München - Er ist Dortmunds Erfolgsgeheimnis, Deutschlands eloquentester Trainer und spätestens seit seinen TV-Auftritten bei ZDF ein bundesweites Phänomen: Jürgen Klopp. bundesliga.de hat das Leben des BVB-Trainers genauer unter die Lupe genommen und erzählt von "Musiktraining" mit Santana, peinlichen Boxanfällen und der Klopp'schen Fußball-DNA.

Nie mehr schlechter Fußball

"Mit schlechtem Fußball habe ich mich lange genug rumgeschlagen - und zwar mit meinem eigenen." An fußballerischer Selbstüberschätzung leidet der BVB-Coach sicher nicht. Für Mainz 05 absolvierte er ganze 325 Zweitligaspiele - damit ist er immer noch vereinsinterner Rekordhalter. Trotz seiner 52 Zweitligatore (vereinsintern Rang 2) glaubt er, dass es für weit mehr gerreicht hätte, wenn er alles, was er sich so ausgedacht hat, auch im Spiel gezeigt hätte. "Ich habe es in meiner aktiven Karriere leider nicht geschafft, auf dem Platz das zu bringen, was sich in meinem Gehirn abgespielt hat. Ich hatte das Talent für die Landesliga und den Kopf für die Bundesliga – herausgekommen ist die 2. Bundesliga." Seit er mit Mainz und Dortmund die Liga aufmischt, steht fest, dass Klopps Kopf durchaus bundesligareif ist.

Von Vater...

Seinen Sportsgeist hat "Kloppo" von seinem Vater: "Er war ein Sportler durch und durch, Trainer durch und durch. Der hat mir alles beigebracht, Tennis, Fußballspielen und Skifahren. Er war rücksichtslos: Beim Skifahren bin ich immer nur dem roten Anorak hinterhergenagelt. Er hat nie auf mich gewartet. Ich hab vom Skigebiet nichts gesehen." Auch im Fußball war sein alter Herr ein echter Schleifer, doch Klopp ist ihm dankbar: "Es war einfach nur Glück, dass das, was mein Vater wollte, dass ich tue, genau das war, was mir selbst Spaß machte. Ich habe Fußball über alles geliebt, aber natürlich hatte ich auch keine Lust, sonntags morgens um acht am Kopfball-Pendel zu stehen."

...zu Sohn

Klar, welchen Berufsweg auch Klopps Sohn Marc eingeschlagen hat: er will Fußballprofi werden. 2010 war es dann soweit, dass der blonde Klopp-Sprössling, der bisher bei Darmstadt 98 gespielt hatte, ein Probetraining für die Borussia absolvierte - und Vater und Verantwortliche überzeugte. Bisher kickte der 21-jährige bei der Regionalligamannschaft der Dortmunder, doch im Testspiel beim NRW-Ligisten Rot-Weiß-Essen gab es beim BVB erstmals den "doppelten Klopp" zu bestaunen. Jürgen berief Marc ins Aufgebot der Profis und ließ ihn auf der Rechtsverteidigerposition auflaufen. Der Sohnemann löste seine Aufgabe tadellos, der BVB gewann 2:1. Für die nächste Klopp-Sportlergeneration ist also gesorgt.

TV-Bundestrainer on tour

Zwei "Deutsche Fernsehpreise" stehen bei den Klopps schon auf dem Regal. Nachdem er bei der WM 2006 mit Urs Meier und Johannes B. Kerner die Fernsehzuschauer begeistert hatte, war auch sein Engagement mit RTL-Experte Günther Jauch 2010 in Südafrika ein voller Erfolg. Mit markanten Aussagen in Richtung anderer Nationalteams machte sich Deutschlands "TV-Bundestrainer" dabei einen Namen, etwa in der Torhüterfrage: "Wir diskutieren über unsere Nummer eins. Aber die halbe Welt wäre froh, wenn sie unsere Nummer sieben hätte." Wegen des großen Erfolgs seiner Auftritte organisierte RTL gar eine Tour durch Deutschland. Zusammen mit Jauch klapperte er im Stile eines Rockstars sechs große deutsche Städte ab und war das Highlight dortiger Public-Viewing-Veranstaltungen.

Menschen bei ...Klopp?

"Kloppo" ist mittlerweile nicht nur jedem Fußballfan in Deutschland ein Begriff. Durch seine TV-Auftritte erreicht der Fußballlehrer einen Bekanntheitsgrad, der weit über die Dimensionen des runden Leders hinausgeht. Eine Tatsache, die ihn als Werbeträger natürlich überaus begehrt macht. Sein Berater Marc Kosicke bestätigt: "Das Interesse an Jürgen wird immer größer. Derzeit lehne ich pro Monat zehn bis zwölf gut dotierte Anfragen ab." Nach einem Deal mit dem Autohersteller Seat belaufen sich Klopps Werbeeinnahmen mittlerweile auf mehrere Millionen Euro pro Jahr. Auch die TV-Branche kann von dem Dreitagebartträger nicht genug kriegen: Klopp sollte seine eigene Sendung bekommen. Für Kosicke aber kein Thema. "Jürgen nimmt nur Angebote an, die seine Trainer-Tätigkeit nicht beeinträchtigen."

