Ungewohnte Situation beim FC Bayern München: Der deutsche Rekordmeister findet sich nach dem 7. Spieltag nicht in der Spitzengruppe wieder, sondern auf Platz 11.

Es ist der schlechteste Saisonstart der Bayern seit 34 Jahren. Und noch nie in der Geschichte der Bundesliga wurde ein Team Meister, wenn es am 7. Spieltag auf Rang 11 oder schlechter gestanden hat.

Woran es bei den Münchnern hapert und wie sie wieder in die Erfolgsspur zurückkehren können, hat bundesliga.de Klaus Augenthaler gefragt. Der 51-Jährige kennt die Verhältnisse in München bestens, schließlich verbrachte er seine gesamte Spielerkarriere beim FC Bayern (von 1976 bis 1991) und war später auch als Co-Trainer und Interimscoach an der Säbener Straße tätig.

bundesliga.de: Steckt der FC Bayern in einer tiefen Krise, Herr Augenthaler?

Klaus Augenthaler: Es ist natürlich schwierig als Außenstehender, so etwas zu beurteilen. Und leicht, schlau daher zu reden. Aber wenn der FC Bayern zwei Spiele hintereinander verliert, dann ist er in einer Krise. Wenn ich die Gegentore beim 3:3 gegen Bochum sehe, dann ist klar, dass etwas nicht stimmt. Unabhängig davon, welcher Club es ist, der 3:1 führt.

bundesliga.de: Für die Bayern ist es der schlechteste Saisonstart seit 34 Jahren. Inklusive der Champions-League-Partie gegen Lyon haben die Münchner die vergangenen vier Spiele nicht gewonnen.

Augenthaler: So etwas habe ich noch nie erlebt beim FC Bayern. Wobei es auch mal eine Phase gab, in der ein Jahr lang auswärts gar nicht gewonnen wurde. Das war ein Umbruch nach der Franz-Beckenbauer-Ära. Aber jetzt ist es im Grunde genommen die gleiche Mannschaft wie im vergangenen Jahr.

bundesliga.de: 13 Gegentore stehen zu Buche. In der vergangenen Meistersaison waren es insgesamt 21 Stück. Was läuft falsch?

Augenthaler: Man kann nur mutmaßen, was in der Abwehr nicht stimmt. Das hat mit Rotation nichts zu tun. Egal, welcher Spieler spielt, der weiß doch, welche Basisaufgaben er zu erfüllen hat. Jürgen Klinsmann war selbst Stürmer und er hätte sich darüber gefreut, wenn er wie bei den Gegentoren gegen Bremen und auch gegen Bochum selbst als Spieler im Sechzehner so frei zum Schuss gekommen wäre. Dort wird er sicherlich den Hebel ansetzen. Beim 1:1 waren ja noch zwei Bochumer frei gestanden.

bundesliga.de: Warum hatten die Bochumer so viel Platz?

Augenthaler: Die Bereitschaft und der letzte Tick, den einen Schritt noch zu machen, haben gefehlt. Die Bayern waren sich nach der 3:1-Führung zu sicher und wollten das vierte und fünfte Tor erzielen. Die Chancen dazu waren auch vorhanden. Aber das Spiel ist halt nicht 5:1 ausgegangen, sondern 3:3.

bundesliga.de: Sind die Spieler nicht motiviert genug oder nahmen sie Bochum nach der Führung auf die leichte Schulter?

Augenthaler: Nicht Motivation ist das Problem, sondern der letzte Wille, alles zu geben. Wenn man beim FC Bayern spielt, dann muss man wissen, dass jedes Spiel für den Gegner das Spiel des Jahres ist. Und früher war es so, dass die Gegner Angst hatten, wenn sie das Dach des Olympiastadions gesehen haben und sie haben gehofft, nicht zu hoch zu verlieren. Das habe ich erst später erfahren, von Kollegen und wenn ich mit meinen Teams angereist bin. Jetzt muss der FC Bayern aufpassen, dass er diesen Nimbus nicht verliert.

bundesliga.de: Was macht Jürgen Klinsmann als Trainer falsch?

Augenthaler: Ich werde nie über einen Kollegen sagen, was er falsch macht. Jürgen hat seine Philosophie - die ist aber bis jetzt nicht aufgegangen. Aber es wäre einfach, alles auf den Klinsmann zu schieben. Die Spieler müssen sich an die eigene Nase fassen.

bundesliga.de: Zumal die Spieler die gleichen sind wie in der vergangenen Spielzeit. Und da gewannen sie das Double.

