Wenige Bundesligaspieler polarisierten in der vergangenen Saison derart wie Carlos Eduardo. Einerseits verzückte der Mittelfeldspieler des damaligen Aufsteigers TSG 1899 Hoffenheim mit seinen Dribblings die Fans, erzielte insgesamt acht Treffer und gab sechs Torvorlagen. Zudem sind 54 Prozent gewonnener Zweikämpfe für einen Offensivspieler wahrlich nicht von schlechten Eltern.

Beeindruckende Zahlen also für einen 21-jährigen Bundesliga-Neuling, der im Jahr zuvor noch eine Klasse tiefer auflief - wenn da nicht die andere Seite des Brasilianers wäre. Denn mehrfach leistete er sich Unbeherrschtheiten.

Sieben Bundesligaspiele verpasst

Drei Sperren innerhalb eines Jahres waren die Konsequenz, die Ralf Rangnick reichlich ärgerten. "Die Einsicht muss von ihm kommen", sagte der Trainer, nachdem der Mittelfeld-Star nach einem Schlag ins Gesicht von Gegenspieler Philipp Bönig in der Rückrunde für fünf Spieltage gesperrt worden war. Nach einer Schlägerei mit HSV-Stürmer Ivica Olic in einem Testspiel in der Winterpause hatte Eduardo bereits zwei Bundesligaspiele verpasst.

Auch Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp zeigte sich enttäuscht:: "Ich habe wenig Verständnis, wenn jemand innerhalb von einem Jahr drei Mal vom Platz fliegt. Ich hoffe, dass Carlos endlich erwachsen wird. Schließlich schadet er dem Verein, der Mannschaft und seiner Entwicklung."

"Das passiert mir nicht mehr"

Nach einem längeren Gespräch mit Nationalmannschafts-Psychologe Hans-Dieter Hermann hat bei Eduardo die geforderte Einsicht mittlerweile eingesetzt. "Mit den Sperren habe ich der Mannschaft keinen Gefallen getan, das passiert mir nicht mehr", gelobt der Brasilianer Besserung.

Seine persönliche Strategie, "Mr. Hyde" zu unterdrücken, hat ihm Hermann mit auf den Weg gegeben. "Er sagte mir, dass ich mehr provoziert und gefoult werde als andere. Ich muss das ignorieren, aufstehen und lachen. Das werde ich", kündigt Eduardo an.

Die neue Nummer 10

Um ihn in seinem Bestreben zu unterstützen und an sein Verantwortungsgefühl zu appellieren, drückte ihm Rangnick vor der Saison das Trikot mit der Rückennnummer 10 in die Hand. "Nachdem Selim Teber den Club verlassen hat, ist die 10 frei geworden. Es war der ausdrückliche Wunsch von Carlos, diese Rückennummer zu erhalten. Sie steht nicht nur für Kreativität, sondern bedeutet natürlich auch eine Verpflichtung."

Dieser will Eduardo, der kürzlich seinen Vertrag bis 2012 verlängert hat, nun gerecht werden. Und er kündigt große Taten an: "In dieser Saison spielen wir um Platz 1 bis 3, also um die Champions League." Wenn er seinen Ruf als Enfant terrible ablegt und an die Form der vergangenen Vorrunde anknüpft, könnte dieses Unterfangen realistisch sein.

Als in der Sommerpause Gerüchte über einen möglichen Wechsel Eduardos aufkamen, machte Rangnick unmissverständlich klar, dass er sein Juwel nicht ziehen lassen werde. "Absolut unvorstellbar! Vollkommen egal, welche Summen da aufgerufen werden." Eine größere Wertschätzung kann es eigentlich nicht geben...

Johannes Fischer