Vielleicht sollte man für Horst Hrubesch einen neuen Job schaffen. "DFB-Tuniertrainer" zum Beispiel. Oder auch "Chefcoach Europameisterschaften".

Fakt ist: Trotz Jugendwelle im deutschen Fußball ist Urgestein Hrubesch der Mann für die wichtigen Turniere - und er hat dabei auch noch unglaublichen Erfolg.

Unbestritten erfolgreich

Mit dem EM-Titel der U19 beendete er im Vorjahr die 16 Jahre andauernde Durststrecke des DFB, mit der U21 griff er am Montag im EM-Finale gegen England nach dem ersten Titel. Die Bild-Zeitung taufte ihn während der U21-EM "Euro-Horst". Und im Herbst wird er noch die U20 bei der WM in Ägypten trainieren.

"Er ist ein absoluter Teamplayer", lobt U21-Kapitän Sami Khedira: "Er lebt vor, dass nur die Mannschaft zählt, opfert vieles, gibt alles für den Erfolg und ist ehrlicher Typ." Hrubesch genießt die Lobeshymnen sichtlich, in den Vordergrund stellen will er sich jedoch nicht. "Die Arbeit macht Riesenspaß", sagt er, "aber ich kann nur anleiten. Ich schieße keine Tore und verhindere keine. Ich bin nicht der Manuel Neuer."

Kommunikation mit dem Team

Vor allem ist der Europameister von 1980 kein Diktator. Im Halbfinale gegen Italien (1:0) forderte Abwehrchef Benedikt Höwedes die Einwechslung des kopfballstarken Stürmers Sandro Wagner, der Coach erfüllte den Wunsch. "Wenn sie es gut begründen, habe ich kein Problem damit, einen Rat anzunehmen", sagt er, "schließlich müssen die Spieler sich wohl fühlen."

"Er fragt uns oft nach einem Rat, weil wir sagen können, was für die Mannschaft gut ist. Aber er trifft die Entscheidung. Er kann auch klare Ansagen machen und sehr laut und direkt werden", berichtet Khedira.

Dennoch: Auf den ersten Blick überrascht es, dass ausgerechnet Hrubesch dem DFB derzeit die großen Erfolge einfährt. Der mit 58 Jahren älteste Trainer im Stab, der schon seit 1999 dabei ist und damit das letzte "Relikt" aus den inzwischen selbst innerhalb des Verbandes argwöhnisch betrachteten Zeiten vor 2000.

Instinktmensch

Privat ist er ein alles andere als typischer Vertreter des schillernden Fußball-Geschäfts. Er liebt das Angeln und schrieb ein Fachbuch namens "Dorschangeln vom Boot und an den Küsten". Zudem ist er ein Pferde-Narr und Vorsitzender der Interessengemeinschaft Edelbluthaflinger.

Doch in alledem steckt ein Teil der Erklärung: Hrubesch hat den Wandel im DFB wie kein anderer miterlebt. Er vereint alte Werte mit der Offenheit für neue Erkenntnisse. Und er hat seine innere Ruhe gefunden, ist ein gradliniger Mensch mit gesundem Mutterwitz. Aktionismus ist ihm fremd, seine Spieler werden niemals über Scherben laufen.

Hrubesch vertraut seinem Instinkt und am liebsten immer denselben Spielern. Auch in Schweden durfte man sich fragen: Wieso ist Toni Kroos nicht dabei? Wieso muss Marko Marin an der Außenlinie kleben? Wieso wird das System im Sturm nicht variiert?

Kritiker sind verstummt

Doch Hrubesch hat sich in der schwierigen Vorbereitung auf eine Spielweise festgelegt und zog diese ohne Zaudern durch. Damit vermittelte er den Spielern den Glauben daran und machte klar, dass er in diesem Bereich keine Diskussionen zulässt.

Seinen Weg ging Hrubesch auch dann unbeirrt weiter, wenn es nicht lief. Seine Karriere als Vereins-Trainer verlief durchwachsen. Und auch sein Engagement beim DFB war lange von unglücklichen Umständen begleitet. Im Mai 1999 übernahm er die A2-Nationalelf, die bald darauf aufgelöst wurde.

Ein Jahr später rückte er kurz vor der EM als Assistent von Teamchef Erich Ribbeck zum A-Team auf, gehörte somit unverschuldet zur Belegschaft beim schlimmsten Turnierauftritt einer deutschen Nationalmannschaft und wurde für seinen Spruch, man müsse alles "noch mal Paroli laufen lassen" belächelt. Der Spott der Kritiker ist inzwischen verstummt. Denn Deutschland hat jetzt seinen "Euro-Horst".