Väter aus Tunesien, Nigeria oder Ghana, Geburtsorte im Iran, in Sibirien oder Bosnien, Pässe von Spanien, der Türkei oder Polen: Die U21 tritt bei der EM mit einem multikulturellen Team an.

Insgesamt elf der 23 Akteure haben Eltern aus neun verschiedenen Ländern auf drei Kontinenten. Eine bunte Truppe mit verschiedenen Persönlichkeiten und Einflüssen. Und nebenbei ein ideales Vorbild für gelebte Integration.

Integrative Kraft des Fußballs

Beim Auftaktspiel gegen Spanien hatten außer den Schalkern Manuel Neuer und Benedikt Höwedes alle Spieler aus der Stammformation ausländische Wurzeln.

"Das zeigt die Toleranz und die integrative Kraft des Fußballs", sagt Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff und ist sich sicher, "dass Spieler mit Eltern anderer Nationen uns bereichern. Sie bringen andere Charaktere, anderen Spielwitz und eine andere Lebensphilosophie ein."

So sieht es auch Sportdirektor Matthias Sammer: "Der Schlüssel wird sein, traditionelle Stärken und deutsche Tugenden weiter zu vermitteln und gleichzeitig bereit zu sein, die Stärken der anderen Spielern einzubringen. Es ist schön und beispielhaft, wie Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und mit unterschiedlicher Hautfarbe zusammenfinden können."

Volle Identifikation und kein Zwang

Der in Gelsenkirchen als Sohn türkischer Eltern geborene Mesut Özil beispielsweise bringe "eine unheimliche Leichtigkeit ein", meint Sami Khedira, selbst Sohn eines Tunesiers. Gemeinsam haben alle, dass sie sich bewusst für Deutschland entschieden haben. Festgespielt für den DFB sind durch Pflichtspiele im A-Team nur der als Sohn spanischer Eltern in Wuppertal geborene Gonzalo Castro und der in Kemerowo in Sibirien geborene Andreas Beck.

Die neue Regelung des Weltverbands FIFA, nach der Wechsel selbst im Alter von über 21 Jahren und bei Einsätzen in Testspielen des A-Teams noch möglich sind, stellt vieles auf den Kopf. Bierhoff nennt die Lösung "nicht glücklich", versichert aber, dass der Verband seine Haltung gegenüber abwanderungswilligen Spielern nicht ändern will. Beim DFB wolle man nur Spieler, "die sich voll mit der Nationalmannschaft identifizieren. Kuhhandel werden wir nicht mitmachen."

Die Angebote stehen

Sebastian Boenisch und Dennis Aogo werden derzeit noch vom polnischen beziehungsweise nigerianischen Verband umworben und sollen sogar einfach fürs nächste Spiel nominiert werden. Sie wollen ablehnen.

Neben Özil, Khedira, Castro, Marin, Beck, Boenisch und Aogo haben auch der im bosnischen Gradiska auf die Welt gekommene Marko Marin, Jerome Boateng als Sohn eines Ghanaers, Chinedu Ede (Vater aus Nigeria), Änis Ben-Hatira (Vater aus Tunesien) und der in Teheran/Iran geborene Ashkan Dejagah Wurzeln im Ausland.

"In anderen Nationalmannschaften ist das längst normal", meint Aogo und sieht "eine Botschaft, nicht nur für den Fußball." "Ich bin ein Ruhrgebietskind, da hat man viele Immigrantenkinder als Klassenkameraden oder Mannschaftskollegen im Sportverein", meint der gebürtige Gelsenkichener Neuer: "Das ist normal."

Gesang ist nicht alles

Traditionalisten stören sich nur daran, dass immer weniger Akteure vor dem Spiel die deutsche Hymne mitsingen. "Wir kriegen oft Briefe deswegen", sagt Bierhoff: "Aber das ist eine persönliche Sache. Wenn einer nicht mitsingt, ist das kein Zeichen fehlender Identifikation. Wir verlangen von den Nationalspielern einen respektvollen Umgang und ein gewisses Benehmen. Es geht aber nicht so weit, dass wir jemandem vorschreiben, ob er die Hymne mitsingen muss."

Dies sieht auch Aogo so. "Das sollte man nicht so hoch hängen", meint er: "Dem einen gibt es viel, dem anderen nicht. Ich singe nicht und bin trotzdem stolz, für Deutschland zu spielen." Beziehungsweise in einer Nationalelf, die als Schmelztigel für Vertreter aus elf Nationen dient.