Thomas Doll ist wieder ein gefragter Mann im Fußballgeschäft. Nach einem Jahr Pause heuerte er im vergangenen Sommer in der türkischen SüperLig bei Genclerbirligi an - und kann sich inzwischen über zwei Erfolge freuen.

Zum einen führte er das Team aus der Hauptstadt Ankara, in der vergangenen Saison noch haarscharf dem Abstieg entgangen, nach 18 Spieltagen auf Platz 7 in der Tabelle. Zum anderen hält sich Doll nun schon seit über einem halben Jahr im Amt. Bei einem Club, der in den zwei Jahren vor Dolls Amtsantritt zwölf (!) Trainer verschliss, beweist das die Wertschätzung, die dem Deutschen entgegengebracht wird.

Trotz der Hochachtung fern der Heimat: Die Bundesliga bleibt mittelfristig das Ziel Dolls, der das Geschehen in Deutschland deshalb weiter intensiv verfolgt. Vor dem Duell zwischen seinen Ex-Clubs Borussia Dortmund und Hamburger SV (Sa., ab 18 Uhr im Live-Ticker/Live-Radio) spricht Doll mit bundesliga.de über seine Erwartungen vor dem Top-Spiel, den Grund für die Stärke des HSV und die Qualitäten von Mats Hummels.

bundesliga.de: Herr Doll, Sie werden in der Türkei von allen Seiten für Ihre Arbeit bei Genclerbirligi gelobt. Tut es gut, nach einem Jahr Pause wieder im Fußballbetrieb zurück zu sein?

Doll: Absolut. Ich merke, dass mir die Pause sehr gut getan hat, aber es ist einfach schön, wieder auf dem Fußballplatz zu stehen. Es war kein leichter Start, weil wir aus zwei Mannschaften eine formen mussten. Wenn man uns vorher gesagt hätte, dass wir 26 Punkte holen und auf Platz 7 stehen, hätte das sicherlich keiner für möglich gehalten. Auch im Umfeld sind alle sehr zufrieden, gerade wenn man bedenkt, dass vor mir zwölf Trainer in zwei Jahren gegangen sind.

bundesliga.de: Am Samstag kommt es in der Bundesliga zum Duell ihrer Ex-Clubs HSV und Borussia Dortmund. Was erwarten Sie von der Partie?

Doll: Ich denke, dass sich ein sehr taktisches Spiel entwickeln wird. Keiner wird von Beginn an sehr offensiv agieren, weil sehr viel auf dem Spiel steht. Deshalb wird es erst einmal ein Abtasten geben, im Laufe des Spiel werden beide Teams aber offensiver werden und es wird sich eine offenere Partie entwickeln. Schließlich haben beide Mannschaften in dieser Saison im Angriff schon überzeugt. Am Ende wird die Tagesform entscheiden, wobei ich den HSV aufgrund der Stärke seines Kaders leicht im Vorteil sehe, auch wenn er auswärts antreten muss.

bundesliga.de: Im Trainingslager in Belek waren Sie beim HSV zu Gast. Warum ist die Mannschaft trotz der Personalprobleme so stark?

Doll: Weil auch die Spieler Nummer 15, 16, 17 und auch der ein oder andere junge Spieler ihre Chance wahrgenommen haben. Auch diese Spieler haben eine sehr hohe Qualität. Sehr wichtig war auch, dass die Achse Rost-Mathijsen-Jarolim Bestand hat und von diesen drei keiner ausgefallen ist. Alle anderen konnten sich dann an diesen Führungsspielern orientieren. Der HSV hat auch in der schwächeren Phase ordentlich gespielt, nur seine Torchancen nicht genutzt. Da hat man den Ausfall von Paolo Guerrero und Mladen Petric bemerkt - und deshalb kamen so viele Unentschieden zustande.

bundesliga.de: Gibt es einen Spieler in der Mannschaft, der Sie besonders überzeugt hat?

Doll: Ze Roberto hat bis zu seiner Verletzung einen klasse Job gemacht, hat ganz stark gespielt. Jerome Boateng hat zudem einen Schritt nach vorne gemacht. Er ist sehr wichtig geworden, kann Rechts- und Innenverteidiger spielen.

bundesliga.de: Was trauen Sie dem HSV denn in dieser Saison zu?

Doll: Ich bin davon überzeugt, dass der HSV bis zum Schluss oben dabei sein und um die Plätze 1 bis 3 mitspielen wird. Einige Verletzte kommen wieder zurück, jeder will in diesem Team einen Platz haben und dadurch wird der Konkurrenzkampf auch sehr groß. Die schwere Phase haben sie in Hamburg überwunden und sind gestärkt daraus hervorgegangen. Ich glaube außerdem, dass diese vier Spiele gegen Werder Bremen in der vergangenen Saison die Mannschaft zusammengeschweißt haben.

bundesliga.de: Wie beurteilen Sie die Arbeit von Bruno Labbadia beim HSV?

Doll: Das ist natürlich immer schwierig aus der Distanz. Aber ich kenne die Medienlandschaft und den Druck in Hamburg und finde es deshalb beachtlich, wie Bruno gerade auch in der Zeit mit den vielen Verletzten damit umgegangen ist. Er hat den anderen Jungs das Vertrauen gegeben und macht einen guten Job. Man hat aber auch schon bei Huub Stevens oder Martin Jol gesehen, dass der HSV Strukturen aufgebaut hat, die für jeden Trainer sehr hilfreich sind. Das Umfeld stimmt, die wichtigen Spieler sind gehalten worden und es passt einfach alles zusammen.

bundesliga.de: In Dortmund erntet ihr direkter Nachfolger Jürgen Klopp viel Lob für seine Arbeit und den Jugendstil. Freuen Sie sich für den BVB und Klopp, dass die Saison so erfolgreich verläuft?

Doll: Es ist schon beachtlich, gerade wenn man den Kader von Borussia Dortmund mit dem von Mannschaften wie Wolfsburg, Stuttgart, dem HSV und natürlich auch Leverkusen und dem FC Bayern vergleicht. Nominell sind die Kader der anderen Mannschaften höher einzuschätzen als der von Dortmund. Aber es ist einfach toll zu sehen, wie sich die jungen Spieler von der letzten zu dieser Saison entwickelt haben. Mittlerweile hat der BVB den richtigen Rhythmus und die richtige Formation gefunden. Am Sonntag in Köln haben sie nicht so gut gespielt, treffen aber dann über Standardsituationen und können in der 90. Minute sogar noch einen draufsetzen. Solche Spiele muss man auch erstmal erfolgreich bestreiten. Ich freue mich für Dortmund, weil ich das Umfeld kenne und weiß, wie wichtig es für sie wäre, international zu spielen.

bundesliga.de: Besonders die Innenverteidiger - allen voran Mats Hummels - ernten viel Lob. Hummels absolvierte unter Ihnen seine ersten Bundesligaspiele für den BVB. Was macht ihn so stark?

Doll: Er hat einfach eine sehr, sehr gute Spieleröffnung und Grundtechnik. Durch seine Größe hat er ein gutes Kopfball- und Stellungsspiel und kann zusätzlich ein Spiel sehr gut lesen. Durch die Erfolge ist die Sicherheit und die Ruhe dazu gekommen, er und Neven Subotic sind ja beide sehr jung. Mats war auch damals, als ich in Dortmund war, schon sehr klar in seinem Denken.

Das Gespräch führte Matthias Becker