Stuttgart - Irgendwie schien ihm die ganze Sache peinlich. Als Julian Schieber, Leihgabe des unterlegenen VfB, die Stuttgarter Katakomben verließ, hatte er keine Lust auf Interviews. Wortlos verließ der 21-Jährige die Stätte des Nürnberger Triumphes, nachdem die Franken den gastgebenden VfB zuvor mit 4:1 demontiert hatten.

Direkt nach dem Spiel allerdings sprach Schieber noch über seinen Auftritt in der schwäbischen Heimat - ein Auftritt, der das Prädikat "Extraklasse" verdient hatte.

Torjubel "gehört sich nicht"

"Das war natürlich ein schwieriges Spiel für mich. Ich bin hierher gefahren und wusste, dass der VfB in einer schwierigen Situation steckt", sagte der Torschütze zum 2:0. "Aber mein Verein ist derzeit der 1. FC Nürnberg für diese Mannschaft gebe ich momentan alles. Trotzdem habe ich bei meinem Tor nicht gejubelt, weil ich finde, dass sich das einfach nicht gehört."

Eine edle Gesinnung, die dem VfB in dessen derzeitiger Lage nicht weiterhilft, aber zeigt, wie verbunden Schieber mit dem VfB noch ist. Dabei läuft es persönlich bestens für den Angreifer. Zusammen mit seinen Nürnbergern mischt er momentan die Liga auf, der "Club" feierte in Stuttgart den dritten Sieg in Serie.

Nürnberg darf nach oben schauen

Platz neun, 32 Punkte, die Abstiegsgefahr gebannt - die Mannschaft von Trainer Dieter Hecking darf nun sogar in Richtung internationale Plätze schielen. Eine glänzende Perspektive, die auch logisches Resultat einer beeindruckenden Entwicklung ist.

Hecking hat es geschafft, nicht nur eine verschworene Gemeinschaft herauszubilden, sondern auch junge Spieler zu etablierten Leistungsträgern zu machen. Jens Hegeler, Juri Judt, Almog Cohen, Timothy Chandler, Mehmet Ekici, Philipp Wollscheid oder eben Schieber - einiges erinnert in Nürnberg derzeit an die Übermannschaft von Borussia Dortmund.

Chandler dient diesbezüglich als Paradebeispiel. In seinem ersten Bundesligaspiel von Beginn an erzielte er nicht nur den ersten Treffer seiner noch jungen Karriere, sondern steuerte obendrein noch zwei Vorlagen bei. Ein glänzendes Debüt also. Auch deswegen konnte der junge US-Amerikaner gegenüber bundesliga.de sein Glück kaum fassen: "Dass es so gut lief, ist natürlich unglaublich. Aber wir haben einfach derzeit eine tolle Mannschaft, da fällt es einem natürlich leichter."

Die Mischung passt

Nürnbergs Manager Martin Bader hatte nach dem Erfolg beim VfB vor allem für seinen Trainer lobende Worte übrig. "Dieter Hecking hat einfach ein glückliches Händchen bei jungen Spielern", meinte er zu bundesliga.de in Sachen Chandler. Erinnert sei diesbezüglich nur an Chandlers Kollegen Robert Mak oder Markus Mendler, die in den vergangenen Wochen ebenfalls schon entscheidende Tore für die Franken erzielten.

Zusätzlich profitiert die junge Franken-Garde von erfahrenen Nebenleuten. Torwart Raphael Schäfer, der Belgier Timmy Simons, der Argentinier Javier Pinola oder Kapitän Andreas Wolf - auch die "alten Hasen" spielen derzeit überragend und perfektionieren so Heckings Erfolgs-Mixtur.

Klare Worte in puncto Schieber

So war es für den FCN alles in allem einfach nur ein toller Nachmittag. Nur ganz am Ende, da konnten die Stuttgarter noch einen kleinen Erfolg für sich verbuchen. Hatten die Nürnberger unter der Woche noch Hoffnung auf einen Verbleib Schiebers geäußert, sollte der VfB in die 2. Bundesliga absteigen, machte Fredi Bobic diese am frühen Samstagabend unmissverständlich zunichte.

"Schieber kommt nach der Saison wieder zu uns - egal ob Bundesliga oder 2. Bundesliga", erklärte der VfB-Sportdirektor der versammelten Presseschar. Dabei lächelte er. Kein Wunder, war diese Nachricht doch so ziemlich sein einziges Erfolgserlebnis an diesem für ihn so bitteren Tag.

Jens Fischer