München - Borussia Mönchengladbach hat in dieser Saison bereits 24 Tore erzielt - nur sechs Teams haben bislang mehr geschossen. Doch zu diesen Treffern gesellen sich auch 40 Gegentore.

Viel zu viel, wie auch Christian Hochstätter, ehemaliger Spieler und Sportdirektor der Gladbacher, meint. "Das ist die Quote eines Absteigers", lautet das Urteil des 47-Jährigen, der aber viel Potenzial in der Mannschaft sieht.

Mit bundesliga.de sprach Christian Hochstätter über die Situation bei Borussia Mönchengladbach, den Gegner aus Hannover und die starken Offensivkräfte beider Teams.

bundesliga.de: Herr Hochstätter, bei der Partie Borussia Mönchengladbach gegen Hannover 96 (Sa., ab 15 Uhr im Live-Ticker/Liga-Radio) treffen die beiden Clubs aufeinander, für die sie in der Bundesliga gespielt beziehungsweise gearbeitet haben. Was für ein Spiel erwarten Sie?

Christian Hochstätter: Für Borussia ist das Heimspiel gegen Hannover ein enorm wichtiges Spiel. Borussia braucht natürlich die Punkte. Zehn Zähler sind ein bisschen wenig. Aus dem Grund wird das bestimmt nicht einfach, zumal Hannover im Moment einen richtigen Lauf hat und die Mannschaft bisher eine sehr, sehr gute Saison spielt.

bundesliga.de: Wo sehen Sie die Ursachen für diesen Aufschwung von Hannover?

Hochstätter: Da muss ich vorab sagen, dass ich relativ weit weg von der Mannschaft bin. Im vergangenen Jahr war es so, dass die tragischen Ereignisse um Robert Enke die Mannschaft und das Umfeld beeinflusst haben. Im Gegensatz dazu hat die Mannschaft in dieser Saison einen guten Start gehabt und es scheint so, als ob sie sich stabilisiert hat. Sie hat auswärts gewonnen, sie steht gut - auf mich macht sie einen sehr, sehr gefestigten Eindruck und das ist wahrscheinlich der Grund, warum 96 im oberen Drittel der Tabelle steht.

bundesliga.de: Was glauben Sie, wie sich das im Saisonverlauf entwickeln wird?

Hochstätter: Ich hoffe, dass sich das positiv für Hannover 96 entwickeln wird. Der Verein hat es ja in den vergangenen Jahren nicht immer einfach gehabt, aber die Voraussetzungen in Hannover sind gut. Ich habe ja selber zwei Jahre dort gearbeitet und wir haben auch schon gute Ergebnisse erzielt. Für den Verein freut mich diese positive Entwicklung. Ich hoffe, dass man in dieser Saison eine vernünftige Basis schaffen kann, um in den nächsten Jahren erfolgreich in der Bundesliga zu spielen.

bundesliga.de: Glauben Sie denn, dass es diese Saison bereits möglich sein wird, nach der Saison 1992/93 mal wieder ins internationale Geschäft einzuziehen?

Hochstätter: Im Fußball ist alles möglich. Mirko Slomka hatte vor dem Spiel gegen den SC Freiburg gesagt, dass sie sich da oben in der Tabelle festsetzen möchten, und das ist ihnen mit dem Sieg gelungen. Jetzt sind es nur noch drei Partien bis zur Winterpause und ich denke, dass sie in Gladbach alles daran setzen werden, zu gewinnen. Mit einem Sieg würden sie ihre Position festigen und ihre Chancen für die Rückrunde verbessern. Wenn es bei einer Mannschaft mal läuft, das sieht man zurzeit ja auch in Mainz, dann kann es auch passieren, dass man in einer Saison auch mal durchmarschiert. Aber das hängt von vielen Faktoren ab. Voraussetzung ist, dass sich wichtige Spieler nicht verletzen - aber prinzipiell ist alles möglich.

bundesliga.de: Jetzt haben Sie vorhin schon kurz Ihre Arbeit bei Hannover 96 angesprochen. An den vergangenen beiden Spieltagen haben mit Jan Schlaudraff und Mike Hanke zwei Spieler, die Sie geholt hatten, groß aufgespielt, obwohl sie schon abgemeldet zu sein schienen. Wie ist das möglich?

Hochstätter: Erst einmal muss man wissen, warum es vorher nicht so geklappt hat. Dass beide gute Fußballspieler sind, steht außer Frage. Beide waren Nationalspieler als wir sie damals geholt haben. Das war ja nicht selbstverständlich, dass zu dem damaligen Zeitpunkt Nationalspieler zu 96 gewechselt sind. Mike Hanke hat im ersten Jahr bei Hannover zehn Tore in der Bundesliga geschossen. Danach wurde er durch eine Verletzung ausgebremst. Aber jetzt scheint er wieder in die Spur kommen. Genauso bei Jan Schlaudraff, der zuletzt ja schon abgeschrieben war. Ich habe das Spiel gegen Freiburg gesehen, da hat er ein Tor gemacht und ein anderes wunderbar vorbereitet. Dass die Spieler Qualität haben, davon war ich immer überzeugt, sie haben es nur zwischendurch nicht gezeigt. Es freut mich für beide und auch für den Club, dass es jetzt wieder besser läuft.

bundesliga.de: Und wie beurteilen sie den "Fall" Mikael Forssell?

