Gelsenkirchen - Bereits in der vergangenen Saison hatte der FC Schalke 04 überrascht, als er unter Felix Magath die Vize-Meisterschaft hinter dem FC Bayern München holte. Auch in dieser Saison verblüfften die "Königsblauen" erneut ihre Anhängerschaft - allerdings negativ.

Die Mannschaft kam nur sehr schwer in Gang, verlor die ersten vier Spiele in Folge und steckte lange Zeit im Abstiegskampf fest. Doch seit einigen Wochen hat sich das Blatt gewendet. S04 hat die Krise beendet und steht im sicheren Mittelfeld der Tabelle.

Mit bundesliga.de sprach die Schalker Legende Klaus Fischer über die Gründe für den Fehlstart des Traditionsclubs, was sich seitdem innerhalb des Kaders getan hat und was die "Knappen" in dieser Saison noch erreichen können.

bundesliga.de: Herr Fischer, der FC Schalke 04 ist unerwartet schlecht in die Saison gestartet. Wo lagen Ihrer Meinung nach zu Beginn die Gründe dafür, dass es nicht lief?

Klaus Fischer: Die Mannschaft hat sich im Vergleich zur vergangenen Saison sehr verändert. Einige wichtige Spieler hat man verloren, manche Neuzugänge sind erst spät zur Mannschaft gestoßen und haben die Vorbereitung nicht absolviert. Dass man unter diesen Umständen nicht eingespielt sein kann, ist normal. Aber dass sich die Situation als so gravierend herausstellen würde, hätte wohl keiner gedacht. Durch die Niederlagen zu Beginn war die Mannschaft natürlich verunsichert, keine Frage. Und wenn man dann unten steht, dann läuft halt auch einiges gegen dich. Deswegen hat das Team auch lange Zeit gebraucht, bis es eingespielt war. Jetzt, denke ich, spielt Schalke sehr ansehnlich. Natürlich ist der Prozess noch nicht abgeschlossen. Aber ich bin mir sicher, dass sich das alles in der Rückrunde nochmals verbessern wird. Die Spieler haben in der Winterpause Zeit, sich weiter einzuspielen. Sie kennen sich dann noch besser und vielleicht kommen ja auch noch ein, zwei verletzte Spieler zurück, Tim Hoogland zum Beispiel oder Christian Pander. Von daher denke ich schon, dass wir in der Rückrunde mehr Punkte holen werden als bisher.

bundesliga.de: Glauben Sie denn, dass die Ursache für den Aufwärtstrend auf Schalke nur im besseren Verständnis zu suchen ist?

Fischer: Die Mannschaft hat sich Spiel für Spiel gesteigert. Natürlich gab es auch mal Rückschläge wie in Kaiserslautern. Auch nach Champions-League-Spielen war Schalke nicht so gut. Das war nicht so gut. In Mainz am vergangenen Sonntag war das aber schon anders. Da hat die Mannschaft gezeigt, dass sie einen Gegner beherrschen kann und dass sie spielerisch sowie kämpferisch zugelegt hat. Von daher glaube ich, dass wir auf einem sehr guten Weg sind. Ich hoffe, dass das Team auch da weitermacht und auch gegen Köln gewinnt.

bundesliga.de: Den Rückschlag in Kaiserslautern haben Sie gerade schon angesprochen. Wenn man dieses Spiel mal ausklammert, hat sich besonders die Defensive gesteigert. In den vergangenen fünf Partien gab es nur zwei Gegentore. Ist das ein besonderer Indikator dafür, die Spieler sich auf dem Platz besser verstehen?

Fischer: Ja klar. Christoph Metzelder hat sich sehr gesteigert, (Atsuto, Anm. d. Red.) Uchida hat sich auf rechts sehr gut entwickelt und harmoniert toll mit Jefferson Farfan. Auch Christoph Schmitz hat sich gesteigert. Dadurch kommen dann auch die Erfolge. Kaiserslautern muss man, wie gesagt, ausklammern. Da waren alle Feldspieler weit unter ihrem Niveau. Aber man darf nicht nur dieses eine Spiel sehen, sondern man muss das Ganze sehen, und das passt jetzt. Die Mannschaft hat begriffen, dass man auch kämpfen muss; das tut sie jetzt. Daher bin ich auch überzeugt davon, dass wir noch weiter nach oben kommen. Die Europa-League-Plätze sind nicht so weit entfernt.

bundesliga.de: Was glauben Sie denn konkret, ist für den FC Schalke 04 in dieser Saison noch möglich?

