Ingo Anderbrügge, Schalkes Europapokal-Held von 1997, glaubt im Interview mit bundesliga.de fest ans Weiterkommen der "Knappen" in Madrid.

Ingo Anderbrügge trug über ein Jahrzehnt das königsblaue Trikot. Mit den "Knappen" gewann er 1997 im Finale gegen Inter Mailand den UEFA-Pokal. "Wir waren damals eine Mannschaft", erinnert sich der 44-Jährige im Gespräch mit bundesliga.de an das Zusammengehörigkeitsgefühl beim größten Schalker Erfolg der Vereinsgeschichte. Dem aktuellen Team traut der ehemalige Mittelfeldmann ebenfalls einiges zu. "Schalke hat dieses Jahr eine gute Chance."


bundesliga.de: Herr Anderbrügge, Schalke hat das Hinspiel gegen Atletico mit 1:0 gewonnen. Pessimisten meinen, dass dies fürs Rückspiel in Madrid nicht reichen würde. Teilen Sie diese Meinung?

Ingo Anderbrügge: Grundsätzlich finde ich ein 1:0, vor allem eben zu Null, immer ein richtig gutes Ergebnis. Ob es hätte besser gehen können? - Klar, es geht immer besser. Dennoch darf man das Auswärtsspiel zuversichtlich angehen. Für Atletico Madrid hat die Liga noch gar nicht angefangen, da ist der Rhythmus noch nicht so da. Schalke ist dagegen sehr gut gestartet. Da kann man beruhigt nach Madrid fahren. Mit den Standards und den Stürmern darf eigentlich nichts schief gehen. Letztes Jahr gab es da schon schwierigere Aufgaben zu bewältigen.

bundesliga.de: Aber es wäre auch einfacher gegangen. Für die Qualifikation hat Schalke mit Atletico das schwerste Los gezogen. Andererseits ist das Team dadurch auch gleich für die Champions League "geimpft". Madrid könnte somit ja auch "Ego-Starthilfe" für die gesamte Saison sein.

Anderbrügge: Das beantwortet sich natürlich immer leichter nach dem Spiel, wenn man weiß, wo man steht. Wenn sie weiterkommen und so einen Gegner ausgeschaltet haben, dann verdienen sie sich sicherlich Respekt für die weiteren Aufgaben in der Bundesliga und natürlich auch für die Champions League. Insofern kann das natürlich schon ein Vorteil sein. Man will aber erst mal diese Runde schaffen und hätte sicherlich auch nichts gegen einen leichteren Gegner gehabt.

bundesliga.de: Orlando Engelaar muss passen, Jefferson Farfan, Jermaine Jones und Ivan Rakitic müssen hoffen. Ein ziemlich ungünstiger Zeitpunkt für solch eine qualitative Schwächung.

Anderbrügge: Man will ja immer mit seinem stärksten Kader auflaufen. Aber ich denke, dass Schalke personell für die kommenden Aufgaben gerüstet ist. Der Kader ist groß genug. Man hat den Kader ja aufgestockt, um nicht nur die Quali zu überstehen, sondern auch, um die Vorrunde zu schaffen. Diese Ausfälle dürfen bei dem jetzigen Kader von Schalke 04 also nicht ausschlaggebend sein.

bundesliga.de: In der vergangenen Saison hat Schalke in der Vorrunde vor allem in Valencia sehr abwartend und letztlich auch nervös agiert und kaum ins Spiel gefunden. Das wird man sich in Madrid gegen Aguero, Forlan, Reyes & Co. trotz knapper Führung nicht leisten können.

Anderbrügge: Nein, man kann nicht auf Ergebnis spielen. Schalke hat bisher auch immer recht forsch nach vorne gespielt. Und ich denke, dass Fred Rutten auch keiner ist, der ein Ergebnis verwalten will. Der Kader ist so bestückt, dass man auch aus einer guten Abwehr schnell nach vorne spielen kann.

bundesliga.de: Sie haben 1997 den UEFA-Pokal mit S04 gewonnen. Wie haben Sie sich damals immer auf diese Europapokal-Abende eingestimmt?

