Louis van Gaal wusste ganz genau, wie er die Aufgabe angehen würde. "Du musst zunächst eine Vision haben, ein System Bayern München beschließen: Diese Taktik, diese Strukturen passen zu uns. Dann holst Du die Trainer, die zum System passen. Und dann arbeiten alle nach einer Idee", sagte der niederländische Fußballlehrer dem "Spiegel".

Das war im Februar 1996, fast auf den Tag genau vor 14 Jahren. Van Gaal hatte neun Monate zuvor mit einer blutjungen, von ihm aufgebauten, Mannschaft von Ajax Amsterdam die Champions League gewonnen und scheiterte drei Monate später im Finale erst im Elfmeterschießen gegen Juventus Turin am Unternehmen Titelverteidigung.

"Bayern München war sein Traum"

Auch wenn van Gaal erst im Sommer 2009 den Cheftrainer-Posten bei den Münchnern übernahm - schon in der Zeit, als Fußball-Europa ihm und seiner Ajax-Elf zu Füßen lag, machte er sich Gedanken über die Bayern.

Glaubt man seinen Kartenbrüdern aus der niederländischen Heimat, ist das auch kein Wunder. Sie kennen van Gaal, Spitzname beim Kartenspielen "The King", seit 40 Jahren, und berichten: "Bayern München war sein Traum. Er will mit schönem Fußball Meister werden und beweisen, dass das auch in Deutschland geht."

Das ist es, das große Ziel, das Louis van Gaal am Ende des von ihm immer wieder beschworenen "langen Prozesses" beim Rekordmeister erreichen will. "Wenn wir gewinnen und wir spielen schlecht, bin ich nicht glücklich", sagt van Gaal. Nicht umsonst heißt sein im Oktober erschienenes zweites Buch: "Louis van Gaal: Biografie und Vision".

Strategischer Wutausbruch

Und von dieser Vision rückt er nicht ab, ihrer Erfüllung ordnet er alles unter und greift hier und da zu psychologischen Tricks, wie sie auch andere große Trainer nutzen. Auch die kurze Zurechtweisung eines "Sky"-Reporters nach dem 1:1 beim 1. FC Nürnberg am vergangenen Samstag fällt in diese Kategorie.

Nach neun Bundesliga-Siegen in Folge - teilweise begeisternd herausgespielt und schon nah am van-Gaalschen Ideal - kamen die Bayern in Franken trotz Überlegenheit nicht über ein 1:1 hinaus. Van Gaal kann nach fast acht Monaten in München aber einschätzen, wie hektisch mögliche spielerische Rückschläge im medialen Umfeld des Rekordmeisters beurteilt werden.

Mit seinem Ausbruch wollte er von seinem Team ablenken, das ein Mal nicht so überzeugend gespielt hat. Er will die Entwicklung, den Prozess mit dem Team beschützen, indem er von einer schwächeren Leistung ablenkt und stattdessen die Diskussion auf eine andere Ebene hebt. Beispiele für diese Vorgehensweise gibt es bei Star-Trainern immer wieder. Auch Jose Mourinho legt sich bevorzugt mit Journalisten an, Sir Alex Ferguson hat es zumeist auf die Schiedsrichter abgesehen, wenn er seiner Mannschaft Ruhe für die tägliche Arbeit verschaffen will.

Väterlicher Vertrauter statt "General"

Van Gaal ist viel mehr als nur der strenge Fußball-Gelehrte, als der er zu Beginn seiner Zeit in München häufig dargestellt wurde. Halten sich seine Spieler an die klar vorgegebene Aufgabenverteilung, hängen sich in Training und Spielen voll rein und ordnen sich dem Kollektiv unter, kann van Gaal zum väterlichen Vertrauten werden, nicht zum oft zitierten "General".

Auch die Kartenbrüder aus der Heimat loben ihn als zuverlässig, integer, hilfsbereit. "Wenn man sein Freund ist, kann man mit ihm rechnen", sagen sie. Wer ein Mal eine Pressekonferenz mit van Gaal miterlebt hat, weiß zudem, dass der 58-Jährige über einen sehr feinen Humor verfügt.

Er wolle in der Öffentlichkeit die unterhaltsame Seite nicht zeigen, "weil er gerne als Autoritätsperson dasteht", vermutete der damalige Bayern-Präsident Franz Beckenbauer im November über den mit acht Geschwistern in einer katholischen Familie aufgewachsenen van Gaal.

Zwei Tage trainingsfrei

Doch trotz Wutausbruchs und Taktikbelehrungen wird auch in der Bundesliga immer deutlicher, dass van Gaal einfach nur den Erfolg in den Vordergrund stellt, und dem alles unterordnet. So überraschte es diese Woche kaum noch, dass der angeblich so strenge Trainer den Bayern-Spielern den Dienstag und den Mittwoch trainingsfrei gab.

Van Gaal nutzte schlicht und ergreifend die Chance, dass die Münchner während der Woche spielfrei hatten, um seinem inzwischen relativ kleinen Kader vor den Wochen der Wahrheit die Chance zum Durchschnaufen zu geben.

Rummenigge hofft auf Kontinuität

Kommt das Team aus dieser Mini-Pause wieder in der Form heraus, die es zwischendurch schon in Bundesliga und Champions League zelebrierte, könnte die Saison 2009/2010 der Beginn jener "Ära van Gaal" sein, die sich der FC Bayern so sehr wünscht.

Jetzt zahlt es sich aus, dass bei den Verantwortlichen trotz des schlechtesten Saisonstarts seit 43 Jahren keine Hektik ausbrach. Die Überzeugung den Richtigen gefunden zu haben, ist in der bayerischen Landeshauptstadt inzwischen groß. Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge wünscht sich Kontinuität und hofft "dass das Ende der Fahnenstange nicht der 30. Juni 2011 sein wird."

Dann endet van Gaals Vertrag. Doch der würde im Erfolgsfall vielleicht auch länger bleiben. Schließlich reift seine Vision schon seit mindestens 14 Jahren in ihm.

Matthias Becker