Stuttgart - Unmittelbar nach der bitteren 1:2-Niederlage beim VfB, die den Hamburger SV auf den vorletzten Tabellenplatz abrutschen ließ, zeigten die Norddeutschen in den Katakomben der Stuttgarter Mercedes-Benz Arena eine starke Leistung und redeten Klartext.

"Man muss ganz klar sagen, dass der VfB Stuttgart in fast allen Belangen die bessere Mannschaft war", analysierte beispielsweise Torhüter René Adler (Interview), der in den 90 Minuten zuvor mit seinen Paraden verhinderte, dass der Hamburger Arbeitstag im Schwäbischen nicht noch schlimmer endete.

Und Kollege Marcell Jansen ergänzte: "Wir haben heute vieles falsch gemacht. Stuttgart war einfach besser, das muss man anerkennen." Lediglich einer wollte zu den Ereignissen zuvor nichts sagen: Rafael van der Vaart. Der Niederländer kassierte kurz vor dem Spielende seine zehnte Gelbe Karte der laufenden Saison und ist damit für das Abstiegsfinale gegen Schalke gesperrt.

Keine Ruhe durch die Führung

Dabei hatten die Hamburger - Trainer Bruno Labbadia wechselte sein System von einem 4-2-3-1 auf ein 4-4-2 - einen ordentlichen Start in die Partie erwischt. Nach einem Freistoß von van der Vaart war es wieder einmal Gojko Kacar, der die Führung für den HSV erzielte. Ruhe kehrte aber nicht bei den Gästen ein, sondern beim VfB, der dank seiner Offensivstärke innerhalb von 20 Minuten die Partie drehte.

"Wir sind zum richtigen Zeitpunkt in Führung gegangen und hatten den Gegner dort, wo wir ihn haben wollten", sagte ein ernüchterter Labbadia nach der Partie, der sich seine Rückkehr nach Stuttgart anders vorgestellt hatte. "Dann haben wir aber 20 bis 25 Minuten nicht so funktioniert, wie wir uns das vorgestellt haben." Die Hamburger leisteten sich zu viele Fehler, lediglich zwei von drei Pässen kamen beim Mitspieler an, Kombinationsfußball war Mangelware.

"Werden alles versuchen"

Das lag auch daran, dass Kreativ-Spieler van der Vaart von seinem Gegenüber Christian Gentner an die Kette gelegt wurde und defensiv wenig Zweikampfstärke zeigte. In der Spitze hingen Pierre-Michel Lasogga, früh gehandicapt wegen einer Schulterverletzung, und der laufstarke, aber spielschwache Ivica Olic in der Luft. So hatten die Stuttgarter wenig Mühe, immer wieder gefährlich zu werden, vor allem Heiko Westermann hatte auf der rechten Seite seine liebe Mühe mit dem wieselflinken und brandgefährlichen Filip Kostic.

Am Ende steht stand es 1:2 und Bundesliga-Dino Hamburger SV droht der Absturz in die Zweitklassigkeit. Was nun, HSV? Selbst ein Sieg gegen Schalke am letzten Spieltag hilft nur dann, wenn die Ergebnisse der direkten Abstiegsrivalen entsprechend ausfallen. "Wir haben es nicht mehr in der eigenen Hand, das fühlt sich beschissen an. Wir müssen jetzt unseren Job gegen Schalke mit einem Sieg erledigen und hoffen einfach, dass die anderen für uns spielen", traf Adler die Lage auf den Punkt. Und sein Trainer Labbadia ergänzte: "Wir werden nun alles versuchen und das Spiel schnell aufarbeiten."

Im Endspiel gegen Schalke unter Zugzwang

Noch herrscht ein Fünkchen Hoffnung im hohen Norden. Immerhin hatte Labbadia vor dem Stuttgart-Spiel sieben Punkte aus drei Partien geholt, wenn auch teilweise unter extrem glücklichen Umständen. Gegen Schalke werden die in Stuttgart vermissten Comeback-Qualitäten gefragt sein, denn sonst läuft in der heimischen Arena die legendäre Bundesliga-Uhr des Urgesteins ab. Jansen sprach in Stuttgart bereits von einem "kleinen Wunder", das man benötigen werde. Positiv auswirken könnte sich die sportliche Situation des Gegners. Schalke hat die Qualifikation für die begehrte Europa League so gut wie in der Tasche.

Aber Tore wird man schießen müssen. Bedenkt man, dass gegen Stuttgart nur einer der sieben Schüsse auch wirklich auf das gegnerische Tor ging, kein leichtes Unterfangen...

Aus Stuttgart berichtet Jens Fischer