Stuttgart - Damit konnte man nicht rechnen. Der FC Augsburg steht nach dem Sieg in Stuttgart auf Rang 6 der Tabelle. Eine formidable Leistung, die in erster Linie über das Kollektiv funktioniert. Der Kader ist perfekt konzeptioniert.

Am Ende eines erfolgreichen Arbeitstages hatte Augsburgs Geschäftsführer Sport und Ex-Nationalspieler Stefan Reuter wieder einmal wenig Mühe, die Bodenhaftung zu bewahren. Souverän und gelassen, beinahe als Abziehbild seiner Mannschaft in den 90 Minuten zuvor, stand er in den Katakomben der Stuttgarter Mercedes-Bilanz und analysierte das Auftreten seiner Spieler beim 1:0-Erfolg über den VfB. "Ruhig", "clever" "effzient" - um diese Begriffe hangelte sich Reuter bei seinen Antworten. Am Ende habe man "verdient gewonnen". Ergebnis am Sonntagabend: Tabellenrang sechs, so gut wie nie zuvor in der Bundesliga.

Drei Punkte - egal wie

In der Tat war es nicht immer schön, was die Augsburger auf den Stuttgarter Rasen zauberten. Etwa 70 Minuten lang in Überzahl nach einer diskussionswürdigen gelb-roten Karten für den VfB-Verteidiger Daniel Schwaab hatten die bayrischen Schwaben dennoch alle Mühe, die Partie siegreich zu gestalten. Am Ende musste ein Handelfmeter herhalten, den Paul Verhaegh in gewohnt sicherer Manier verwandelte. Am Ende aber war es den Augsburger egal. Drei Punkte waren eingefahren – der zweite Sieg in der Fremde nach dem Erfolg in Frankfurt.

Es war sicher kein Feuerwerk an Torchancen, dass die immerhin noch 48.200 Zuschauer in der Stuttgarter Arena zu bestaunen hatten. Der VfB mühte sich in Unterzahl im Rahmen seiner derzeitigen Möglichkeiten, die Augsburger warteten geschickt auf die entscheidende Szene, die schließlich auch kam. Lange, sichere Ballstafetten, kompakt, stabil in der Defensive und im Angriff immer wieder mit feinen Nadelstichen – so dominierte die Truppe von Trainer Markus Weinzierl  die Partie und siegte letztlich vollauf verdient.

Das Kollektiv besticht

Weinzierl ist gelungen, in den letzten Jahren eine funktionierende und verschworene Einheit zu formen. Nach schwierigen Anfangsjahren – zu Beginn seiner Amtszeit 2012 stand Weinzierl ganz unten – ging es mit den Augsburgern kontinuierlich bergauf, in dieser Saison nun fährt das Tandem Weinzierl/Reuter den Lohn der harten Arbeit ein. Den beiden ist gelungen, eine sehr gute Mischung an Spielern auf den Platz zu bringen. Die Augsburger besitzen nicht die herausragenden Einzelkönner, sondern bestechen durch ihr Kollektiv.

Ein guter Torwart mit Marwin Hitz, eine stabile Verteidigung und in Mittelfeld und Angriff erfahrene Spieler, die im Laufe ihrer Zeit in Augsburg immer besser werden: Genannt seien nur Daniel Baier, Markus Feulner oder Halil Altintop, die in Stuttgart dem Spiel ihrer Mannschaft den Stempel aufdrückten. Der Sieg war auch deshalb so wichtig, als dass die Augsburger bislang auswärts selten überzeugen konnten und ihre Punkte primär im heimischen Stadion einfuhren. Nun also der Triumph in Stuttgart – ein Meilenstein, wie auch Weinzierl in der Pressekonferenz erklärte: "Der war ein wichtiger Sieg, der sehr, sehr gut tut. Der Blick auf die Tabelle ist jetzt natürlich sensationell."

Tabellenstand nur als Augenblick

Sensationell aber nur als schöner Augenblick. Zumindest wenn es nach Stefan Reuter geht. Der sieht sich weiterhin als steten Mahner und will von Euphorie nichts wissen. Europa League – bloß nicht daran denken! "Die Bundesliga ist mittlerweile so gut und eng zusammen, da kann schnell alles passieren", sagte er in Stuttgart. "Wir müssen jetzt erst einmal den Abstand nach unten weiter vergrößern." Neun Punkte sind es mittlerweile auf den Gegner VfB – immerhin.

Jetzt kommen am Samstag die auswärtsschwachen Hamburger zu den heimstarken Augsburgern. Da könnte der Höhenflug weitergehen. Auch wenn das Reuter so explizit nicht hören mag.

Aus Stuttgart berichtet Jens Fischer