Als es endlich feststand, zuckten die meisten Fans nur mit den Schultern. Die Nachricht vom spektakulären Transfer eines gewissen Cristiano Ronaldo zu Real Madrid mochte bei den Anhängern von Manchester United keine großen Gefühlsregungen mehr auslösen.

Zu lange hatte sich der Rekord-Deal angebahnt, zu viel war geschrieben worden, als dass noch Hoffnung auf den Verbleib des Superstars bestand. Nein, man hatte sich damit längst abgefunden rund um Old Trafford - und nicht nur das. Schließlich war die sagenhafte Ablösesumme von mehr als 90 Millionen Euro mehr als nur ein Trostpflaster.

"Lebewohl, portugiesischer Pfau"

Zudem war den meisten Engländern das übertrieben selbstbewusste Auftreten des Weltklassestürmers ein Dorn im Auge. "Lebewohl, portugiesischer Pfau", schrieb der "Daily Telegraph", als Ronaldos Abgang feststand. "Wir werden die Schönheit seines Spiels vermissen, die eleganten Slaloms und die blitzartigen Schüsse, aber nicht seine Theatralik, und dass er so von sich selbst eingenommen ist." Ronaldo habe die Seele von United nie verstanden. "Der Verein ist der Star, nicht der Spieler."

Was also taten die Fans? Sie hielten sich nicht lange mit Trauern auf und hakten die Ära des Portugiesen zügig ab. Das Motto, von Torwart Edwin van der Saar vorgegeben, lautete: "Es gibt ein Leben nach Ronaldo!" Mit einem Koffer voller Geld machten sich die Vereinsbosse auf die Suche nach einem Nachfolger für den 24-jährigen Stürmer, der über die Jahre Tore am Fließband für die "Red Devils" erzielt hatte.

Verantwortung auf mehreren Schultern

Die Wahl fiel zunächst auf Antonio Valencia, den Manchester für geschätzte 20 Millionen Euro von Wigan Athletic loseiste. Der Ecuadorianer, gleich alt wie Ronaldo, ist jedoch alles andere als eine Tormaschine. In drei Jahren bei Wigan wirbelte Valencia zwar auf der rechten Seite, erzielte aber insgesamt nur sieben Premier-League-Treffer - so viele wie Ronaldo üblicherweise in weniger als einer Halbserie.

Es war also klar, dass die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt werden musste. Dabei kam den Spähern von ManUnited mit Michael Owen ein fast schon vergessener Torjäger in den Sinn, den sie aus Newcastle verpflichteten. Gabriel Obertan vom FC Lorient vervollständigte den Kader für die neue Saison - ein Großteil der Ronaldo-Millionen blieb demnach im Vereinstresor.

Owen lässt Old Trafford kochen

Die Bilanz nach den ersten sieben Premier-League-Spielen kann sich durchaus sehen lassen: Bis auf einen Ausrutscher beim 0:1 gegen Burnley am 2. Spieltag blieb der Titelverteidiger ohne Punktverlust und ziert mittlerweile wieder die Tabellenspitze. Bisheriger Höhepunkt der Saison war der 4:3-Sieg gegen den erstarkten Lokalrivalen City, den Owen in der siebten Minute der Nachspielzeit sicherte und damit die Fans in Old Trafford in Ekstase versetzte.

Das Hauptaufgabengebiet des abgewanderten Ronaldos übernahmen jedoch keine Neuzugänge, sondern zwei Institutionen: Ryan Giggs und Wayne Rooney. Der englische Nationalstürmer blüht ohne seinen prominenten Mitspieler förmlich auf und hat mit fünf Treffern schon jetzt so viele Saisontore auf dem Konto wie in der gesamten vergangenen Spielzeit.

Giggs sticht Nani aus

Giggs, in Kürze 36 Jahre alt, war an den letzten fünf United-Treffern beteiligt und erlebt derzeit seinen dritten Frühling. "Ich hoffe, dass die anderen jetzt nachlegen", sagt der verletzte van der Saar im "kicker" - und meint damit vor allen Ronaldos Landsmann Nani.

Denn ausgerechnet der legitime Nachfolger des Weltstars erfüllte die hohen Erwartungen noch nicht. So musste sich der 22-Jährige zuletzt sogar Schmähgesänge ("Du wirst nie Ronaldo sein!") von Stoke-Fans gefallen lassen. Unterstützung findet Nani jedoch bei seinem Kumpel in Madrid: "Er ist ein herausragender Spieler, ich bin sicher, er wird in wenigen Jahren zu den Besten der Welt gehören", ließ Ronaldo wissen.

Auftaktsieg gegen Besiktas

In der Meisterschaft auf Kurs - und auch in der Champions League läuft es nach Wunsch: Die Mannschaft von Trainer Alex Ferguson feierte zu Beginn einen 1:0-Arbeitssieg bei Besiktas Istanbul und dürfte erneut keine Sorgen um den Einzug in die K.o.-Phase haben.

Wenn im Saisonverlauf auch Dimitar Berbatov, Owen, Nani und Co. in die Bresche springen, ist sogar erneut das Finale drin - vielleicht ja im direkten Duell gegen den verlorenen Sohn. Und bei einem Sieg dürften die United-Fans am Ende doch noch feuchte Augen bekommen - es wären allerdings Freudentränen.

Johannes Fischer