München - Der FC Bayern ist derzeit unbestritten eine der besten Mannschaften der Welt, wenn nicht sogar die beste. Die Münchner sind amtierender Triple-Sieger, haben - gefühlt seit der Steinzeit - kein Spiel mehr in der Bundesliga verloren und nehmen selbst mit Weltstars gespickte Teams wie Manchester City in der Champions League regelrecht auseinander. Am Samstag hat der Rekordmeister Tabellenschlusslicht und Aufsteiger Eintracht Braunschweig zu Gast. Auf dem Papier gibt es keine klarere Angelegenheit. Alles andere als ein Sieg der Guardiola-Elf wäre eine faustdicke Überraschung. Doch die Geschichte der Liga zeigt, dass so manche Außenseiter die großen Favoriten mächtig geärgert haben...

FC Homburg - FC Bayern 3:2 (22. August 1987)

An diesem Tag schrieb der kleine Club aus dem Saarland, frisch aufgestiegen, große Bundesliga-Geschichte. Die Bayern waren amtierender Meister und hatten die Vorsaison ohne eine Auswärts-Niederlage überstanden. Als sie nach Homburg kamen, waren es schon stolze 26 Spiele - die bis heute längste Serie der Bundesliga-Historie. Im damals kleinsten Stadion sollte sie reißen. Und wie? FCH-Trainer Uwe Klimaschefski gab seinen Plan bekannt: "Wir sollten in unseren kaputten Platz ein paar Fallgruben einbauen, da könnte der eine oder andere reinstürzen und nicht mehr hochkommen." 20.000 Zuschauer wollten sehen, ob der Plan der Fallensteller aufging. Sie wurden an diesem heißen Tag Zeuge einer Sensation, die sich früh anbahnte durch Uwe Freilers 1:0 (30.), das zur Pause noch Bestand hatte. Dann glich Lothar Matthäus aus (49.), aber es half nichts. Die Homburger hatten mehr zuzusetzen, da sie bei der Hitze ihre Kräfte dosierten, währen die Bayern, gerade von einem Turnier aus Barcelona zurück, konditionell einbrachen. Ausgerechnet Bayern-Schreck Wolfgang Schäfer, der 1985 schon mit seinem Tor für Uerdingen das Pokalfinale entschied, schlug wieder zu. Erst eine Minute zuvor von Uwe Klimaschefski eingewechselt, traf er zum 2:1 (67.), dem er ein zweites Tor folgen ließ (77.). Jürgen Wegmanns 3:2 (87.) kam zu spät. Das Ende der Münchner Rekord-Serie war zugleich der erste Homburger Bundesliga-Sieg überhaupt und die erste Niederlage für den neuen Bayern-Trainer Jupp Heynckes. Das Rückspiel endete übrigens 6:0.

FC Bayern - Stuttgarter Kickers 1:4 (5. Oktober 1991)

Eine Niederlage gegen einen David stand auch am Ende der ersten Ära Jupp Heynckes' in München. Die Saison 1991/92 hatte schon einige Blamagen für die Bayern parat gehabt, Aufsteiger Hansa Rostock hatte ebenso in München gewonnen wie Zweitligist FC Homburg im Pokal - aber erst das 1:4 gegen die Kickers machte das Maß voll. Bayern war Achter und dennoch haushoher Favorit gegen den Aufsteiger, der auf Platz 14 lag. Für fast alle Kickers-Spieler war das Olympia-Stadion Neuland, nur Trainer Rainer Zobel kannte sich hier bestens aus. In den Siebzigern feierte er an der Seite von Beckenbauer und Müller große Erfolge als zuverlässiger Wasserträger. An diesem zwölften Spieltag fand er den Schlüssel zur Entzauberung des tönernen Riesen FC Bayern. Er wusste um die Abwehrschwächen, der junge Ziege war als Libero nicht gerade die Idealbesetzung, die Außenverteidiger Thomas Berthold und Hansi Pflügler trotz Weltmeister-Weihen nicht die Schnellsten. So spielten die Kickers auf Konter und nach Karel Kulas frühem Freistoß-Tor (8.) ergaben sich für Ralf Vollmer und Marcus Marin viele Räume. Marin (24.) erhöhte auf 0:2 und weil Claus Reitmaier einige Hundertprozentige entschärfte, nahmen die Dinge ihren Lauf. Nach Andreas Keims 0:3 (64.) war das Spiel entschieden. Roland Wohlfarths 1:3 (73.) war nur das Ehrentor, schon vor dem 1:4 von Dimitrios Moutas mit dessen erstem Ballkontakt (89.) prügelten sich die Bayern-Fans untereinander. Die Frage "pro oder contra Heynckes" spaltete den ganzen FC Bayern im Herbst 1991, Manager Uli Hoeneß entschied sich zwei Tage später zu seiner Entlassung - was er stets als "meinen größten Fehler" bezeichnete. Die Kickers fuhren derweil glücklich nach Hause und ärgerten sich erst am Abend etwas, als Günter Jauch im Sport-Studio lästerte, gegen die Bayern könne schon "eine bessere Thekenmannschaft gewinnen". Weltmeister Thomas Berthold sah das wohl ähnlich, er gestand jedenfalls: "Von denen kannte ich nur zwei Spieler!"

