wolfsburgern etwas entgegensetzen. Wenn ich mich bei Gegenspielern wie Diego, der Spiele alleine entscheiden kann, nur hinten rein stelle und versuche zu mauern, ist es klar, dass ich verliere. Und wenn ich keinen Zweikampf gewinne, sowieso.

bundesliga.de: Gladbach hat im restlichen Verlauf genau das Kontrastprogramm zu Werder Bremen; es sind fast nur Teams aus der oberen Tabellenhälfte dabei. Wie beurteilen Sie denn die Chancen auf den Klassenerhalt für Gladbach?

Borowka: Im Moment sieht es düster aus. Sie haben aber durch die beiden Heimsiege zuletzt wieder ein bisschen Tuchfühlung zu den anderen Vereinen bekommen. Aber die Borussia muss logischerweise auch auswärts mal Punkte holen, sonst wird es nicht reichen. Daher wünsche ich mir, dass die Gladbacher auch auswärts mal ordentlich auf den Gegner drauf gehen und mit breiter Brust auftreten. Aber wenn man sich anschaut, was in dieser Saison im Tabellenkeller los ist - jetzt rutscht ja auch noch Eintracht Frankfurt mit rein - warum sollte Gladbach nicht noch den Relegationsplatz erreichen?

bundesliga.de: Was müsste sich ändern, damit Gladbach weiter hoffen kann?

Borowka: Die Mannschaft muss die Leistung, die sie in den Heimspielen gegen Schalke und Hoffenheim gezeigt hat auch auswärts bringen. Sie darf sich nicht hinten rein stellen und abwarten, sondern sollte selbst mal das Spiel machen, angreifen und Gas geben.

Das Gespräch führte Gregor Nentwig