Als sich die Kicker des 1. FC Köln am Mittwochmorgen (5. November) aus den Betten gepellt hatten, war wenige Stunden zuvor ein paar tausend Kilometer weiter westlich Barack Obama zum neuen Präsidenten der USA gewählt worden.

Was aber bitteschön hat denn nun diese weltpolitische Entwicklung mit den "Geißböcken" zu tun? - Auf den ersten Blick nichts.

Lang, lang ist's her…

Mit dem zweiten Blick lässt sich aber einmal die zeitliche Dimension veranschaulichen, die sich zwischen November 2008 und den letzten Bundesligasieg des 1. FC Köln gegen den kommenden Gegner aus Hannover geschoben hat.

Fast auf den Tag genau vor 20 Jahren, am 5. November 1988, gewann der FC vor sage und staune nur 9.000 Zuschauern mit 1:0 gegen das Team aus Niedersachsen. Der Kölner Torschütze hieß Thomas Häßler. Im Kasten stand Bodo Illgner. Auf dem linken Flügel dribbelte Pierre Littbarski. Im Sturm lauerten Flemming Povlsen und Thomas Allofs.

Nur Kölns Trainer ist wieder der gleiche

Gäbe es eine Parallelentwicklung zwischen der Kölner Trainerbank und dem Oval Office, dann müsste heute wieder Ronald Reagan das einflussreichste politische Amt der Welt bekleiden. Denn damals führte Christoph Daum sein Team hinter den Bayern zur Vizemeisterschaft, 20 Jahre später muss er in dem erwartungsvollen Umfeld am Rhein den Spagat schaffen zwischen knallharter Realität und traditionellem Anspruch.

Während in den USA mit Obama ein historischer "Change" vonstatten ging, hat sich natürlich auch beim 1. FC Köln über die Zeit unweigerlich eine Menge gewandelt. Aus Torjäger Thomas Allofs wurde "Knipser" Milivoje Novakovic. Aus Littbarski, Häßler, Götz und Görtz wurden Antar, Ehret, Petit und Pezzoni.

Zufall, Glück und harte Arbeit

Daum gelingt bislang das Kunststück, die Stärken seines Teams hervorzuheben ohne es unnötig stark zu reden: "Wenn du ein Mal gewinnst, kann es Zufall sein. Wenn du zwei Mal gewinnst, kann es Glück sein. Wenn du drei Mal gewinnst, dann steckt knallharte Arbeit dahinter. Und wir arbeiten hart."

Und als man dann tatsächlich zwischen dem 6. und 8. Spieltag die Früchte jener knallharten Arbeit ernten durfte, lautete Daums Eilmeldung an die linksrheinische Fußballwelt: "Wir müssen auf dem Boden bleiben und dürfen nicht durchdrehen. Ein vierter Sieg in Folge wäre eine Sensation."

Und zur Wahrung der Balance zwischen Realität und Anspruch blieb die dann auch konsequenterweise aus.

Vorne "Nova", hinten dicht

Das Derby gegen Leverkusen ging ebenso verloren, wie das Duell gegen den BVB. Um das Gleichgewicht wieder herzustellen, hatte man "nach den beiden Niederlagen sofort wieder die Flucht nach vorne angetreten" (Daum). Als Gegengewicht setzte es dann umgehend den überraschenden 3:1-Erfolg beim VfB.

Daums Torgarant Novakovic hatte in Stuttgart das 1:0 und 2:0 erzielt und schoss damit sieben der elf Kölner Tore in Eigenregie. Mit jedem Tor holte der FC rund 1,5 Punkte - die mit Abstand effizienteste Ausbeute aller Clubs!

Aber die große Stärke des Aufsteigers ist in der disziplinierten Defensivarbeit zu finden. Nur Schalke (acht) und Leverkusen (elf) kassierten weniger Gegentreffer als die Kölner (13). Daum weiß, dass sein Team "nicht so zaubern und den Ball laufen lassen kann wie so manch andere Mannschaft." Er fordert stattdessen "bedingungslose Einsatzbereitschaft und Leidenschaft."

Daums Armada versenkt die schwäbische Flotte

Gegen den VfB hatte der Kölner Trainer "eine Armada von kampfbereiten Spielern auf dem Feld" ausgemacht. Dem Gegner wurde kein Raum geschenkt, kaum Abschlussmöglichkeiten angeboten. Es ist vor allem ein Verdienst der starken Innenverteidigung um Youssef Mohamad und Pedro Geromel, dass die Abwehr der "Geißböcke" ligaweit bislang die drittwenigsten Schüsse auf ihren Kasten zuließ (43).

Nun also kommt Hannover 96 ins RheinEnergieStadion (Freitag, ab 20 Uhr im Live-Ticker/Liga-Radio) - nach dem 3:0-Sieg über den HSV mit jeder Menge Selbstbewusstsein im Trikotkoffer. Aber die Gastgeber wollen den historischen Wandel, den ersten Sieg im "Oberhaus" nach 20 Jahren.

Zurück auf Null

"Yes, we can!", hieß die erfolgreiche Parole für die aktuelle Zäsur in den USA. Und auch der FC hat bewiesen, dass er es kann. Der letzte Kölner Sieg gegen Hannover 96 datiert auf den 8. Mai 2000, 30. Spieltag, 2. Bundesliga. Damals lagen die Domstädter nach sieben Minuten mit 0:2 zurück. 77 Minuten später hatte man die Partie aber mit 5:3 gedreht und sicherte sich den Wiederaufstieg in die Bundesliga.

Gelingt das Aufbrechen der historischen Negativserie, dann bleibt nicht viel Zeit, um auszuruhen. Denn nach Hannover warten Herkulesaufgaben. Zunächst in Bremen, dann gegen Hoffenheim. Und bevor der Hamburger SV nach Köln kommt muss Daum mit seinen Jungs zur "Alten Dame" in die Hauptstadt.

Daums Rechnung beginnt also wieder bei Null. Ein Sieg gegen Hannover könnte nach zwei Jahrzehnten Zufall sein. Bei einem Erfolg in Bremen wäre sicherlich ein Quäntchen Glück im Spiel. Aber sollte der FC anschließend auch noch den aktuellen Tabellenführer aus Hoffenheim bezwingen, hätte man sich für die knallharte Arbeit erneut belohnt und könnte die Leistung mit einer Sensation in Berlin krönen.

Michael Wollny