Hochstätter: Bei Mikael ist es so, dass auch er mit sieben Toren im ersten Jahr bei Hannover gut angefangen hat. Das ganze vergangene Jahr musste er aufgrund einer Fußverletzung pausieren. Das hat ihn sicherlich zurückgeworfen, aber grundsätzlich bin ich auch von seiner Qualität überzeugt, sonst hätten wir ihn damals nicht geholt. Soweit ich informiert bin, war er bei Hannovers letzten beiden Spielen krank, hat aber in der Länderspielpause beim Sieg für Finnland gegen San Marino drei Tore geschossen. Also, steht seine Qualität für mich außer Frage.

bundesliga.de: Dann lassen Sie uns nun über Hannovers Gegner, Borussia Mönchengladbach, sprechen. Welche Qualität sehen Sie denn im Gladbacher Kader?

Hochstätter: Vor der Saison war ich überzeugt, dass Borussia Mönchengladbach, was die Qualität des Kaders angeht, sicherlich im Bereich von Hannover 96 anzusiedeln ist. Beide Mannschaften waren für mich etwa auf Augenhöhe. Borussia ist allerdings seit Beginn der Saison vom Verletzungspech gebeutelt. Da ist es dann natürlich schwer, Rhythmus und Harmonie zu finden. Es gibt aber sicher auch noch andere Gründe, warum der Verein am Tabellenende steht und nicht die Stabilität der letzten Saison hat.

bundesliga.de: Welche Gründe sind das Ihrer Meinung nach?

Hochstätter: Wenn eine Mannschaft in 14 Spielen 40 Gegentore kriegt, dann hängt das sicherlich nicht nur mit den Abwehrspielern zusammen, sondern mit dem Kollektiv. Darüber muss man sich Gedanken machen. Man muss es abstellen, sonst steigt man ab.

bundesliga.de: Wie brenzlig ist die Situation für Gladbach denn im Moment?

Hochstätter: Vor vier Wochen habe ich die Lage noch nicht so prekär gesehen. Aber jetzt: Dante wird in der Hinrunde nicht mehr spielen, Roel Brouwers wohl ebenso wenig und daher ist die Situation nicht so einfach. Jeder Punkt, den die Borussia noch vor der Winterpause holt, ist Gold wert. Der VfL muss dringend seine Heimschwäche ablegen und zuhause punkten. Wenn man neun Spiele im eigenen Stadion nicht gewonnen hat (saisonübergreifend, Anm. d. Red.), fehlt natürlich das Selbstvertrauen, das ist ganz klar. Der Verein muss jetzt einfach punkten, am besten gleich gegen Hannover.

bundesliga.de: Wie kann es denn sein, dass sich eine solche Heimschwäche innerhalb einer Hinrunde entwickelt? In den vergangenen beiden Spielzeiten hat die Borussia den Grundstein zum Klassenerhalt ja stets zuhause gelegt.

Hochstätter: Das stimmt, Borussia Heimstärke war oft die Basis für den Klassenerhalt. Aber warum das in diesem Jahr nicht so ist, kann ich aus der Distanz nicht beurteilen. Aber, die Spieler spüren ja auch, dass es in dieser Saison zuhause nicht läuft. Sie gehen dann mit einem unguten Gefühl ins nächste Heimspiel und verlieren gegen vermeintlich ebenbürtige Mannschaften. Ich habe bisher nur das Pokalspiel gegen Leverkusen gesehen. Da hat die Mannschaft aus meiner Sicht einen ordentlichen Eindruck gemacht und ist auch verdient weitergekommen. Das war in den anderen Spielen, die ich jedoch nur im Fernsehen gesehen habe, nicht der Fall.

bundesliga.de: Jetzt stehen in Gladbacher Reihen mit Marco Reus und Patrick Herrmann zwei vielversprechende junge Spieler. Wie beurteilen sie die beiden?

Hochstätter: Die beiden haben sich schon toll entwickelt, vor allem Marco Reus. Im letzten Jahr war er schon einer der besten Borussen und in diesem Jahr bestätigt er das. Allgemein sagt man ja, im zweiten Jahr wird es schwieriger für einen jungen Spieler, auf ihn trifft das offenbar nicht zu. Vergangenen Samstag hat er in Dortmund ein wunderschönes Tor gemacht. Der Junge hat schon Qualität. Herrmann, der ja sogar noch fast zwei Jahre jünger ist, zeigt auch gute Ansätze. Aus dieser Perspektive ist Gladbach sicherlich gut aufgestellt. Der Punkt ist jedoch: junge Spieler brauchen natürlich auch eine dementsprechende Unterstützung durch erfahrene Spieler. Die sind aber bei der Borussia durch Verletzung auf einmal ausgefallen. Sich nur auf junge Spieler verlassen zu müssen, ist schwierig, aber im Moment offenbar die einzige Lösung.

bundesliga.de: Aber Ihrer Meinung nach hat das Team im Grunde genommen die Qualität zum Klassenerhalt?

Hochstätter: Natürlich. Auch wenn Borussia jetzt nur zehn Punkte hat, sind mindestens noch vier andere Clubs in Reichweite. Man darf den Abstand bis zur Winterpause nur nicht größer werden lassen. Offensiv ist die Mannschaft stark genug. Die Borussia hat den siebtbesten Angriff der Liga. Aber eins ist klar: man muss vor allem stabiler in der Rückwärtsbewegung werden. 40 Gegentore sind einfach zu viel. Das ist die Quote eines Absteigers.

Das Gespräch führte Gregor Nentwig