Rom - Italiens geschundene Fußball-Seele findet keine Ruhe. "Wach auf, Italien!", titelte die "Gazzetta dello Sport" nach dem 0:3 (0:0)-Debakel des Mitfavoriten bei der EM-Generalprobe gegen Russland. Wenige Tage vor seinem EM-Auftaktspiel gegen Welt- und Europameister Spanien (10. Juni, 18 Uhr) in Danzig taumelt Italien der EURO in Polen und der Ukraine entgegen. Neben dem schwelenden Wettskandal und der Razzia im Teamhotel hat die Krise nun auch endgültig eine sportliche Dimension.

"Die Azzurri verschwenden Torgelegenheiten, und die Verteidigung einschläft", urteilte die "Gazzetta". Für den viermaligen Weltmeister war die schmerzhafte Pleite gegen Russland der Abschluss einer völlig missratenen Vorbereitung: Die "Squadra Azzurra" geht nach den vorherigen 0:1-Niederlagen gegen Uruguay und die USA mit einer Serie von drei Niederlagen ohne eigenen Torerfolg in das EM-Turnier.

Balotelli und Cassano ohne Durchschlagskraft



Obwohl die Italiener mit den Starstürmern Mario Balotelli und Antonio Cassano in Bestbesetzung angetreten waren, ließ die Mannschaft von Nationaltrainer Cesare Prandelli noch jegliche EM-Form vermissen. Besonders in der Defensive offenbarten sich große Probleme. Russlands Treffer durch Alexander Kerschakow (60.) und Roman Schirokow (75. und 89.) wurden teilweise durch schwere Abwehrfehler begünstigt. "Das ist schlimm, weil wir klar und deutlich verloren haben", sagte Mittelfeldspieler Riccardo Montolivo vom AC Florenz: "Aber noch haben wir Zeit. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir gegen Spanien bereit sein werden. "

Die römische Tageszeitung "La Repubblica" sagte allerdings prompt einen Turnierstart "in völliger Dunkelheit" voraus. Seit Monaten umhülle eine "schwarze Wolke" den italienischen Fußball, die nun auch den "Patienten Nationalmannschaft" erreicht habe: "Hoffentlich ist die Niederlage gegen die Russen eine bittere Medizin, die den Kranken wachrüttelt."

Prandelli bemüht Durchhalteparolen



Auch Prandelli scheint allmählich seine Zuversicht zu verlieren. "Wir haben zu viele Fehler begangen, hoffentlich haben wir jetzt schon alle gemacht", sagte der 54-Jährige: "Wir müssen in den nächsten Tagen hart arbeiten und vieles ändern."

Der Trainer, seit 2010 auf der Trainerbank der Azzurri, fühlt sich unter Beschuss. Seit einer Woche beeinträchtigen die Skandale und Gerüchte um seine Nationalspieler seine Arbeit so sehr, dass der Coach schon vor dem Duell mit den Russen sarkastisch mit einem EM-Verzicht seines Teams kokettierte.

Derart belastet flüchteten sich die Spieler nach der misslungenen EM-Generalprobe beinahe schon gezwungenermaßen in Durchhalteparolen. "Vielleicht ist die Niederlage ja positiv, weil man die Möglichkeit hat, die Fehler zu korrigieren", sagte Torhüter und Kapitän Gianluigi Buffon: "In schwierigen Zeiten tritt der Charakter der Menschen hervor." Aus Montolivos Sicht kann der Wettskandal sogar für Antrieb sorgen: "Wir müssen jetzt versuchen, diese ganze Polemik, diesen ganzen Druck in positive Energie für die EM umzuwandeln."