München - Denkt man an den Hamburger SV und den Aufschwung, den der Bundesliga-"Dino" seit drei Wochen genommen hat, rückt unwillkürlich ein Name in den Vordergrund: Rafael van der Vaart. Sicherlich, der Niederländer sorgt für spielerische Qualität, die die "Rothosen" zum Saisonstart nicht besaßen. Doch es ist nicht nur die Offensive, die entscheidet. Steht die Defensive, reicht oft sogar nur ein Tor, um drei Punkte einzufahren.

So auch am 6. Spieltag im Heimspiel gegen Hannover 96. In der 20. Minute erzielte Artjoms Rudnevs das 1:0, wobei es bis zum Abpfiff bleiben sollte. Dass dem auch tatsächlich so war, ist vor allem Rene Adlers Verdienst. Der HSV-Keeper hatte einen Sahne-Tag erwischt, vier 96-Chancen der Marke "unhaltbar" vereitelt und so den zweiten Sieg der Norddeutschen in der laufenden Spielzeit festgehalten.

"Das ist mein Job"



"Ich fand das heute gar nicht so schlimm. Das ist mein Job", sagte Adler nach der - seiner ersten ohne Gegentor, seit er die Raute auf der Brust trägt. "Ohne so einen Torwart geht es nicht", lobte Mannschaftskollege van der Vaart gegenüber der Nachrichtenagentur dapd nach dem Spiel. Was der Mittelfeldspieler mit "so einen Torwart" meint, verdeutlicht ein Blick auf die Daten: Adler ist in Weltklasse-Form!

Zwar hat er in erst sechs Einsätzen bereits zehn Mal hinter sich greifen müssen, doch die Quote von 76,2 Prozent abgewehrte Torschüsse wird nur von Fabian Giefer (92 Prozent), Manuel Neuer (87) und Kevin Trapp (77) übertroffen. 17 Mal sah sich Adler einer gegnerischen Großchance gegenüber - so häufig wie kein Keeper sonst. Neun davon entschärfte er - kein anderer Bundesliga-Torwart vereitelte mehr als fünf Großchancen!

Kein Wunder also, dass sich Olli Dittrich alias "Dittsche" bei der 125-Jahr-Feier des HSV, die nach der Partie gegen Hannover stattfand, dazu hinreißen ließ, den 27-Jährigen als den neuen "Torwart-Titan" und somit zum "legitimen Nachfolger Oliver Kahns" (Hamburger Abendblatt) auszurufen - eine Position, die er schon einmal inne hatte.

Rippenbruch zieht Talfahrt nach sich



In der Saison 2007/08 war Adler bei Bayer Leverkusen in bestechender Form und schaffte den Sprung in den Kader der Nationalmannschaft, für die er am 11. Oktober 2008 im WM-Qualifikationsspiel beim 2:1 gegen Russland debütierte. Auch in den darauffolgenden Quali-Spielen stand der Leverkusener zwischen den Pfosten und schien als neue Nummer 1 für die Weltmeisterschaft in Südafrika gesetzt.

Doch ein Rippenbruch gegen Ende der Saison 2009/10 verhinderte die Teilnahme des damals 25-Jährigen am Trainingslager der DFB-Mannschaft und somit seinen Start bei der WM, bei der, zu allem Überfluss für Adler, Manuel Neuer zum neuen Superstar zwischen den Pfosten avancierte.

Während Neuer auch in den kommenden mit Superlativen überschüttet und zur festen Stammkraft für Joachim Löw wurde, hatte Adler über mehrere Monate mit Knieproblemen zu kämpfen, die ihm sogar bei der "Werkself" den Stammplatz kosteten.

So gut wie nie



Doch daran denkt der einstige Ziehsohn von Bayer-Legende Rüdiger Vollborn nicht mehr, wie er gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) zugibt: "Der HSV ist ein neues Kapitel, ein Neuanfang und eine neue Chance."

Und zwar eine, die er zu nutzen weiß: Seit er an die Elbe gewechselt ist, präsentiert sich Adler in der Form seines Lebens. Einzig in der Saison 2007/08, ebenjener, in der er den Sprung in die DFB-Auswahl schaffte, hatte er bei den abgewehrten Torschüssen eine bessere Quote (76,3, aktuell 76,2). Gesteigert hat er sich auch bei Schüssen, die er festgehalten hat (aktuell 46,9 Prozent; 07/08: 45,7). Hervorragend schneidet Adler beim Vereiteln von Großchancen ab. Schwankten seine bisherigen Werte irgendwo zwischen 24 Prozent (2010/11) und 43 Prozent (2006/07), weist er aktuell einen Spitzenwert von 53 Prozent vor.

"Fußball-Deutschland weiß, was ich kann, das habe ich oft genug gezeigt. Trotzdem sehe ich mich noch nicht wieder bei der Nationalmannschaft", sagte Adler der FAS. Sollte er weiterhin solche Leistungen bringen, wie zuletzt gegen Hannover, dürfte das Wiedersehen mit dem Bundestrainer aber nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Gregor Nentwig