München - Dass Marco Reus nach der laufenden Saison von der einen zur anderen Borussia geht, steht seit Anfang des Jahres fest. Wer allerdings gedacht hatte, dass die Gladbacher Fans ihrem Liebling den Wechsel verübeln würden, sah sich am vergangenen Freitag getäuscht.

Spätestens nach dem Führungstreffer beim spektakulären konnte sich der 22-Jährige der uneingeschränkten Sympathien der "Fohlen"-Anhänger sicher sein.

Im großen bundesliga.de-Interview spricht Reus über die Stimmung, die er im Stadion erlebte, den Zusammenhalt im Team und darüber, wie Gladbach am Sonntag den bisherigen Angstgegner VfB Stuttgart knacken will.

bundesliga.de: Herr Reus, gegen den FC Bayern hat die Borussia eine starke Mannschaftsleistung gezeigt. Würden Sie zustimmen, dass es - trotz der hohen Siege gegen Bremen und Köln - das beste Gladbacher Spiel seit Jahren war?

Marco Reus: Das ist schwer zu sagen, es war mit Sicherheit eines unserer besten Spiele. Vor allem die Defensive hat hervorragend funktioniert. Ich denke aber, dass wir auch in dieser Partie mehr nach vorne hätten machen können und die Bälle besser halten. Es besteht immer noch Steigerungspotenzial, das perfekte Spiel gibt es nicht.

bundesliga.de: Mike Hanke sagte nach dem Spiel, dass das Erfolgsrezept das Kollektiv sei. Spielt das Gemeinschaftsgefühl im Profifußball wirklich so eine entscheidende Rolle?

Reus: Ja, das ist so. Ich denke, dass wir immer noch von der erfolgreichen Relegation profitieren. Das hat uns sehr viel Kraft gegeben - und dann kam natürlich der Sieg gegen die Bayern am ersten Spieltag hinzu. Das brachte eine Menge Selbstvertrauen und wir haben im Training jede Menge Gas gegeben.

bundesliga.de: Schweißt so ein Erfolg dann noch mehr zusammen?

Reus: Schon zur Zeit, als wir unter Michael Frontzeck die Negativserie hatten, hat es keine Grüppchenbildung gegeben, wir waren ein Team. Aber es ist schon so: Wenn man Erfolg hat, dann lässt es sich auch in der Gemeinschaft leichter leben.

bundesliga.de: Ganz Deutschland schwärmt von der Borussia und spricht über den Europapokal. Sie und Ihre Teamkameraden wiegeln aber ab und reden nach wie vor nur über das nächste Spiel. Wird sich das ändern, wenn Sie die 40-Punkte-Marke geknackt haben? Oder bleiben Sie bei dieser Strategie, weil Sie gut damit gefahren sind?

Reus: Nicht nur, weil wir gut damit gefahren sind, sondern weil es die Realität ist. Es bringt einfach nichts, wenn wir ein paar Wochen voraus schauen. Deswegen wiederhole ich mich gerne und blicke nach wie vor von Spiel zu Spiel. Selbst wenn wir die 40-Punkte-Marke demnächst knacken sollten, ist es wichtig, dass wir auf dem Boden bleiben und hart arbeiten.

bundesliga.de: Am Freitag gab es ein Transparent im Stadion, auf dem stand: 'Marco, dich lassen wir nur mit dem Double gehen'. Und spätestens nach Ihrem Tor gab es sowieso nur noch Beifall für Sie. Motiviert Sie das zusätzlich, sich erfolgreich aus Gladbach zu verabschieden?

Reus: Ob ich ausgepfiffen oder unterstützt werde - das ändert nichts an meiner Einstellung. Ich bin Profi und spiele bis zum Ende der Saison für Borussia Mönchengladbach. Ich werde mich nicht ausruhen, sondern weiter so hart arbeiten, wie ich das schon vorher getan habe. Aber natürlich ist es angenehmer, Applaus statt Pfiffe zu hören. Das gibt dann noch einen kleinen Schub.

bundesliga.de: Zurzeit stehen vier Mannschaften fast punktgleich an der Tabellenspitze. Wenn Sie Ihre Mannschaft mal ausklammern, wer ist dann Favorit im Titelkampf?

Reus: Bayern München ist immer noch der klare Favorit. Sie haben eine der stärksten Mannschaften in Europa. Bei Dortmund muss man sehen, wie sie den Ausfall von Mario Götze kompensieren. Er ist ein Weltklassespieler. Aber sie haben ja schon in Hamburg gezeigt, dass sie das können. Ich weiß nicht, wie es am Ende ausgeht, aber uns als Meisterschaftskandidaten zu bezeichnen, ist völlig übertrieben.

bundesliga.de: Einer, der am Freitag richtig aufgetrumpft hat, ist Patrick Herrmann. Wie sehen Sie seine Entwicklung? Würden Sie ihm zutrauen, in Ihre Fußstapfen zu treten?

Reus: Ich will gar nicht sagen, dass er in meine Fußstapfen treten soll oder wird. Patrick soll einfach sein Spiel weitermachen. Er hat sehr gute Fähigkeiten, ist noch sehr jung und kann noch viel lernen. Er soll einfach seinen Weg weitergehen und vor allem gesund im Kopf bleiben, dann hat er eine schöne Karriere vor sich. Aber da habe ich keine Bedenken.


Das Gespräch führte Johannes Fischer


Zum zweiten Teil: Marco Reus über Angstgegner Stuttgart und den kommenden EM-Sommer