Anderbrügge: Mit der nötigen Vorfreude. Es ist Motivation für jeden einzelnen Spieler, international dabei zu sein. Das sind alles nur Menschen, auch wenn wir damals die Qualität nicht hatten. Uns hat eben die Freude unheimlich beflügelt, wieder die nächste Runde erreicht zu haben. Ich gehe davon aus, dass die Schalker das auch schaffen.

bundesliga.de: Und wann schafft es Schalke endlich, das Stigma der Titellosigkeit abzulegen?

Anderbrügge: Tja, natürlich will Schalke das jedes Jahr erreichen. Nicht nur die Spieler, sondern der Club ansich, mit dem Umfeld, mit den Fans. Man ist einfach heiß darauf, mal einen Titel zu holen. Der Region sei es einfach mal gegönnt. Sie wissen selbst, was dort auf Schalke los ist, wie man dort fiebert. Das weiß die Mannschaft ja auch. Und der Manager sorgt dafür, den neuen Spielern die Region zu vermitteln. Jetzt hat man wieder die Chance, sich international peu a peu zu entwickeln und nicht gleich wieder in der Vorrunde auszuscheiden. Das dürfen sie nicht verspielen.

bundesliga.de: Das Team von 1997 hat sich durch richtige Typen ausgezeichnet. Anderbrügge, Eigenrauch, Büskens, Linke, Thon, Nemec und natürlich Wilmots. Wie wichtig sind solche Persönlichkeiten für Team und Fans? Und könnte Jermaine Jones in die Rolle des neuen Wilmots schlüpfen?

Anderbrügge: Ich denke, jede Mannschaft hat einen Jermaine Jones. Es gibt zum einen die Rastellis und es gibt die, die immer dreckig vom Platz kommen. Es gibt die ruhigen Typen und es gibt die, die sich permanent schinden und dann mit 36 auch tatsächlich Sportinvalide sind. Solche Typen hat man, die braucht jede Mannschaft. Die hatten wir auch. Ich war zwar nicht derjenige, der alles umgehauen hat. Aber Jens Lehmann, Mike Büskens, Yves Eigenrauch, das waren schon alles Typen. Wir können von uns behaupten, dass wir eine Mannschaft waren. Dafür braucht man einen Jones, aber auch Asamoah ist so einer, ebenso Bordon, Fabian Ernst kann auch eine Mannschaft zusammenhalten. Da hat Schalke schon die Leute, die Arbeiter. Aber man braucht auch die Kuranyis, die letzten Endes das Tor machen. Oder Spieler, die dann auch mal aus 20 Metern einen reinhauen, ohne dass man davor viel von ihnen gesehen hat. Zu denen gehörte ich. Jeder hat seine Qualitäten im Spiel. Und ich denke, Schalke hat diese Jungs. Vor allem, wenn Farfan zurückkommt.

bundesliga.de: Und was trauen Sie den Jungs im Kampf um die Meisterschaft zu? - Die Konkurrenz ist ja traditionell nicht ohne.

Anderbrügge: Ja, das ist es eben. Sie werden sicherlich lange wieder oben mitspielen. Aber auf 34 Spieltage gesehen lügt eine Tabelle auch nicht. Sie werden wieder unter den ersten Drei landen. Ob es für ganz oben reicht, das möchte ich nicht beurteilen. Die Liga ist immer wieder spannend. Ich glaube nicht, dass Bayern so souverän wie letztes Jahr oben stehen wird. Schalke hat dieses Jahr eine gute Chance.

bundesliga.de: Und wie groß ist die Chance, dass wir Sie bald wieder auf einer Trainerbank sehen?

Anderbrügge: Ich bin in der Warteschleife, schaue mir am Wochenende viele Spiele an. Ich hoffe, dass dann irgendwann mal wieder was kommt, denn ich möchte gerne weitermachen. Ich möchte wieder ins Amt, möchte mich als Trainer entwickeln. Ich bin realistisch, ein Erstligist wird nicht kommen, ein Zweitligist wird auch schwer. Aber eben ein Club, der meine Arbeit, mein Engagement und meine Art mit der Mannschaft umzugehen für gut heißt. Da bin ich nicht nur für Deutschland, sondern für Europa allgemein flexibel.

Das Gespräch führte Michael Wollny