Wenn der VfB Stuttgart am Mittwoch (ab 20:30 Uhr im Live-Ticker) beim FC Barcelona gastiert, ist die Mannschaft von Trainer Christian Gross krasser Außenseiter. Wie die Schwaben nach dem 1:1 aus dem Hinspiel dennoch das "Wunder" bewerkstelligen können, verrät Bernd Schuster im Interview mit bundesliga.de.

Der Spanien-Kenner, der zwischen 1980 und 1988 das Barca-Trikot trug, schwärmt zwar von seinem Ex-Club, hat jedoch auch eine Schwäche bei den Katalanen ausgemacht.

bundesliga.de: Herr Schuster, waren Sie vom starken Auftritt des VfB im Hinspiel überrascht?

Bernd Schuster: Ja, die Art und Weise, wie der VfB sich da präsentiert hat, hat mich schon beeindruckt. Sie hätten mit einer taktisch und kämpferisch starken Leistung sogar den Sieg verdient gehabt.

bundesliga.de: Beim VfB geht es seit der Amtsübernahme von Trainer Christian Gross stetig bergauf. Wie beurteilen Sie die Arbeit des Schweizers?

Schuster: Christian Gross hat der Mannschaft klar gemacht, dass sie nur als Team stark sind. Wenn jeder bereit ist, für den anderen zu arbeiten. Und das scheint zu fruchten.

bundesliga.de: Hat Barca die Stuttgarter im Hinspiel auch ein wenig unterschätzt und könnte das auch eine Chance für das Rückspiel sein?

Schuster: Ich denke schon, dass Barcelona den VfB ein wenig unterschätzt hatte. Aber jetzt sind sie gewarnt. Spätestens das Beispiel der ausgeschiedenen Madrilenen gegen Lyon hat jedem klargemacht, dass Übermut selten gut tut.

bundesliga.de: In der ersten Hälfte haben die Stuttgarter Barca früh attackiert und unter Druck gesetzt. Ist das auch das Erfolgsrezept für das Rückspiel?

Schuster: Es wird ganz wichtig sein, den Spielfluss der Katalanen früh zu unterbinden. Barcelona verfügt über eine außergewöhnliche Spielkultur. Erst recht auf dem sehr großen Platz im Nou Camp haben sie zumeist sehr viel Ballbesitz und punkten dann mit der individuellen Klasse der Ausnahmespieler, wie Messi, Iniesta oder Xavi. Die rechte Angriffsseite von Barca mit Alves und Messi ist zur Zeit das Beste, was es gibt.

bundesliga.de: Barcelona ist mit Weltklasse-Spielern nur so gespickt. Haben die Katalanen dennoch Ihre Schwächen?

Schuster: Barcelona hat im Moment eine erstaunliche Schwäche im Abschluss: Die Stürmer treffen einfach nicht. Und die Abwehr ist so etwas wie die Achillesferse. Gerade nachdem sie aufgrund von einigen verletzungsbedingten Ausfällen permanent umstellen müssen.

bundesliga.de: Der VfB muss in Barcelona mindestens ein Tor schießen, um weiter zu kommen. Mit welcher Taktik sollten die Schwaben in die Partie gehen?

Schuster: Der VfB muss die Leistung aus dem Hinspiel wiederholen, ein nahezu perfektes Spiel abliefern. Dann haben sie durchaus eine Chance.

bundesliga.de: Barca-Leihgabe Alexander Hleb kam in Stuttgart zuletzt immer besser in Fahrt und durfte gegen Bremen das erste Mal unter Gross über 90 Minuten ran. Was erwarten sie von dem Weißrussen, kann er dem Spiel seinen Stempel aufdrücken?

Schuster: Alexander Hleb bringt eigentlich alles mit, um ein ganz großer Spieler zu werden: Er verfügt über ein sehr starkes Dribbling, hat die Fähigkeit, den entscheidenden Pass zu spielen, ist immer in der Lage, etwas Überraschendes zu kreieren. Er muss noch lernen, sich Spiel für Spiel durchzusetzen.

bundesliga.de: Sie selbst haben einige Male in Barcelona gespielt. Beschreiben Sie doch einmal die Atmosphäre im Camp Nou?

Schuster: Das Camp Nou ist ein in jeder Hinsicht außergewöhnliches Stadion mit einer ganz speziellen, einzigartigen Atmosphäre! Allerdings muss der Funken von der Mannschaft auf die Zuschauer überspringen. Anders herum wird es nicht passieren, dass die Zuschauer von sich aus, die Mannschaft zum Sieg antreiben.

bundesliga.de: Kann der Heimvorteil auch zum Nachteil werden, wenn Barca nicht früh trifft und die Zuschauer ungeduldig werden?

Schuster: Das glaube ich nicht. Barcelona ist eine sehr abgeklärte, routinierte und sehr selbstbewusste Mannschaft, die sich so schnell nicht aus der Ruhe bringen lässt.

bundesliga.de: Wie schätzen Sie die Chancen auf ein Weiterkommen des VfB ein?

Schuster: Der VfB muss einen perfekten Tag erwischen, dann haben sie eine Chance.

bundesliga.de: Welche Clubs werden am Ende um den Titel spielen?

Schuster: In dieser Saison haben mich am meisten Chelsea und ManU überzeugt. Aber auch Barcelona und Arsenal räume ich durchaus Chancen auf den Titel ein.

bundesliga.de: Kommen wir noch kurz zur Bundesliga: Es sieht nach einem Dreikampf um den Titel aus. Wer macht das Rennen? Die Bayern, Schalke oder doch Leverkusen?

Schuster: Im Moment ist das Rennen noch völlig offen. Der Sieg von Schalke über Stuttgart am Freitagabend war sehr wichtig, denn sonst laufen die Bayern schnell mal weg und dann sind sie kaum mehr zu halten. Aber auch Leverkusen ist noch mit dabei. Sie müssen jetzt die erste Saisonniederlage letzte Woche in Nürnberg schnell wegstecken. Ich sehe ein leichtes Plus bei den Bayern, da sie unter Druck am stärksten sind. Das haben sie auch gegen Freiburg unter Beweis gestellt, als sie zur Halbzeit noch hinten lagen, am Ende aber den Platz wieder als Sieger verlassen haben.

bundesliga.de: Und wann sehen wir Sie wieder auf der Trainerbank?

Schuster: Es sind einige sehr interessante, reizvolle Angebote auf dem Tisch, die ich seriös prüfe. Schaun mer mal!

Die Fragen stellte Sven Becker