Die Metamorphose vollzog sich binnen einer Halbserie. Kevin Kuranyi, in der vergangenen Spielzeit noch so etwas wie der Sündenbock der Schalker Misere, hat unter dem neuen Trainer Felix Magath die Herzen der "königsblauen" Fans zurückerobert.

Acht Treffer hat der Stürmer in der laufenden Saison schon auf seinem Konto, er ist der unbestrittene Offensiv-Leader und vor allem kämpferisch ein Vorbild für die Schalker "Rasselbande".

"Wenn ich sehe, wie Kevin Kuranyi für die Mannschaft schuftet, ziehe ich den Hut", zollte Werder Bremens Manager Klaus Allofs dem 27-Jährigen Respekt. Beim 2:0-Sieg der Magath-Elf im Weserstadion hatte Kuranyi einmal mehr seinen immensen Wert fürs Team unter Beweis gestellt.

"Magath hat uns alle fit gemacht"

Den ersten Treffer besorgte er selbst, den zweiten legte er mustergültig für Jan Moravek auf. Nebenbei rieb sich der Angreifer in etlichen Zweikämpfen auf, arbeitete vorbildlich nach hinten und verhinderte damit, dass der Werder-Express ins Rollen kam. Doch nicht nur auf dem Platz setzt Kuranyi die Vorgaben von Magath in die Tat um - er agiert auch abseits des Rasens als verlängerter Arm seines Lehrmeisters.

"Spielerisch sind wir noch weit entfernt von einer Top-Mannschaft. Aber wir machen genau das, was uns der Trainer sagt", betont Kuranyi, der weiß, wem er seinen persönlichen Aufschwung zu verdanken hat: "Magath hat uns alle fit gemacht." Dass die Zusammenarbeit zwischen dem strengen Coach und dem in der Vorsaison bei den Fans ungeliebten Stürmer derart fruchtet, kommt indes nicht überraschend. Der jetzige S04-Cheftrainer hatte Kuranyi bereits in Stuttgart unter seinen Fittichen und ihn zum Nationalstürmer geformt.

Trainerwechsel bringt Fortschritte

Zuletzt hatte Kuranyi allerdings stagniert, wenngleich er meistens in den Top-Ten der Torschützenliste zu finden gewesen ist. So kam er in der vergangenen Saison zwar auf respektable 13 Treffer, hatte aber sogar beim eigenen Anhang einen schweren Stand und wurde nicht nur einmal ausgepfiffen.

Erst mit dem Trainerwechsel hat Kuranyi wieder aus dem Tal herausgefunden. Unter der Verantwortung von Michael Büskens fing sich Kuranyi wieder und holte sich das nötige Selbstbewusstsein für die neue Saison. Den richtigen "Schliff" verpasste Magath seinem Schützling offenbar im Sommertrainingslager, wo er Kuranyi und Co. konditionell auf Vordermann brachte.

Nur Kießling trifft öfter

Der Stürmer dankt es ihm mit beständigen Leistungen, die sich auch aus der offiziellen Saisonstatistik herauslesen lassen. Acht Treffer hat der Angreifer bislang erzielt und wird nur von Leverkusens Stefan Kießling übertroffen (12). Der 27-Jährige erzielte am vorletzten Spieltag gegen die Hertha sein 100. Bundesligator im 242. Spiel und ist damit der 47. Spieler in der Bundesliga-Historie, der diese Marke erreichte. Von den aktuell aktiven Spielern schafften dies sonst nur Pizarro (123) und Klose (117).

Am vergangenen Spieltag in Bremen folgte bereits sein 101. Bundesliga-Treffer. Ligaweit gab Kuranyi die acht-meisten Torschüsse ab (41, davon 20 aufs Tor). Neben seinem Torinstikt besticht er jedoch auch durch seine Teamfähigkeit: In der Scorerrangliste liegt Kuranyi mit elf Punkten (acht Treffer, drei Assists) auf Rang vier. Den Vergleich zu seinen Glanzzeiten muss der Stürmer auch nicht scheuen: Nur einmal hatte er nach 16 Spieltagen mehr Treffer auf dem Konto als aktuell - in der Saison 2002/03 hatte Kuranyi bereits neun Mal für den VfB Stuttgart eingenetzt.

Rückkehr ins Nationalteam?

Argumente genug für eine Rückkehr in die Nationalelf hat der geläuterte Angreifer jedenfalls gesammelt. Im Oktober 2008 war er während des WM-Qualifikationsspiels gegen Russland (2:1) aus Verärgerung über seine Nichtberücksichtigung aus dem Stadion geflohen, woraufhin ihn Bundestrainer Joachim Löw suspendiert und eine Rückkehr in das DFB-Team unter seiner Regie mehrfach ausgeschlossen hatte.

"Für mich ist die Frage: Wie kann ich es schaffen einen Menschen und seine Meinung zu ändern?", sagte Kuranyi dem Magazin "11 Freunde". "Es gibt nicht nur den Bundestrainer Löw und den Spieler Kuranyi, sondern auch die Menschen dahinter. Deshalb hoffe ich, dass ich eines Tages eine neue Chance bekomme." Verdient hätte er sie allemal.

Johannes Fischer