Die Club-Verantwortlichen des FC Bayern München haben es bereits vor dem Start dieser Saison prophezeit: Zum Auftakt wird es beim Titelverteidiger noch nicht rund laufen. Ein holpriger Saisonstart wurde erwartet.

Sicher hätten die Münchner nichts dagegen gehabt, wenn es anders gekommen wäre. Aber es kam genau so, sogar noch schlimmer.

Nach den ersten sechs Spieltagen stehen die Bayern mit acht Zählern auf dem 9. Tabellenplatz der Bundesliga. Die Bilanz: zwei Siege, zwei Niederlagen und zwei Unentschieden.

Schwächster Start seit 31 Jahren

Es ist der schwächste Saisonstart des FCB seit 31 Jahren. Die Bilanz von zwei Siegen, zwei Remis und zwei Niederlagen unterboten die Bayern zuletzt in der Saison 1977/78 unter Trainer Dettmar Cramer. Damals sind sie mit einem Sieg, drei Unentscheiden und zwei Niederlagen gestartet. Damit standen sie auf Platz 13.

In der gesamten vergangenen Meister-Spielzeit kassierten die Bayern lediglich zwei Pleiten - diese stehen jetzt bereits nach dem 6. Spieltag zu Buche.

Eine Situation, die bei den Bayern zwar noch keine große Unruhe oder gar Panik auslöst, aber so langsam sollte die Mannschaft von Trainer Jürgen Klinsmann ins Rollen kommen.

Hoeneß fordert Reaktion

Das sieht auch Uli Hoeneß so: "Ich habe festgestellt, dass jetzt eine ganze Menge Mannschaften vor uns sind - das nervt mich. Wir sollten sehr bemüht sein, diesen Zustand nicht allzu lange währen zu lassen ", meinte der Bayern-Manager nach dem 0:1 bei Hannover 96.

Den Knackpunkt der Partie sah Hoeneß in dem Gegentor in der 23. Minute. "In den ersten 20 Minuten haben wir das Spiel total im Griff gehabt, durch das dumme Freistoßtor haben wir uns das Spiel aber aus der Hand nehmen lassen."

"Natürlich war der Start nicht optimal"

Trainer Klinsmann blies ins gleiche Horn: "Wir haben nicht schlecht begonnen und das Spiel kontrolliert. Das Freistoßtor hat uns dann den Rhythmus genommen, danach kamen wir einfach nicht mehr rein."

Soweit die Analyse der Pleite in Hannover. Doch wo liegen die Hauptprobleme für den Stotterstart des deutschen Rekordmeisters? bundesliga.de macht sich auf die Suche nach Gründen.


Die Mannschaft ist noch nicht eingespielt:

Neben Torwart Rensing standen nur Philipp Lahm und Christian Lell in der Bundesliga immer in der Startelf. Nur Dortmund und Gladbach setzten aktuell mehr Spieler ein (23) als der Bayern-Coach Klinsmann (21).

Gegenüber dem 2:0-Erfolg im DFB-Pokal gegen den 1. FC Nürnberg am vergangenen Mittwoch änderte Klinsmann seine Mannschaft gegen Hannover gleich auf vier Positionen.

"Premiere"-Experte Stefan Effenberg steht der Rotation zu diesem Zeitpunkt skeptisch gegenüber: "Sie haben Probleme, da sie jede Woche mit einer anderen Mannschaft auflaufen. Daran müssen sich die Spieler erstmal gewöhnen. Deshalb bin ich am Anfang der Saison kein Freund von Rotation."

FCB-Manager Hoeneß ließ dieses Argument nicht gelten und wiegelte ab. Die Niederlage habe nichts mit der Rotation zu tun, gab Hoeneß zu Protokoll und stärkte seinem Trainer damit demonstrativ den Rücken.


Das Herausspielen und Nutzen von Torchancen:

In der laufenden Spielzeit gaben die Bayern durchschnittlich weniger Torschüsse ab (16,2) als in den 34 Partien der Vorsaison (17,8) und zielten auch deutlich ungenauer: Nur 38 Prozent der nicht geblockten Schüsse gingen auf das Tor. In der Meistersaison waren es noch 47 Prozent.

Das war auch gegen Hannover so: "Wir haben uns nicht die Torchancen herausgespielt, die unsere Stürmer brauchen, um Tore zu machen", so Klinsmann nach der Begegnung in der AWD-Arena.

"Die Bayern waren in der zweiten Halbzeit optisch überlegen, aber nicht zwingend genug. Der letzte Kick, das gewisse Etwas hat gefehlt", analysierte "Premiere"-Experte Effenberg.


Zu viele Gegentore:

Die Abwehr wackelt: In den bisherigen sechs Bundesligapartien dieser Saison musste FCB-Torwart Michael Rensing schon zehn Mal hinter sich greifen.

Der FCB kassiert derzeit pro Spiel rund ein Tor mehr als in der vergangenen Saison. In der Spielzeit 2007/08 stellte der FCB mit nur 21 Gegentoren (0,62 Gegentore/Spiel) noch die beste Abwehr und stellte damit einen Bundesligarekord auf.

Zudem stimmt es bei Standards offensichtlich noch nicht bei der Abstimmung: Drei der jüngsten fünf Gegentreffer fielen nach Freistoßsituationen.

Apropos Abtimmung: Nach der Ära Kahn haben die Bayern seit dieser Spielzeit mit Rensing eine neue Nummer 1. Die Abläufe zwischen dem Torwart und der Defensive verlaufen bisher noch nicht reibungslos und müssen sich im Laufe der kommenden Wochen erst noch automatisieren.


Fehlende, klare Hierarchie:

Nach dem Karriereende von Oliver Kahn fehlt es derzeit noch an einer klaren Hackordnung im Team des FC Bayern. Mark van Bommel als neuer Kapitän konnte den Kahn-Abgang in so kurzer Zeit noch nicht kompensieren. Seine Gelb-Rote Karte bereits am 2. Spieltag in Dortmund machte dem Niederländer diese Aufgabe natürlich auch nicht gerade leichter.

Eines steht allerdings auch fest: Nach dem Verlust eines Leitwolfes wie Oliver Kahn braucht es Zeit, bis sich eine neue Hierachie in einer Mannschaft herausbildet.


Ribery noch nicht der "Alte":

Mit Franck Ribery fehlte zum Saisonauftakt einer der wichtigsten - wenn nicht der wichtigste - Spieler der Bayern. Nach seiner dreimonatigen Verletzungspause feierte der Mittelfeldregisseur in Hannover sein Comeback in der Bundesliga. Nach einer so langen Zwangspause ist der französische Star der Bayern natürlich noch nicht in der Top-Form der vergangenen Spielzeit.

Das schmerzt die Bayern. Das macht die Statistik deutlich: Mit Ribery holten die Bayern in der Bundesliga im Schnitt rund 2,2 Punkte - ohne ihn nur 1,8. Während der deutsche Rekordmeister mit dem Franzosen im Team 66 Prozent seiner Bundesligapartien gewann, waren es ohne ihn mit 45 Prozent noch nicht einmal die Hälfte.

Es ist also noch einiges zu tun für den Bayern-Trainer. Zumal schon am Dienstag ein echter Kracher ins Haus steht: Olympique Lyon kommt zum Champions-League-Duell nach München.

Hoeneß ist froh darüber: "Gott sei Dank haben wir schon am Dienstag wieder ein Spiel gegen Lyon. Da können wir versuchen, uns international zu bewähren, um irgendwann den Rhythmus zu finden, damit wir auch in der Liga besser spielen als zuletzt."

Sven Becker