München - Der 1. FSV Mainz 05 und Hannover 96 gehörten zu den großen Überraschungen der Saison 2010/11: Als Außenseiter gestartet, griffen beide Teams das vordere Drittel der Tabelle an, begeisterten Fans wie Experten mit Tempofußball - und wurden am Ende mit dem Einzug in die Europa League belohnt.

Angesichts des näherrückenden "Abenteuers Europa" sprach bundesliga.de mit Otto Addo, der für beide Vereine die Schuhe schnürte. Von 1996 bis 1999 war der 36-Jährige für die Niedersachsen aktiv, von 2005 bis 2007 für die Rheinhessen.

Dazwischen gewann der ghanaische Ex-Nationalspieler mit Borussia Dortmund 2002 die Deutsche Meisterschaft und stand im Endspiel des damaligen UEFA-Cups. 2008 musste Addo seine Profikarriere nach mehreren schweren Verletzungen beenden und betreut seit 2010 die A-Jugend des Hamburger SV.

bundesliga.de: Der 1. FSV Mainz zählte zu den Überraschungsmannschaften der vergangenen Saison und zog am Ende zum zweiten Mal nach 2005 in die Europa League ein. Damals waren Sie selbst dabei - und scheiterten in der ersten Runde am FC Sevilla. Wie stehen die Chancen der Rheinhessen, in diesem Jahr weiter zu kommen?

Otto Addo: Die Mainzer haben ja schon im vergangenen Jahr gezeigt, dass sie gegen Mannschaften, die international dabei sind, mithalten können. Sie sind auf einem sehr guten Niveau und haben viele junge, hungrige Spieler. Auch wenn der FSV den ein oder anderen Abgang zu beklagen hat, wird man wieder eine schlagkräftige Truppe zusammenbekommen, zumal Trainer Thomas Tuchel sehr viel Input in die Mannschaft bringt. Von daher denke ich, dass die "05er" mindestens die erste Gruppenphase überstehen können.

bundesliga.de: Wo sehen Sie denn die Unterschiede zwischen der Mainzer Mannschaft von damals und der von heute - ist der Kader vielleicht in der Breite stärker geworden?

Addo: Der FSV ist nach wie vor sehr, sehr laufstark, hat heute zum Teil aber auch mehr individuelle Klasse im Spiel nach vorne. Es ist wichtig, dass man nicht nur gut verteidigen, sondern auch guten Fußball spielen und offensiv Akzente setzen kann. Schon in der vergangenen Saison vermochte Mainz sowohl zuhause als auch auswärts immer wieder mit schnellen Kombinationen für Torgefahr zu sorgen - und das wird man nun auch international unter Beweis stellen.

bundesliga.de: Mit Stürmer Andre Schürrle und Regisseur Lewis Holtby sowie dem offensivstarken Linksverteidiger Christian Fuchs hat das Mainzer Angriffsspiel nun allerdings drei Säulen verloren. Kann der FSV diesen Verlust kompensieren?

Addo: Ich denke, dass dort im Management wie im Trainerteam sehr kompetente Leute sitzen, die schon wissen, wen man da holen muss. Da wird wohl wieder die ein oder andere Überraschung dabei sein. Und das könnte eigentlich sogar wieder ein Vorteil für die Mainzer sein: Nämlich, dass die Mannschaft auch in der neuen Saison - gerade international - eher unbekannt sein wird. Ich bin mir sicher, dass der FSV wieder für Furore sorgen wird.

bundesliga.de: Mit Hannover 96 spielt ein weiterer Ex-Club von Ihnen erstmals seit fast 20 Jahren wieder im Europapokal. Was trauen Sie den "Roten" dort zu?

Addo: Hannover steht - ähnlich wie Mainz - in der Defensive sehr kompakt, schaltet schnell um und spielt ebenso zielstrebig wie effizient nach vorne. Das ist die klare Handschrift von Trainer Mirko Slomka und die wird man auch in der kommenden Spielzeit sehen. Das hat man schon gegen Spitzenteams aus der Bundesliga gut gemacht und wird das auch gegen Mannschaften aus Europa schaffen. Da wird sich sicherlich der ein oder andere Gegner umschauen.

bundesliga.de: Dann glauben Sie, dass Mainz und Hannover auch in der neuen Spielzeit an die starken Leistungen aus 2010/11 anknüpfen kann - immerhin stehen für beide nun zusätzlich zur Liga weitere schwere Partien auf dem Programm...

Addo: Diese Doppelbelastung ist das eine Problem. Dazu sind die gegnerischen Mannschaften mittlerweile natürlich gewarnt und wissen um die Stärken von Mainz und Hannover. Aber auch wenn sich die anderen Teams nun darauf einstellen werden, heißt das nicht, dass der FSV und 96 jetzt erneut zu Underdogs werden. Im Gegenteil, ich gehe davon aus, dass beide Vereine wieder mindestens um die Europa-League-Plätze mitspielen werden.

bundesliga.de Schalke 04 stand vergangene Saison sogar im Halbfinale der Champions League und tritt nun als DFB-Pokalsieger in der Europa League an. Gehören die "Königsblauen" für Sie dort damit schon zum Favoritenkreis?

Addo: Ich würde Schalke jetzt noch nicht direkt zu den Favoriten zählen, denn dabei kommt es immer auch darauf an, welche Mannschaften nach der Vorrunde aus der Champions League "absteigen". Andererseits sind die "Knappen" gerade in Heimspielen, mit dem Publikum im Rücken, immer eine Macht. Insofern wird man international eine vernünftige Rolle spielen, wenngleich ich nicht glaube, dass die Gelsenkirchener wieder so weit kommen, wie im Vorjahr.

bundesliga.de: Auch der Hamburger SV will schnellstmöglich auf die internationale Bühne zurückkehren, befindet sich derzeit aber im Umbruch und baut eine neue, verjüngte Mannschaft auf. Wie beurteilen Sie - als A-Jugend-Trainer der Hanseaten - diese Entwicklung?

Addo: Generell finde ich diesen Weg natürlich gut: Man nimmt sich Mainz, Hannover und vor allem Meister Dortmund zum Vorbild und versucht, über mehrere Jahre eine vernünftige Truppe aufzubauen. Das sind jetzt alles junge Spieler mit relativ wenig Erfahrung, aber wenn man dieses Projekt in Ruhe angeht, dann kann sich daraus auch etwas entwickeln. Ich hoffe darum, dass das Hamburger Publikum die nötige Geduld hat. Wenn das der Fall ist, wird man auf Sicht - spätestens in drei, vier Jahren - eine Super-Mannschaft haben, die dann auch erfolgreichen Fußball spielt.

Das Gespräch führte Stefan Missy

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