Während die vier härtesten Konkurrenten im Meisterschaftskampf Punkte ließen, gewan der Hamburger SV das Spitzenspiel in Düsseldorf bei Bayer Leverkusen mit 2:1 und eroberte die Tabellenführung.

In dieser Saison scheint alles möglich. Nachdem der HSV stark in die Saison gestartet war, fiel der Verein nach einer kürzeren Schwächeperiode bis auf den 5. Platz zurück. Am 15. Spieltag lag der "Bundesliga-Dino" satte sieben Punkte hinter dem damaligen Spitzenreiter 1899 Hoffenheim.

"Wir können jeden schlagen"

So schnell kann es gehen. Innerhalb von nur sechs Spieltagen machte der HSV neun Punkte auf den Aufsteiger wett und profitierte neben der eigenen Stärke auch von den Schwächen der Hoffenheimer und Münchener Bayern. Jetzt kommt es am Sonntag in Hamburg zum Duell mit dem VfL Wolfsburg und damit zum Vergleich der beiden besten Rückrundenteams.

"Wir haben wieder einen Schritt nach oben gemacht", freute sich HSV-Abwehrchef Joris Mathijsen nach dem Sieg gegen Leverkusen. "Wir können jeden schlagen. Das Vertrauen haben wir. Wir können aber auch gegen jeden verlieren, wenn wir nicht 100 Prozent geben."

Dieser schmale Grat wird schon beim Blick auf das HSV-Torverhältnis (33:28) deutlich. Neun Teams der Bundesliga haben in der Rubrik bessere Werte. Wenn der HSV nicht alles abruft, setzt es Niederlagen, drei der fünf Pleiten waren 0:3-Klatschen. Die eigenen Siege werden dagegen hart erkämpft, 10 der 13 Erfolge wurden mit nur einem Tor Vorsprung herausgeholt.

Nervenstärke und Siegermentalität

Das muss aber kein Manko sein, sondern spricht für die Nervenstärke und Siegermentalität des HSV. Siege gegen Bayern München und Bayer Leverkusen in der Rückrunde belegen das. Und wenn die Konkurrenz schwächelt, muss man die Gunst der Stunde nutzen. Das tut der HSV.

"Man muss das Eisen schmieden, so lange es heiß ist", betont HSV-Sportchef Dietmar Beiersdorfer. "Im Moment sind wir Erster, das freut uns. Wir haben einen guten Spirit in der Mannschaft. Wir haben alle zusammen gefightet, den Sieg gegen Leverkusen verdient. Wenn Dynamik und Spirit in einer Mannschaft entsteht, kann man Großes erreichen. Wir sind aber erst am 21. Spieltag."

"Ich will mit dem HSV Meister werden"

Doch auch träumen ist erlaubt. Niemand will die aufkeimende Euphorie in der norddeutschen Metropole ersticken, auch das Wort "Meisterschaft" ist kein Unwort. "Wir sind nicht der Verein, der viele Sachen verbietet", sagt Beiersdorfer selbstbewusst.

"Wir versuchen unseren Spielern, den nötigen Freiraum zu geben, um sich optimal zu entfalten. Das haben sie zuletzt gemacht. Wir sind sehr zufrieden. Deshalb dürfen die Spieler auch das Wort Meisterschaft in den Mund nehmen." Und die Spieler gehen auch offensiv mit dem Thema um. "Ich will mit dem HSV Meister werden", sagt etwa Piotr Trochowski, um den es Wechselgerüchte gibt, zu denen er selbst schweigt. Auch bei dem Thema mahnt Beiersdorfer zu Gelassenheit..

"Noch keine perfekte Elf"

"Wechselgerüchte ärgern uns überhaupt nicht", sagt der Sportchef. "Das ist ganz normal, dass wenn eine Mannschaft gut spielt, einzelne Spieler gut spielen und der Verein gut dasteht, Begehrlichkeiten von anderen Clubs da sind. Aber wir haben nicht alle Spieler abgeben, für die wir ein Angebot hatten. Meistens kommen nur die Geschichten zum Vorschein, wenn der Wechsel wirklich vollzogen wird. Deswegen sind wir ganz gelassen - auch bei Trochowski."

Bislang konnte der HSV in dieser Spielzeit selbst hochkarätige Abgänge wie die von Rafael van der Vaart oder Nigel de Jong problemlos kompensieren, so etwa durch Marcell Jansen, der mit seinen beiden Toren gegen Leverkusen den HSV wieder an die Tabellenspitz schoss und zum gefeierten Mann wurde.

"Marcell Jansen ist bei uns ein sehr wichtiger Spieler, der Linksverteidiger spielt ohne etwas zu sagen, der linkes Mittelfeld spielt. Das macht er beides sehr gut. Seine Entwicklung ist schon auffällig", lobt Trainer Martin Jol fast schon überschwänglich. Beim Thema Meisterschaft tritt er noch etwas auf die Bremse. "Wir sind noch keine perfekte Elf."

Aber wer ist das schon in dieser kuriosen Saison?

Aus Düsseldorf berichtet Tobias Gonscherowski