"Kloppo" vs. "Susi"

Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc hatte doch glatt die Frechheit, gegen Klopps Ex-Verein zu wetten: Er traute den Mainzern nicht den großen Wurf zu und setzte 50 Euro darauf, dass die 05er Bayern nicht besiegen würden. Sein Gegner: der ewige Optimist Klopp, der sein Vermögen um weitere 50 Euro aus Zorcs Tasche erweitern konnte. Klopp hätte natürlich auch mehr gesetzt, aber "der Michael" zahle nicht so gern. Überhaupt ist Zorc eines von Klopps Lieblingsopfern. Der "Brillenträger des Jahres 2008" mit dem modischen Geschick stellte sein eigenes Modelabel mit dem Namen "Übungsleiter K." vor und sagte mit einem Augenzwinkern: "Für mich gibt es eine spezielle Kollektion, die ist nicht ganz so anliegend. Die kann dann auch unser Manager Michael Zorc tragen".

"Musikstunde" mit Santana

Klopp ist nicht nur Motivator, sondern will seine Spieler gemäß Klinsmanns Leitmotiv auch ständig verbessern. Dabei bedient er sich auch mal schlichter, blindwütiger Repetition. "Training ist Wiederholung. Das gilt für Musiker wie für Sportler. Ich habe gerade einen Film über einen Schlagzeuger gesehen, der erzählte, dass er einzelne Sequenzen bis zu 1.600 Mal wiederholt, bis er sie wirklich verinnerlicht hat. Dann denkt er nicht mehr nach, sondern spielt einfach: badadam, badadam, badadam." Gelernt, angewandt. Denn die technischen Fähigkeiten von Innenverteidiger Felipe Santana baute er genau mit dieser Methode aus. "So funktioniert das auch im Fußball, nicht 1.600 Mal, aber nach dem Training werden Felipe 60, 70 Bälle zugespielt, aus unterschiedlichen Positionen, und er muss immer wieder reagieren: Ballannahme, Ballmitnahme, Ball weiterspielen."

Peinlicher Boxanfall

Klopps Jubelausbrüche sind legendär. Doch dem Coach, der normalerweise immer geradeheraus redet und um keine flapsige Antwort verlegen ist, waren auch manche seiner Gefühlsausbrüche im Nachhinein unangenehm. Besonders ein Jubel bleibt in Erinnerung: der nach dem Tor gegen Bayern. "Dafür gibt es keine Erklärung. Keine wissenschaftliche, und auch sonst keine, warum ich das mache. Ich konnte mich gar nicht daran erinnern. Ich wusste schon noch, dass ich zwei Mal die Faust geballt hatte. Dass ich aber gefühlte zwölf Minuten am Stück auf irgendeinen imaginären Gegner eingedroschen habe, wusste ich nicht." Doch genau diese Ausbrüche wollen die Fans in solch umkämpften Partien sehen - und Klopp wäre nicht Klopp, wenn er nicht Spiel für Spiel aus sich herausgehen würde.

Bürgermeister Klopp

Und als ob er nicht schon aktiv genug wäre, hätte er sogar noch einen weiteren Job erledigen können: Im Dezember 2008 erhielt er eine Stimme bei der Bürgermeisterwahl des Schwarzwald-Städtchens Hornberg. Obwohl er überhaupt nicht angetreten war. Klopp dazu: "Ich bin zwar ein Junge, der im Schwarzwald aufgewachsen ist, aber für eine politische Karriere ist die Zeit noch nicht reif." Grund für die Wahl: Das Kommunalwahlrecht in Baden-Württemberg gestattet es den Wahlberechtigten, auch solchen Kandidaten ihre Stimme zu geben, die gar nicht auf den amtlichen Vordrucken zu finden sind. Übrigens bekam auch Oliver Kahn eine Stimme bei dieser Wahl.

Extrawürste nur für Schnarcher

Auch außerhalb des Platzes steht Klopp neuen Methoden immer aufgeschlossen gegenüber, etwa bei der Zimmerbelegung: "Da hieß es immer, der will ein Einzelzimmer, der will nicht mit dem. Ich habe nicht nur Zweibettzimmer angeordnet, sondern die Paare, die ein Zimmer teilen sollen, auslosen lassen." Anfangs wurde natürlich laut protestiert, doch Klopp behielt wie so oft Recht: "Inzwischen ist das alljährliche Auslosen zu einem echten Ritual geworden. Wir inszenieren das wie die Ziehung beim UEFA-Pokal: Der Kandidat sitzt da, hält sich die Hände vor die Augen und wartet darauf, wer ihm zugelost wird, und dann gibt's Jubelszenen. Das ist ein richtig lustiger Event geworden." Einzige Ausnahmen: zwei Akteure, die zum Wohle der anderen alleine schlafen müssen: "Die haben sich ihr Einzelzimmer erschnarcht."

Schlaumeier

Klopp, der an der Universität in Frankfurt Sportwissenschaft studiert hat, hält seine Kicker nicht nur für gute Athleten, sondern traut ihnen auch einiges an Gehirnaktivität zu. "Die Intelligenz von Fußballspielern wird grob unterschätzt. Man beurteilt sie nach den Aussagen unmittelbar nach Spielschluss, wenn sie auf dämliche Fragen antworten müssen." Kein Wunder also, stellt Klopp dar, denn sich total ausgepumpt und in solch emotionalen Momenten der Öffentlichkeit präsentieren zu müssen, sei alles andere als einfach. Klopp hat dazu ein Beispiel aus dem Alltag parat: "Halten Sie mal einem Chirurgen direkt nach einer zweistündigen Herz-OP ein Mikrofon vor die Nase. Der rettet uns das Leben. Aber da werden Sie in der Regel auch keinen vernünftigen Satz zu hören bekommen."


Isabell Groß und Christoph Gschoßmann