Fischer: Wenn sich die Mannschaft weiterhin steigert, glaube ich, kann sie durchaus die Europa League erreichen, oder auch das Pokalfinale. Das ist zwar ein großer Schritt, aber diese Ziele sind möglich.

bundesliga.de: Spiele wie das gegen Bayern München, in dem Schalke froh sein konnte, zur Pause nicht 0:4 zurückzuliegen, lassen einen jedoch an solchen Zielen zweifeln.

Fischer: Das ist richtig. Gegen solche Teams wie Bayern München, da kann man sagen was man will, kann man mal alt aussehen. Doch in der zweiten Halbzeit hat das Team es den Bayern gezeigt. Jetzt weiß es, dass es gegen Gegner wie München, Leverkusen und die anderen Top-Teams zwei Halbzeiten auf diesem Niveau spielen muss. Je mehr Siege auf diese Weise eingefahren werden, desto deutlicher wird es für die Spieler, dass es nur so geht und dass man oft auch nur über den Kampf zum Spiel kommt.

bundesliga.de: Haben sich die "Knappen" sozusagen das Selbstvertrauen für die Bundesliga in der Champions League geholt? Da lief es ja von Beginn an ganz gut.

Fischer: Wenn man das Hinspiel gegen Lissabon gesehen hat, dann hat man schon gedacht: 'Jetzt läuft es!' Doch die nachfolgenden Partien - gegen Frankfurt und gegen Kaiserslautern zum Beispiel auch - waren dann Nackenschläge. Sowas muss die Mannschaft vermeiden.

bundesliga.de: Wie sind denn solche Nackenschläge zu erklären?

Fischer: Für mich ist das unerklärlich, dass eine Mannschaft in der Champions League so stark auftritt, in der Meisterschaft aber nicht. Die ist aber wichtig. Das Tagesgeschäft, das hat Felix (Magath, Anm. d. Red.) auch immer gesagt, das darf man nicht vernachlässigen. Wenn man da gut dabei ist, spielt man nächstes Jahr international. Dieses Ziel darf die Mannschaft nicht verfehlen. Aber warum das so war, kann ich nicht erklären. Das hat sich einfach so gezeigt. Ich denke, das hatte auch mit der Unsicherheit zu tun. Wenn man unten ist, läuft es halt auch manchmal gegen einen. Und das nimmt einem dann auch Selbstvertrauen. Man nimmt sich zwar vor, in Nürnberg oder Frankfurt zu gewinnen, kann dann aber das, was man eigentlich drauf hat, nicht abrufen.

bundesliga.de: Wie wichtig ist es vor diesem Hintergrund, dass das Achtelfinale der Champions League erreicht wurde?

Fischer: Unheimlich wichtig. Für die Mannschaft und den Verein. Es gibt ja wieder mehr Geld, was für einen Verein unheimlich wichtig ist. Aber auch für das Selbstbewusstsein der Spieler ist es wichtig zu wissen: 'Wir sind unter den 16 besten Teams in Europa!'

bundesliga.de: Wäre Ihnen denn bei den möglichen Achtelfinal-Gegnern ein dicker Brocken lieber oder einer der vermeintlich leichteren Gegner?

Fischer: Naja, es sind einige Clubs dabei, die in der Meisterschaft in diesem Jahr nicht vorne dabei sind. Aber ob man im Achtelfinale der Champions League von leichten Gegner sprechen kann, bezweifle ich. Warum haben die sich denn durchgesetzt? Die sind weitergekommen, weil die gut gespielt haben. Daher wird es keinen allzu leichten Gegner geben. Natürlich ist es besser, wenn man gegen Kopenhagen und nicht gegen Barcelona spielen muss.

bundesliga.de: Jetzt hat der FC Schalke vor der Winterpause noch zwei Spiele. Das eine in der Bundesliga gegen den 1. FC Köln, das andere im DFB-Pokal beim FC Augsburg. Welche Partie der beiden wird die schwierigere?

Fischer: Ich denke, dass das Spiel in Augsburg schwieriger werden wird. Die Partie gegen Köln ist ein Heimspiel, gegen Augsburg muss man auswärts ran, beim Tabellenführer der 2. Liga. Das wir dein heißer Kampf werden, da bin ich mir ziemlich sicher. Da kann man nicht von einem kleinen Gegner sprechen. Man weiß ja, dass man es mit dem Tabellenführer der 2. Liga zu tun hat.

bundesliga.de: Aber das Weiterkommen sollte drin sein?

Fischer: Natürlich ist das Weiterkommen drin. Aber das wird kein Spaziergang werden. Da muss die Mannschaft beweisen, dass sie weiterkommen will. Aber das geht nur, wenn alle Spieler von der ersten bis zur letzten Minute voll da sind. Dann kann man auch gewinnen.

Das Gespräch führte Gregor Nentwig