München - Als sich Bastian Schweinsteiger beim 3:2-Sieg gegen den SSC Neapel vor vier Wochen das Schlüsselbein brach, wurden die Sorgenfalten der Bayern-Verantwortlichen um einen Schlag tiefer.

"Ich habe mich nicht über den Sieg freuen können. Der Ausfall ist schwerwiegend", sagte ein geschockter Bayern-Coach Jupp Heynckes unmittelbar nach dem Unfall - um gleich beschwichtigend hinterherzuschieben: "Aber wir haben es in den vergangenen Wochen auch immer geschafft, Ausfälle zu kompensieren." Vier Wochen später ist klar: Diesen Ausfall kann selbst der deutsche Rekordmeister nicht ausgleichen. Zu sehr geht den Münchenern ihr Vize-Kapitän ab, der im ausgetüftelten System von Heynckes die unumstrittene Schaltzentrale ist.

Schwache Bilanz nach Schweinsteigers Ausfall

Als leibhaftiges "Bayern-Navi" manövrierte der 27-Jährige bis zu seinem Ausfall das Spiel der Bayern meisterlich, zog das Tempo an, wenn es nötig war, fing gegnerische Angriffe ab und sorgte selbst für Torgefahr. Der Schlüsselbeinbruch des Führungsspielers hatte den Bruch im Spiel der Münchner zur Folge: Schon beim 2:1-Sieg in Augsburg war eine gewisse Hilflosigkeit zu sehen, als die Bayern mit Mühe und Not die drei Punkte über die Zeit retteten.

Nachfolgend wirkte sich Schweinsteigers Fehlen auch in der Punkteausbeute aus: Ohne ihn verloren die Bayern zwei der drei Bundesliga-Spiele, kassierten in der Liga fünf Gegentore und damit einen mehr, als man selbst erzielte. Aus dem Spiel heraus gelang in den letzten drei Partien sogar nur ein Treffer. Bittere Folge: Erstmals seit dem 3. Spieltag ist die Heynckes-Elf, die zwischendurch dem jetzigen Spitzenreiter Borussia Dortmund um acht Zähler davongeilt war, nicht mehr Tabellenführer.

Ideengeber und Vorbereiter

Trotz der weiterhin erstklassigen Besetzung vor der Abwehr fehlt Schweinsteiger damit an allen Ecken und Enden. Offensiv wie Defensiv präsentierte sich der FCB ohne ihren "Quarterback" wesentlich schwächer, kreierte deutlich weniger Großchancen und ließ dafür mehr zu. Für den ehemaligen Bayern-Trainer und "Sky"-Experten Ottmar Hitzfeld ist dehalb klar: "Man soll nicht nur ein Spiel mit dem Fehlen eines Spielers festhalten, aber Schweinsteiger ist die Schaltzentrale, das Gehirn, der Bayern. Nach seiner Verletzung beim Neapel-Spiel habe ich mir gedacht: Bin gespannt, wie der FC Bayern das lösen kann."

Offenbar gar nicht - denn von den "Schattenmännern" konnte den Nationalspieler bislang niemand adäquat ersetzen. Die Ideen in der Zentrale gingen im ersten Saisondrittel oft von Schweinsteiger aus, der gemessen an der Einsatzzeit die meisten Ballkontakte aller Ligaspieler hat (102 pro 90 Minuten). Nur Gladbachs Juan Arango bereitete mehr Großchancen vor als Schweinsteiger (acht) - dies sind mehr als doppelt so viele wie Toni Kroos (zwei), David Alaba (eine), Luiz Gustavo und Anatoliy Tymoshchuk (keine) zusammen.

"Wenn der Steuermann fehlt, müssen andere in die Bresche springen. Gerade dann muss man das Mia-san-Mia-Gefühl zu 100 Prozent in die Waagschale werfen", sagt Ex-FCB-Keeper Oliver Kahn. Doch die Ankündigung von Club-Chef Karl-Heinz Rummenigge ("Auch ohne ihn werden wir einen Weg finden, gewinnen zu können") wurde bislang noch nicht bestätigt. Für die Bayern wird es im Hinrundenendspurt höchste Zeit, dies zu ändern - ansonsten dürfte die Weihnachtsszeit an der Säbener Straße alles andere als besinnlich werden.

Johannes Fischer