Nürnberg - Während alle anderen Bundesligisten mit Ausnahme der Pokalfinalisten die Saison beendet haben, noch ein bisschen locker trainieren und ein paar Freundschaftsspiele absolvieren, müssen Borussia Mönchengladbach und der VfL Bochum Extraschichten fahren. Sie haben das direkte Saisonziel verfehlt und müssen in der Relegation nachsitzen. Sie kämpfen um den letzten freien Platz in der Bundesliga.

Es steht viel auf dem Spiel. Nürnbergs Trainer Dieter Hecking kennt diese Situation aus dem Vorjahr. Damals musste er mit dem 1. FC Nürnberg in der Relegation gegen den FC Augsburg antreten. Der "Club" rettete sich dank zweier knappen Erfolge und startete in dieser Saison bis auf Platz 6 richtig durch. Im exklusiven Gespräch mit bundesliga.de blickt der Coach zurück, vergleicht die Ausgangslage in diesem Jahr und wagt eine Prognose.

bundesliga.de: Herr Hecking, was halten Sie von der Relegation? Ist sie eine faire Angelegenheit?

Dieter Hecking: Das hat immer zwei Seiten. Auch mit der Regelung mit drei direkten Auf- und Absteigern konnte ich leben. Die Bundesliga wurde mit den Relegationsspielen aber so ein bisschen aufgewertet. Es ist ein sehr interessanter Abschluss der Saison. Sicher freut sich der Bundesligist mehr über die zusätzliche Chance, den Klassenerhalt doch noch zu schaffen, als der Zweitligist, der in früheren Jahren immer direkt aufgestiegen ist.

bundesliga.de: Wie stressig sind die Relegationsspiele für die Beteiligten?

Hecking: Der Druck ist enorm, das ist keine Frage. Der Bundesligist hat viel zu verlieren, der Zweitligist kann in der Außenseiterrolle alles gewinnen. Normalerweise sollte der Bundesligist besser besetzt sein und als Favorit in die Duelle gehen. Er sollte rein vom spielerischen Potenzial her in der Lage sein, den Zweitligisten in zwei Spielen zu schlagen. Aber man weiß nie, wie die Spieler mit der Drucksituation zurecht kommen.

bundesliga.de: Wie sehr erinnert Sie die Ausgangsposition der Borussia an die des 1. FC Nürnberg im vergangenen Jahr?

Hecking: Unsere Situation war der Mönchengladbacher sehr ähnlich. Ich kam in der Winterpause zum "Club", der zwölf Punkte auf dem Konto hatte. Nach dem ersten Rückrundenspieltag hatten wir sechs Punkte Rückstand auf Platz 15. Ähnlich wie bei der Borussia haben alle Experten gesagt, dass wir keine Chance mehr haben. Wir haben dann noch den 16. Platz geschafft. Ich habe der Mannschaft dann gesagt, dass wir schon etwas erreicht haben, dass wir, obwohl die Saison nicht gut war, immer noch durch die Relegation die Chance haben, uns trotzdem zu retten. Das wird der Kollege Favre in Mönchengladbach sicher auch so sehen. Er muss der Mannschaft einimpfen, dass sie die höhere Qualität und die besseren Einzelspieler hat als der VfL Bochum.

bundesliga.de: Wie haben Sie sich letztes Jahr auf die Relegation vorbereitet? Haben Sie etwas an den Abläufen geändert?

Hecking: Wir haben nichts Besonders im Vorfeld der beiden Spiele gemacht. Der Ablauf war der gleiche wie sonst auch. Mit einer Ausnahme. Wir sind nach dem ersten Spiel zusammengeblieben und nicht auseinander gegangen. Wir sind gemeinsam zurück ins Hotel gefahren, haben dort übernachtet und am nächsten Tag zusammen gefrühstückt.

bundesliga.de: Was war ausschlaggebend dafür, dass sich der "Club" im vergangenen Jahr durchgesetzt hat?

Hecking: Wenn sich der FC Augsburg beim ersten Spiel in Nürnberg mehr zugetraut und couragierter nach vorne gespielt hätte, hätten wir Probleme bekommen können. Aber so konnte meine Mannschaft ihre Selbstsicherheit finden. Dann stand es lange 0:0, und wir haben auch noch einen Elfmeter verschossen. Aber gerade durch den verschossenen Elfmeter ging ein Ruck durch meine Mannschaft. Sie wollte unbedingt gewinnen. Das hat die Augsburger beeindruckt. Wir haben das Tor dann noch gemacht. Beim Rückspiel in Augsburg haben wir gemerkt, dass der Gegner gar nicht mehr richtig an sich geglaubt hat. Letztlich hatte Augsburg in 180 Minuten keine einzige echte Torchance.

bundesliga.de: Was erwarten Sie fußballerisch von den beiden Relegationsspielen?

Hecking: Es steht viel auf dem Spiel, Zauberfußball ist sicher nicht zu erwarten.

bundesliga.de: Was spricht für die Borussia?

Hecking: Mönchengladbach hat die höhere Qualität im Umkehrspiel. Sie wissen um ihre Offensivstärken und haben zuletzt auch nur wenige Gegentore bekommen.

bundesliga.de: Und der VfL Bochum?

Hecking: Die Bochumer befinden sich in einer ähnlichen Situation wie die Borussia. Sie haben sich in der 2. Liga lange schwer getan und sind dann spät durchgestartet. Der Trainer wird die Mannschaft daran erinnern, was sie in den letzten Wochen gut gemacht hat.

bundesliga.de: Wer ist Favorit?

Hecking: Rein sportlich gesehen ist der Bundesligist Favorit, gerade wenn man die einzelnen Spieler von Mönchengladbach und Bochum durchgeht. Aber die Borussia ist unter Druck, trägt das erste Spiel zuhause aus. Da kann es passieren, dass die Fans unruhig werden. Geduld ist gefragt. Beide Teams haben zwei Spiele Zeit. Die Mannschaft, die das erste Spiel daheim austrägt, wird versuchen, ohne Gegentor zu bleiben. Hauptsache die Null steht. Ein 1:0 wäre schon ein gutes Ergebnis. Ich denke, dass wird auch Lucien Favre denken. Auch Bochum wird im Hinspiel nicht aufmachen, weil auch für den VfL bei einer knappen Niederlage noch alles drin wäre.

bundesliga.de: Sympathisieren Sie mit einem Club etwas mehr? Sie waren schließlich selbst einmal ein Spieler der Borussia.

Hecking: Mir ist es ehrlich gesagt egal, wer sich da durchsetzt. Wer es in zwei Spielen schafft, hat es am Ende auch verdient. Ich habe zum Bochumer Coach Friedhelm Funkel einen guten Draht. Zur Borussia habe ich keine emotionale Beziehung mehr. Ich war dort 1983, das liegt ja bald 30 Jahre zurück. Uwe Kamps kenne ich noch von damals, auch Rainer Bonhof oder Max Eberl kenne ich noch gut.

bundesliga.de: Wie lautet Ihr Tipp?

Hecking: Ich glaube, dass Mönchengladbach sich durchsetzen wird.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski


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