München - Überraschend ruhig geht es zu am Gelände des Hamburger SV. Die Spieler üben auf dem Trainingsplatz, ein paar Fans äußern ihren Unmut auf einem Plakat - ansonsten verdaut der Bundesliga-Dino den Tiefschlag in Stille. Gesprochen haben alle genügend nach dem historischen Debakel von München. Der Trainer mit den Spielern. Der Sportchef mit dem Trainer. Der Club-Vorstand mit dem Sportchef. Vier Tage nach arbeiten nun alle konzentriert auf das Duell mit Freiburg hin - so erweckt es den Anschein.

Die Interviewtermine der Profis hat der Verein gestrichen. Konzentration auf das Wesentliche lautet die Devise. Nur die Bosse äußern sich - und eichen den Club auf Wiedergutmachung. "Es ist wie in einem Boxkampf", sagt Sportvorstand Frank Arnesen. "Wir haben gerade einen Knock-Down erlitten, haben jetzt aber noch sieben Runden, in denen wir gewinnen können."

"Historisch und desaströs"



Die Metapher vom Boxen würde besser passen, wenn sich die Hamburger gegen die Münchner tatsächlich gewehrt hätten. Magere 38 Prozent Zweikämpfe gewannen die Spieler von Trainer Thorsten Fink, keine einzige Gelbe Karte kassierten sie.

Als "historisch und desaströs" bewertete Fink den Auftritt später. Kapitän Heiko Westermann . Und der Club-Chef Carl Jarchow fand die Leistung gar "einer Bundesliga-Mannschaft unwürdig". Mit zwei, drei besseren Spielen sei das nicht zu reparieren, stellte Jarchow klar.

Dabei hatten sie sich so viel vorgenommen gegen den Rekordmeister. "Frech und flott" wollte Fink spielen lassen - nicht nur defensiv, auch nach vorne. Die Systemfrage dürfte der Trainer in der kommenden Partie wohl mit der defensiveren Variante beantworten. Offen ist, welches Personal auf dem Platz stehen wird. Der Trainer kündigte an, jeden einzelnen während der Trainingswoche genau zu beobachten.

Nach Absprache mit Fink erklärte Sportchef Arnesen, dass es keine Startelfgarantien mehr gebe. "Keiner kann am Wochenende fragen, warum er nicht spielt, wenn er auf der Bank sitzt", sagte der Däne. Strafen oder Suspendierungen? Darüber denke keiner der Verantwortlichen nach.

Fink glaubt an "guten Charakter"



Denn die Charakterfrage stellt sich für Fink nicht bei seinen Profis. Noch nicht. Er glaubt an einen einmaligen Ausrutscher. "Insgesamt hat unsere Mannschaft einen guten Charakter, deshalb bin ich überzeugt, dass wir am nächsten Wochenende einen ganz anderen HSV sehen werden." Im Topspiel am Samstagabend kann der HSV kurzfristig viel wieder gut machen.

Zwar wirkt das Fiasko nach, doch sportlich steht der Club weiterhin ordentlich da, die Chancen auf eine Europapokalteilnahme haben sich nicht wesentlich verschlechtert. Und mit Freiburg kommt auch noch ein direkter Konkurrent in die Hansestadt.

Inspiration könnten sich die HSV-Profis vorher ganz in der Näher holen. Nur acht Kilometer vom Trainingsgelände entfernt, im Operettenhaus am Spielbudenplatz. Dort läuft "Rocky - das Musical". Das Motto des Film-Boxers passt derzeit zum HSV: "Es kommt nicht darauf an, wie viel du austeilen kannst", weiß Rocky: "Es kommt darauf an wie viel du einstecken kannst und trotzdem wieder aufstehst." Frank Arnesen würde die Vorführung gefallen.

Andreas Messmer