Köln - Nach der Beinahe-Bruchlandung in der vergangenen Saison bastelt der Hamburger SV fleißig am neuen Kader. Investor Klaus-Michael Kühne hat die Schatulle für weitere Stars geöffnet. Die entscheidende Personalie glaubt Sportchef Dietmar Beiersdorfer dabei im Schweizer Abräumer Valon Behrami gefunden zu haben.

Beim Treffen in Mailand wurde italienisch gesprochen. Dietmar Beiersdorfer, der seine Karriere in der Serie A beim AC Reggiana beendete, hatte seinen Wunschspieler für die kommende Saison in einem Restaurant direkt vor sich sitzen. Und obwohl Valon Behrami inzwischen auch ordentlich deutsch spricht, wollte Beiersdorfer seinen Gegenüber in vertrauter Sprache überzeugen.

Offensichtlich gelang ihm das ganz gut, denn auch der spanische Meister Atletico Madrid hatte die Fühler bereits nach dem 29-Jährigen ausgestreckt. "Dietmar war unglaublich. Er hat mir klar gemacht, dass er mich unbedingt verpflichten will. Das war sehr wichtig für mich", sagt Behrami. Statt Champions League mit Madrid ist nun Aufbauarbeit mit dem zuletzt stark kriselnden Bundesliga-Dino angesagt. Dieser Aufgabe ist sich der Neue durchaus bewusst: "Wir haben viel Arbeit vor uns", weiß er die Situation realistisch einzuschätzen.

"Absoluter Charakterspieler" trifft beim Debüt

Behrami, der sich auf der Sechser-Position am wohlsten fühlt, soll beim Hamburger SV das Puzzleteil sein, das man in der abgelaufenen Saison vergeblich gesucht hat. Einer, der die Ärmel hochkrempelt und seit dem Abgang von Nigel de Jong in Hamburg so schmerzlich vermisst wird. "Er ist ein absoluter Charakterspieler, hat sich in all seinen Stationen durchgesetzt und war für die Mannschaften sehr wertvoll", lobt ihn auch sein Kumpel Johan Djourou. Die beiden sind jetzt sowohl in der Schweizer Nationalmannschaft als auch beim HSV Kollegen.

Dass Behrami gleich im ersten Einsatz für den neuen Club einen Treffer erzielte (Spielbericht), wird die Verantwortlichen freuen. "Er hat nicht nur wegen des Treffers gezeigt, warum wir ihn geholt haben. Er arbeitet sehr bissig und dynamisch gegen den Ball und hat viele wichtige Zweikämpfe gewonnen", lobte Trainer Mirko Slomka nach dem Testspiel am Montagabend.

"Geländelauf" in den Europacup

Im Kosovo aufgewachsen, kam Behrami im Alter von fünf Jahren mit seinen Eltern nach Stabio, einem Dorf im Tessin, dem italienischsprachigen Teil der Schweiz. Dort war er zunächst in der Leichtathletik erfolgreich und gewann mehrere Regionaltitel im Geländelauf. Erst relativ spät kam Behrami zum Fußball. Dann ging aber alles ganz schnell: Nach der Insolvenz seines Clubs FC Lugano wechselte er in die italienische Serie B zu Genua 1893. Bereits zu dieser Zeit hatte sich Beiersdorfer den Namen Behrami in seinem Notizbuch notiert. Der junge Spieler war ihm bei der U19-EM in der Schweiz aufgefallen.

Nach einem weiteren Wechsel zu Hellas Verona wurde Behrami 2004/05 im Alter von 20 Jahren zum besten Spieler der Serie B gewählt. Topclubs in Italien und England buhlten um seine Dienste. Schließlich zog es ihn zu Lazio Rom und er wurde erstmals in die Schweizer Nationalmannschaft berufen. Nach weiteren Stationen bei West Ham United, AC Florenz und dem SSC Neapel hat der Mittelfeldspieler inzwischen 167 Mal in der Serie A und 57 Mal in der englischen Premier League auf dem Platz gestanden. Hinzu kommen 16 Einsätze im Europapokal.

Hitzfeld lobt ihn als "Typ wie van Bommel"

Auch Ottmar Hitzfeld berief Behrami bei der WM in Brasilien in allen vier Schweizer Spielen in die Startformation. Weniger wegen seiner Torgefährlichkeit (zwei Treffer in 50 Länderspielen) als vielmehr wegen seiner defensiven Fähigkeiten.

"Er ist ein Aggressive Leader, wie es einst Mark van Bommel war. Er ist technisch gut, spielt einfache Pässe, ist ein unglaublicher Motivator. Ein Winner-Typ, der nie aufgibt", sagt Hitzfeld und gratuliert dem HSV gleichzeitig zum neuen Transfer. Über seinen ehemaligen Schützling findet er nur gute Worte: "Er kann das Spiel der gegnerischen Mannschaft hervorragend lesen, wittert schon die Gefahr, wenn sie gerade im Entstehen ist. Ein absoluter Feuerwehrmann, der Brände löscht.“

Und Hitzfeld fügt hinzu: "So einen Profi hat der Verein gerade nach der vergangenen Saison gebraucht." Eine Einschätzung, die Dietmar Beiersdorfer freuen dürfte.

Karol Herrmann