SpVgg Unterhaching - FC Bayern 1:0 (17. Februar 2001)

In den Jahren 1999 bis 2001 gab es in der Bundesliga gleich drei Münchner Clubs - ein absolutes Novum. Der FC Bayern war die Nummer 1 im Land und wollte es natürlich auch in der eigenen Stadt bleiben. 1860 war die Nummer 2, der Club aus der Vorort-Gemeinde Unterhaching fügte sich in seine Rolle als Nummer 3. Aber zu verschenken hatten die Hachinger nichts. Schon gar nicht in der zweiten Saison, in der sie absteigen mussten. Das stand am 17. Februar noch längst nicht fest, Haching stand aber auf dem vorletzten Platz, der alte und neue Meister FC Bayern kam standesgemäß als Tabellenführer. 15.300 Zuschauer füllten den Sportpark der Spielvereinigung. Ottmar Hitzfeld rotierte wie so oft, setzte Giovane Elber auf die Bank. Vor der Pause war es ein schlechtes Spiel, Bayern vergab seinen wenigen Chancen, Unterhaching hatte gar keine. Dann kam der große Moment von Miroslav Spizak, der in der 57. Minute den rechten Winkel des Bayern-Tores anvisierte und traf. Dabei blieb es, schon zum fünften Mal verloren die Bayern in jener Saison gegen eine Mannschaft der unteren Tabellenhälfte. Ottmar Hitzfeld sprach von "einer Krankheit" und einer "Blamage", Uli Hoeneß ärgerte sich "maßlos" und Mehmet Scholl gönnte dem kleinen Nachbarn wenigstens den Klassenerhalt: "Sie haben uns im Vorjahr geholfen, Meister zu werden. Ich hoffe, dass ihnen der Sieg nun genauso nützt. Ich gönne es Haching von Herzen." Damit wurde es nichts. Am Saisonende war München wieder eine Stadt mit nur zwei Bundesligisten. Die kleinen Hachinger aber konnten sagen, dass sie den Meister geschlagen hatten.

FC St. Pauli - FC Bayern 2:1 (6. Februar 2002)

Mehr noch als vom Überraschungs-Sieg im März 1991 in München (1:0 durch ein Tor von Ralf Sievers) schwärmen sie auf St. Pauli bis heute von dem Tag, als sie den Weltpokal-Sieger stürzten. Die Bayern kamen damals als dreifacher Titelträger ans Millerntor: Meister, Champions League-Sieger und seit wenigen Wochen auch als Weltpokal-Sieger. St. Pauli war der kleine Fahrstuhl-Club, freute sich noch über seinen dritten Aufstieg und machte sich auf Platz 18 auch schon wieder auf den nächsten Abstieg gefasst. Aber es galt, noch mitzunehmen, was zu kriegen war: Zum Beispiel den Skalp der Bayern, die als Vierter schon eine echte Krise hatten. An diesem Tag waren sie auch für den Letzten nicht stark genug. Vor der Pause wurden sie von Pauli regelrecht vorgeführt. Tore von Thomas Meggle (30.) und Nico Patschinski (33.) drückten die Überlegenheit nur unvollkommen aus, es hätte 6:0 stehen können. In der Pause krachte es heftig in der Bayern-Kabine, Hitzfeld brachte mit Mehmet Scholl und Paulo Sergio neue Kräfte. Aber mehr als ein Kopfball-Tor von Willy Sagnol (87.) sprang nicht mehr heraus. Nach dem Spiel machte Uli Hoeneß seinem Ärger Luft und hielt seine berühmte "Scampi-Rede", in der er seine verwöhnten Spieler kritisierte, denen es wohl zu gut gehe. St. Pauli ging es wirklich gut, besoffen vom eigenen Erfolg druckte der Club die berühmten "Weltpokalsieger-Besieger"-Shirts, die auf dem Kiez der Renner wurden. Abgestiegen sind sie dann trotzdem, aber sie hatten wenigstens etwas erlebt.

Borussia Dortmund - Energie Cottbus 1:1 (24. Mai 2003)

Der letzte Spieltag der Saison 2002/03 markiert einen Tiefpunkt in der Historie des BVB. Dass er nach einer mittelmäßigen Saison die Titelverteidigung deutlich verpasst hatte, verärgerte die Fans etwas. So durfte die mittlerweile zur Pflicht gewordene Teilnahme an der Chamnpions League nicht auch noch verspielt werden. Der Spielplan schien es gut zu meinen mit der Sammer-Elf: Ein Sieg gegen den schon feststehenden Absteiger Energie Cottbus, der nach drei Jahren sein Abenteuer Bundesliga vorerst beenden musste, hätte gereicht für Platz 2. Matthias Sammer warnte noch, sich vom Umfeld, das ein Schützenfest prophezeite, "nicht beeinflussen zu lassen". Aber Energie hatte in fünf Spielen gegen den BVB weder Tore noch Punkte erbeutet, beklagte zudem neun Verletzte von Torwart Piplica bis Stürmer Paulo Rink. Mehr Außenseiter ging nicht. Borussia wollte nach dem Spiel mit den Fans feiern, die Spieler waren schon zum Bierzapfen eingeteilt. Zapfen mussten sie dann auch, aber zu feiern gab es nichts. Denn auch Tomas Rosickys Tor (25.) beruhigte den BVB nicht, bei zwei Lattentreffern kam Pech hinzu. Nach der Pause riss der Faden und dann passierte es: Flanke Reichenberger, Kopfball Rost - 1:1 (74.). Lähmendes Entsetzen im weiten Rund, 68.000 wurde die Party verdorben. "Am Ende bekommst Du, was Du verdienst", bilanzierte Lars Ricken. Für den BVB war das Platz 3 und zwei Entscheidungsspiele gegen Brügge - die er verlieren sollte. Damit begann der Absturz der Dortmunder, der den Club an den Rande der Insolvenz führte. Kleiner David, große Wirkung. Selten war es so krass wie vor zehn Jahren.

Zusammengestellt von Udo Muras


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