Dortmund - Der Stolz über die 4:1-Gala gegen Real Madrid hält sich beim BVB die Waage mit dem Respekt vor dem Rückspiel. Auch Mats Hummels warnt bei aller Freude vor einem angeschlagenen Gegner.

Der Nationalverteidiger der Dortmunder haderte noch lange nach dem Spiel mit sich selbst. Sein Fehler hatte das einzige Gegentor der Madrilen ermöglicht - der einzige Schönheitsfehler an einem grandiosen Abend auf der Bühne der Champions League. Entsprechend erleichtert war Hummels über die Glanzleistung seiner Kollegen und sprach nach dem Spiel über Dankbarkeit und Leidenschaft, Überlegenheit und Überheblichkeit.

Frage: Mats Hummels, die Dortmunder Fans rüsten sich schon für das Finale der Champions League. Sind Sie gedanklich auch schon in Wembley?

Mats Hummels: Natürlich nicht. Auch unsere Fans wissen, dass wir noch lange nicht durch sind. Wir haben uns mit dem 4:1-Sieg über Real eine deutlich bessere Ausgangsposition erarbeitet, als es viele erwartet haben. Und darüber dürfen wir uns alle freuen. Wir wissen aber auch, was uns jetzt im Rückspiel in Madrid erwartet. Wenn man nach Madrid fährt und behauptet, man könne nicht mit 0:3 verlieren, dann wäre man überheblich. Das wird ein Orkan, der über uns hinwegfegt. Es soll ein Feuerwerk von jedem Real-Spieler geben. Unsere Aufgabe ist es, das zu verhindern.

Frage: Vier Tore in einem Halbfinale der Champions League gegen Real Madrid: Haben Sie eigentlich schon realisiert, was dem BVB da gelungen ist?

Hummels: Das habe ich schon realisiert, aber da wir noch nicht im Finale stehen, fällt unsere Reaktion auch nicht zu überschwänglich aus. Aus dem, was möglich war, haben wir im Hinspiel fast alles rausgeholt. Die zweite Halbzeit war nahezu perfekt. Dass wir nach dem Ausgleich so reagiert haben, war unglaublich gut und für mich persönlich auch unheimlich erleichternd. Schließlich war es mein Fehler, der zum Gegentor geführt hat. Dass wir danach noch drei Tore erzielt haben, freut mich richtig.

Frage: Da dürften Sie sich beim vierfachen Torschützen Robert Lewandowski ganz besonders bedankt haben.

Hummels: Ich habe mich bei allen bedankt. Wie die Jungs nach dem Patzer und dem Gegentor schon in der Halbzeit mit mir umgegangen sind, war richtig stark. Sie wissen auch, dass mich so ein Fehler durchaus beschäftigt. Das hat man mir auch angemerkt. Und ich habe auch in der zweiten Halbzeit nicht zu der gewohnten Sicherheit gefunden. Jetzt gilt es, das bis zum nächsten Spiel ganz schnell wieder abzustellen. Aber ich bin wirklich froh, wie die Mannschaft im Spiel mit meinem Fehler umgegangen ist. Was die Jungs danach auf dem Platz gezeigt haben, war großartig.

Frage: Apropos Halbzeit: Was war da generell los in der Kabine? Danach hat der BVB Real ja nahezu an die Wand gespielt.

Hummels: Wir waren selbst nicht zu frieden, wie wir ab der 25. Minute agiert haben. Da haben wir nachgelassen und sind schwächer geworden, vor allem mit Ball. Da wollten wir in der zweiten Halbzeit ansetzen, wieder mehr Aggressivität im Defensivverhalten zeigen und zugleich wieder mehr Mut mit Ball haben. Das haben wir dann auch viel besser umgesetzt und dabei wie beim Treffer zum 3:1 auch das nötige Glück gehabt. Ich weiß zwar nicht wirklich, ob Marcel Schmelzer zu Robert passen wollte. Aber wenn, dann hat er es genial gemacht. Insgesamt haben wir vor allem in der zweiten Halbzeit pure Leidenschaft an den Tag gelegt. Und das wurde belohnt.

Frage: Hatten Sie auch das Gefühl, dass Madrid teilweise regelrecht geschockt war über den starken Auftritt des BVB?

Hummels: In der zweiten Halbzeit hatte man tatsächlich schon diesen Eindruck. Wir haben nicht vieles zugelassen und ihnen wenige Chancen eingeräumt, auch wenn es immer mal wieder gefährliche Aktionen gab. Aber über einen großen Zeitraum haben wir sie sehr weit weg gehalten von unserem Tor. Das war der Schlüssel zu unserer Überlegenheit und letztlich auch zu unseren eigenen Treffern.

Frage: Der überzeugende Sieg über Real gelang auch, weil die Fans einmal mehr wie ein Mann hinter der Mannschaft standen. Haben Sie den Signal Iduna Park schon einmal so laut erlebt?

Hummels: Es gab schon Spiele, in denen es in einzelnen Momenten auch sehr laut war, wenn man an die letzten Minuten im Spiel gegen Malaga denkt oder auch an die erste Meisterschaft 2011. Aber dass es über 90 Minuten so laut war, das gab es nicht nur hier in Dortmund noch nie. Das dürfte in relativ wenigen Stadien auf der Welt überhaupt so schon mal der Fall gewesen sein.

Frage: Die Unterstützung der Fans war umso überzeugender, weil der anstehende Wechsel von Mario Götze doch vorher auch hier für erhebliche Unruhe gesorgt hatte. Wie ist die Mannschaft mit dem Thema und der Unruhe umgegangen?

Hummels: Wir als Mannschaft waren natürlich in den ersten Minuten und Stunden nach der Bekanntgabe des Wechsels nicht gerade hocherfreut darüber, das ist doch ganz klar. Dass dieser Transfer quasi aus dem Nichts kam, war das, was den Fans und auch uns an der Sache am meisten wehgetan hat. Wir hatten auch den Eindruck, dass Mario gerne bei uns spielt und sind nicht davon ausgegangen, dass er jetzt schon wechseln könnte. Aber da wir alle Mario auch als Person sehr schätzen, haben wir seine Entscheidung irgendwann akzeptiert. Und er ist einer, der mit niemandem im Mannschaftskreis Probleme hat. Also war der Umgang mit ihm und auch mit der Situation dann ganz normal.

Aufgezeichnet von Dietmar Nolte