München - Nach zwölf Stationen als Trainer hat Jupp Heynckes noch immer nicht genug. Im Sommer tritt der 65-Jährige die Nachfolge von Louis van Gaal beim FC Bayern an. Angefangen hat die Karriere des Trainer-Oldies 1978 bei Borussia Mönchengladbach.

Einer, der Jupp Heynckes bestens kennt, ist Klaus Augenthaler. Der 53-Jährige spricht im bundesliga.de-Interview über die Zeit als Spieler unter Heynckes und den Menschen Heynckes abseits des Trainingsalltags sowie dessen Spagat zwischen der aktuellen Situation bei Bayer Leverkusen und dem zukünftigen Engagement beim FC Bayern.

bundesliga.de: Herr Augenthaler, Jupp Heynckes ist bereits im Spätherbst seiner Trainerkarriere angekommen. Dennoch sucht er als 65-Jähriger mit dem FC Bayern noch eine riesige Herausforderung, setzt sich einem enormen Druck aus. Was motiviert ihn?

Klaus Augenthaler: Wenn der FC Bayern anruft, ist das eben etwas Besonderes. Man verrät ja nichts Neues, wenn man bei Jupp Heynckes und Uli Hoeneß von Freundschaft redet. Er weiß auch ganz genau, worum es bei dem Job geht. Auch wenn Hoeneß sein Freund ist, kann er sich nicht erlauben, um Platz 3 zu spielen. In München geht es um Erfolge, um Titel. Er wird zwei Jahre lang akribisch arbeiten und kann sich dann in Ruhe auf seine Familie und seinen Schäferhund konzentrieren. Auf die Dinge, die im Laufe der Zeit für ihn immer mehr an Bedeutung gewonnen haben.

bundesliga.de: Sie haben beim FC Bayern von 1987 bis 1991 unter Jupp Heynckes gespielt und wurden zwei Mal Deutscher Meister. Wie haben Sie ihn als Trainer erlebt?

Augenthaler: Heynckes war ein Trainer, der mit Konzept gearbeitet hat. Er war ehrlich, glaubwürdig und fleißig. Im ersten Jahr beim FC Bayern wollte er zu schnell seine Ideen umsetzen und alles auf einmal machen. Das ging aber nicht von heute auf morgen. Bei einer gestandenen, erfolgreichen Mannschaft lässt sich nicht alles sofort umsetzen.

bundesliga.de: Was sind Heynckes' besondere Qualitäten als Trainer?

Augenthaler: Jupp Heynckes war der erste Trainer, der mir gesagt hat, was ich im Training falsch und was ich richtig mache. Und der versucht hat, die Fehler abzustellen. Er ist ein Perfektionist. Vorher ist man einfach darauf losmarschiert, der Erfolg hat ja alles gerechtfertigt.

bundesliga.de: Sie gehörten damals, als Heynckes zum FC Bayern kam, mit 29 Jahren bereits zu den erfahrenen Spielern. Wie war Ihre persönliche Beziehung zu ihm?

Augenthaler: Nach anfänglichen Meinungsverschiedenheiten haben wir uns sehr gut arrangiert und zusammengerauft. Er hat mich als ehrlichen Spieler und ich ihn als ehrlichen Trainer schätzen gelernt.

bundesliga.de: Gab es in der Zeit beim FC Bayern größere Konflikte zwischen Ihnen und Heynckes?

Augenthaler: Es gab mal einen kleineren Konflikt zwischen uns nach dem Ausscheiden gegen Roter Stern Belgrad im Europapokal. Ich habe nämlich auf Anraten von Uli Hoeneß eine Spielersitzung in meinem Keller abgehalten, was Jupp Heynckes aber nicht gewusst hat. Das ist ihm dann sauer aufgestoßen.

bundesliga.de: Einmal vom Trainerberuf abgesehen, was zeichnet den Menschen Heynckes aus?

Augenthaler: Heynckes hat nicht nur sein Trainingsprogramm runtergespult, sondern hatte auch für private Sorgen von Spielern ein offenes Ohr. Ich habe ihn als sehr menschlichen, wenig distanzierten Trainer kennengelernt. Er konnte auch den Sport von privaten Dingen trennen. Wir waren auch mal mit Freunden Tennis spielen und sind danach noch nett zusammengesessen.

bundesliga.de: Nach seiner Amtszeit beim FC Bayern zog es Heynckes in den Süden, insgesamt trainierte er fünf Vereine in Spanien und Portugal. Inwiefern haben ihn diese Jahre und insbesondere die Lebenskultur der Menschen dort geprägt?

Augenthaler: Bevor er zum FC Bayern kam, hatte er den Hang zu einer gewissen Verbissenheit. Ich glaube schon, dass diese Auslandserfahrung in Spanien ihn als Menschen noch mehr hat reifen lassen. Er ist lockerer geworden, hat aber seine Linie beibehalten. Das sieht man zum Beispiel daran, wie er jetzt bei Bayer Leverkusen mit Michael Ballack umgeht.

bundesliga.de: Heynckes steht vor dem Saisonfinale mit Leverkusen auf Rang 2, wo der FC Bayern gerne hin möchte. Beeinflusst das seine Arbeit?

Augenthaler: Nein, überhaupt nicht. So wie ich ihn kenne, wird er seine volle Kraft darauf fokussieren, dass Leverkusen die Saison auf Platz 2 beendet und in die Champion League einzieht.

bundesliga.de: Heynckes tritt am 30. Spieltag mit Leverkusen bei seinem zukünftigen Arbeitgeber in München an. Selbst für einen extrem erfahrenen Coach wie ihn ist das keine leichte Situation, oder?

Augenthaler: Es ist schwer zu sagen. Das kommt darauf an, wie das Spiel ausgeht. Sollte Leverkusen 3:0 gewinnen, wird er nicht wie ein Rumpelstilzchen jubelnd in der Gegend herumspringen. Aber das ist ja sowieso nicht seine Art.

bundesliga.de: In einer Zeit der jungen aufstrebenden Trainer wie zum Beispiel Jürgen Klopp und Thomas Tuchel setzt der FC Bayern mit der Verpflichtung von Heynckes auf geballte Erfahrung. Warum?

Augenthaler: Beim FC Bayern wissen sie, was sie an Heynckes haben. Sie haben ja erst vor kurzem wieder mit ihm zusammengearbeitet. Es ist ja auch kein Zufall, dass er die Mannschaft in Leverkusen so führt. Louis van Gaal zum Beispiel ist ja auch kein junger Trainer mehr, man setzt einfach auf Erfahrung. Heynckes und van Gaal haben ja auch etwas vorzuweisen.

bundesliga.de: Wie wird der FC Bayern reagieren, wenn es unter Heynckes sportlich nicht so läuft, wie die Verantwortlichen sich das vorstellen?

Augenthaler: Ich glaube, wenn es beim FC Bayern schlecht läuft, werden sie auf jeden Fall an Heynckes festhalten, sonst macht sich der Verein unglaubwürdig. Aber dazu wird es gar nicht kommen.

Das Gespräch führte David Schmidt