München - Für große Gefühlsausbrüche ist Jerome Boateng eher weniger bekannt. Doch am Sonntag ging der 27-Jährige gleich zwei Mal aus sich heraus, als er seine beiden Torvorlagen wie eigene Treffer feierte. Hinterher wurde der Innenverteidiger des FC Bayern München zu Recht mit Lob überschüttet, Boateng selbst blieb jedoch bescheiden.

Zum ersten Mal überhaupt gelangen Boateng zwei Assists in einem Spiel. Beim 5:1-Sieg gegen Borussia Dortmund bereitete er sowohl Thomas Müllers Führungstor als auch Robert Lewandowskis Treffer zum 3:1 mit perfekt getimten weiten Bällen tief aus der eigenen Hälfte vor. "Mit den langen Pässen auf Lewy hat es schon vorher ganz gut geklappt. Es freut mich natürlich, dass es zwei Mal geklappt hat", sagte Boateng (alles zum Klassiker).

Spieleröffnung wie der Kaiser

Ebenso nüchtern fügte er hinzu, dass er diese langen Bälle genauso trainiere wie kurze Pässe. Toptorjäger Lewandowski bezeichnete die Zuspiele als "überragend" und auch Müller fügte hinzu: "Das ist seine Qualität. Als Innenverteidiger so eine Spieleröffnung zu haben ist einzigartig." In Anlehnung an Franz Beckenbauer verpasste Müller Boateng gar den Beinamen "Kaiser".

Der frühere Bayern-Star und heutige Ehrenpräsident, der zu seiner aktiven Zeit das Stilmittel des öffnenden Passes nahezu perfekt beherrschte, stimmte in die Lobeshymnen mit ein und bezeichnete Boateng als einen der besten Innenverteidiger der Welt. "In den letzten zwei Jahren spielt Boateng auf absolutem Weltklasseniveau", sagte Beckenbauer bei "Sky90". "Er spielt seine Schnelligkeit und Geschmeidigkeit gar nicht aus, weil er selten gefordert wird. Er wirkt pomadig, aber das ist er nicht."

Für die Show sind andere zuständig

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Wie andere seine Leistung beurteilen, ist für Boateng indes eher zweitrangig. "Für mich ist es wichtig, dass ich meine Leistung bringe und mich weiter verbessere", sagte Boateng, der Müllers Vergleich mit dem Kaiser als "Spaß am Rande" herunterspielte. Abseits des Platzes gilt Boateng ohnehin eher als ruhiger Zeitgenosse. Wenn sich der gebürtige Berliner nach den Spielen in der Mixed Zone den Fragen der Journalisten stellt, bleibt er in seinen Antworten immer sachlich. Lockere Sprüche, wie etwa von Müller, sind von Boateng nicht zu erwarten. Für die Show sind andere zuständig.

Seinen Job in der Defensive des FC Bayern erledigt Boateng mit einer ähnlichen Abgeklärtheit. "Man muss nicht immer Hurra-Fußball spielen", sagte Boateng im Interview mit bundesliga.de vor dem Klassiker. Im Spiel gegen den BVB setzte der Weltmeister mit den meisten Ballbesitzphasen (90), den meisten Torschussvorlagen (3) und den meisten angekommenen Pässen (66) die Bestmarken.

Guardiola weiß Boateng zu schätzen

"Er spielt auf einem unglaublichen Niveau. Er hat sich in den letzten Jahren toll entwickelt und ist eine absolute Stütze in unserer Mannschaft", lobte Kapitän Philipp Lahm bei "FCB.tv" seinen Defensivkollegen. 2011 wechselte Boateng von Manchester City zum Rekordmeister und ist mittlerweile zum unverzichtbaren Abwehrchef im Team von Trainer Pep Guardiola aufgestiegen.

"Unser Trainer lebt Fußball und er sieht immer, was zu verbessern ist", sagt Boateng, der seine kontinuierliche Leistungssteigerung vor allem auf die Zusammenarbeit mit Jupp Heynckes und dessen Nachfolger bei den Bayern zurückführt. Auch er selbst analysiert regelmäßig seine Leistungen. "Ich bin im Spiel ruhiger geworden", erklärt Boateng.

Und Guardiola weiß, was er an Boateng hat. "Jerome ist einer der besten Spieler im Aufbau", sagte der Katalane bei "Sky". Obwohl der Bayern-Trainer als Verfechter des Kurzpassspiels gilt, gestattet er auch lange Bälle als Mittel der Spieleröffnung. Erfolge wie gegen Dortmund geben ihm Recht. Ungeahnte Gefühlsausbrüche bei Boateng ebenso.

Aus München berichtet Maximilian Lotz