Augenthaler: Ja, aber letztes Jahr hatten sie Erfolg. Und das ist die Gefahr, dass manche jetzt in einem Spiel denken: Das schaffen wir schon, die schlagen wir schon. Und wenn man so denkt, macht man einen Tick weniger.

bundesliga.de: Fehlt ein Leitwolf, so wie es Oliver Kahn war?

Augenthaler: Das kann ich als Außenstehender nicht beurteilen. Ich kann nur meine persönliche Meinung wiedergeben. Als Kapitän oder Führungsspieler brauchst du ein gewisses Standing in der Mannschaft und du musst immer spielen - außer du bist kaputt, dann kann ihn der Trainer auch vorzeitig vom Platz nehmen. Wir können jetzt lange darüber diskutieren, ob es gut war, van Bommel zum Kapitän zu machen und ihn dann auf die Bank zu setzen. Aber das muss Jürgen Klinsmann entscheiden. Ich habe da von außen keinen Einblick.

bundesliga.de: Könnte die Rotation, die Klinsmann betreibt, für Verunsicherung in der Mannschaft sorgen?

Augenthaler: Jürgen macht sich doch seine Gedanken, wen er spielen lässt und wen nicht. Rotation ist nichts Schlechtes - wenn es gut geht. Nur jeder ist abhängig vom Ergebnis. Und wenn man beim FC Bayern ist, umso mehr.

bundesliga.de: Müsste sich zu Saisonbeginn nicht erst eine Stammelf einspielen?

Augenthaler: Wenn ich einen Kader mit gleichwertigen Spielern habe, dann müsste es doch funktionieren, wenn ich als Trainer rotieren lasse. Wäre ich beim FC Bayern in der Verantwortung, dann würde ich ein Gerüst von acht Spielern bilden und dann je nachdem zwei Feldspieler rotieren lassen. Das ist meine Einstellung. Aber ich trainiere ja nicht den FC Bayern.

bundesliga.de: Jürgen Klinsmann ist drauf und dran, den Kredit bei den Fans zu verspielen. Eine große Gefahr?

Augenthaler: Jeder Trainer versteht die Fans, wenn sie unzufrieden sind, weil die Ergebnisse nicht stimmen. Aber es kann mir keiner erzählen, dass es nicht an einem nagt, wenn die Fans "Trainer raus" rufen. Ich habe das zum Glück in meiner Karriere noch nicht erlebt.

bundesliga.de: Welche Möglichkeit hat ein Trainer, dem entgegen zu steuern?

Augenthaler: Es gibt nur eine Möglichkeit: Positive Ergebnisse. Dass die Mannschaft alles gibt, gut spielt und gewinnt.

bundesliga.de: Einige Medien haben eine Trainerdiskussion losgetreten. Wird dadurch Druck auf die Verantwortlichen des FCB ausgeübt?

Augenthaler: Es wird in der Vereinsführung bestimmt nicht darüber diskutiert, den Trainer zu wechseln. Das sind nur Spekulationen der Medien. Die Köpfe werden zwar rauchen und sie überlegen, welchen Weg sie einschlagen können, damit der FC Bayern wieder in die Erfolgsspur kommt.

bundesliga.de: Es gab noch kein Team, das nach dem 7. Spieltag auf Platz 11 oder schlechter stand, und dann noch Meister wurde. Trauen Sie den Münchnern es trotzdem noch zu?

Augenthaler: Die Saison ist lang. Nur: Die anderen Mannschaften sehen, dass die Bayern nicht unbesiegbar sind. Der Nimbus geht verloren. Und um den zurückzugewinnen, muss der FC Bayern eine Siegesserie hinlegen. Klar ist es noch machbar, in die Spitzengruppe zurückzukehren, weil die vorderen Mannschaften auch nicht konstant spielen, wie man an der Bremer Niederlage in Stuttgart sieht, oder daran, dass Schalke in Köln verloren hat. Aber ich würde jetzt nicht von der Meisterschaft sprechen. Erstmal ist es wichtig, in die Erfolgsspur zurückzukommen, die Fans zufrieden zu stellen und den FC Bayern wieder so zu präsentieren, wie sich ganz Deutschland den FC Bayern vorstellt.

bundesliga.de: Wie kommt der FC Bayern wieder in die Erfolgsspur?

Augenthaler: Die Bayern müssen aggressiver sein und zwar nicht nur phasenweise, sondern über die 90 Minuten. Wenn man in einem Heimspiel drei Tore schießt, muss das zu einem Sieg reichen.

Das Gespräch führte Thorsten Schaff