Hamburg - Um Punkt 10:20 Uhr verließ Armin Veh am Sonntag die Katakomben des HSV-Stadions und bestieg seinen strahlend weißen Audi, der einen starken Kontrast zu dem gerade entlassenen Trainer bot. Grau sah Veh aus, die Haare, die Bartstoppeln, tiefe Ringe unter den Augen verstärkten den Eindruck noch. Abfahrt vom Hamburger SV.

Vehs Laune war entsprechend. "Ich sage heute nichts. Kein Kommentar. Das wäre ja noch mal schöner", war das Einzige, was der 50-Jährige sich noch abrang.

Oenning übernimmt, Cardoso assistiert

Er war der achte Trainer in acht Jahren, der seinen Vertrag beim Bundesliga-"Dino" nicht erfüllen durfte oder wollte. Nach der 0:6-Blamage am Samstag in München sah der Club keine Alternative mehr zur sofortigen Trennung von Veh, der von sich aus schon seinen Abschied zum Saisonende angekündigt hatte.

"Das 0:6 ist natürlich in diese Entscheidung mit eingeflossen. Man darf in München verlieren, keine Frage. Aber man darf ein Spiel nicht komplett herschenken. Wir haben viel zu viele Fehler gemacht, sind in uns zusammengefallen, haben alle Schleusen geöffnet. Das kann nicht sein. Es wurde kein positives Signal gesendet, stattdessen sind wir zerbrochen", kritisierte Sportchef Bastian Reinhardt.

Der bisherige Co-Trainer Michael Oenning, assistiert von Regionalliga-Coach Rodolfo Cardoso, übernimmt bis Saisonende. Mit Veh musste auch dessen Assistent Reiner Geyer gehen.

Oennings Zukunft am Saisonende noch offen

Angesichts der sich verschärfenden Vereinskrise hatte der noch amtierende Vorstandschef Bernd Hoffmann seinen Ski-Urlaub unterbrochen und war zurück in die Hansestadt gejettet. Am Sonntag überließ er jedoch hauptsächlich Reinhardt das Wort.

"Aufgrund des schon feststehenden Abschiedes und des Einbruchs in den vergangenen beiden Spielen hat der Vorstand entschieden, sich mit sofortiger Wirkung von Armin Veh zu trennen", sagte Reinhardt, der in der neuen Spielzeit von Frank Arnesen abgelöst wird: "Wir mussten jetzt den Schnitt machen."

"Er kennt die Mannschaft gut, konnte beim 1. FC Nürnberg bereits Erfahrung als Cheftrainer sammeln und besitzt das Format, Trainer des HSV zu sein", erklärte Reinhardt die Entscheidung, und wollte auch ein längeres Engagement Oennings über das Saisonende hinaus nicht ausschließen: "Es ist noch keine Entscheidung über die Besetzung des Trainerpostens für die kommende Saison gefallen. Michael Oenning hat jetzt die Chance, sich zu präsentieren."

Reinhardt hat erkannt: "Es ist Zeit zu handeln"

Bereits im Winter hatte Veh mit dem Gedanken gespielt hinzuwerfen, besann sich dann aber anders. Spätestens nach der von HSV-Fans als besondere Schmach empfundenen Niederlage gegen St. Pauli war dann klar, dass er keine Zukunft an der Elbe hat. Am Dienstag erklärte Veh dann von sich aus seinen Abschied zum Saisonende, empfand sich aber nicht als machtloses Auslaufmodell: "Es ist schon gut gegangen mit Trainern, deren Abschied feststeht. Alles hängt vom Ergebnis ab."

Das ließ nun am Samstag keine Fragen mehr offen. 25 Minuten hielt der HSV gut mit, dann nahm Bayern das Heft in die Hand, und spätestens nach dem 0:2 kurz nach der Halbzeit ließen sich die HSV-Profis willenlos abschießen. Auch die 2:4-Heimniederlage gegen Mainz 05 vergangene Woche passte ins Bild. "Wir sind auf dem Platz auseinandergebrochen", sagte Reinhardt, "wir haben erkannt, dass es an der Zeit ist zu handeln."

Schließlich habe man "bis zum Saisonende noch acht Partien zu bestreiten, fünf davon im eigenen Stadion. Deshalb werden wir nichts herschenken, auch wenn wir im Kampf um die europäischen Plätze erst einmal ein bisschen außen vor sind", erklärte Reinhardt: "Doch solange rechnerisch noch alles möglich ist, werde ich nicht verkünden, dass wir keine Chance mehr auf den europäischen Fußball haben. Wenn wir mit Leidenschaft, Begeisterung und Disziplin ins letzte Saisonviertel gehen, wieder als echte Einheit auftreten und um jeden einzelnen Punkt und Sieg kämpfen, dann können wir vielleicht noch unsere kleine Chance nutzen."