Ein Derby als Allheilmittel für angeschlagene Fußballerseelen, darauf hoffen der 1. FC Köln und Bayer Leverkusen, wenn sie sich am Sonntag zum 48. Mal in der Bundesliga gegenüberstehen. Der FC wartet seit Anfang November auf einen Heimsieg, Bayer ist seit fünf Ligaspielen sieglos.

"So ein Derbysieg gibt zusätzlichen Schwung für die nächsten Spiele", erklärt Reiner Calmund im Interview mit bundesliga.de. Und diesen Schwung brauchen beide Clubs. Die Kölner wollen den Klassenerhalt möglichst zeitnah unter Dach und Fach bringen. Leverkusen will unbedingt den Sprung ins internationale Geschäft schaffen.

Die Bilanz der vergangenen Jahre spricht für die Werkself. Doch Calmund erinnert sich auch an die eine oder andere schmerzhafte Niederlage gegen den Rivalen vom Rhein. Dennoch ist er froh, dass die Kölner wieder erstklassig sind. Weiterhin spricht "Calli" über die Gründe für die Heimschwäche beider Clubs und die Arbeit von Bruno Labbadia.

bundesliga.de: Herr Calmund, am Sonntag empfängt der 1. FC Köln Bayer Leverkusen. Welchen Stellenwert genießt dieses Derby in den beiden Städten?

Reiner Calmund: Die lokale Rivalität hat einen riesengroßen Stellenwert. Beide Clubs liegen nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Das ist wie Schalke und Dortmund. Bis vor rund 20 Jahren war das Derby oft eine einseitige Angelegenheit. Köln hat zumeist dominiert. Doch seither hat sich daraus eine echte sportlichen Rivalität entwickelt. Und in den vergangenen zehn Jahren war Leverkusen eindeutig der dominierende Club hier am Rhein. Objektiv gesehen ist Bayer seit rund zehn Jahren aufgrund der sportlichen Leistungen wie Champions-League-Finale, DFB-Pokalfinale und vielen guten Platzierungen in der Meisterschaft die Macht am Rhein. Auch in dieses Derby geht Leverkusen mit dem besseren Spielermaterial.

bundesliga.de: Wie froh sind Sie denn darüber, dass der Rivale wieder erstklassig ist?

Calmund: Ich selbst bin unheimlich froh, dass der 1. FC Köln wieder in der Bundesliga spielt. Schon zu meiner Zeit bei Bayer habe ich mich immer gefreut, wenn Köln aufgestiegen ist. Das bringt Pepp in die Saison und solche Rivalitäten braucht der Fußball einfach. Ich sehe das in meiner eigenen Familie und meinem Freundeskreis. Auch da gibt es Fans aus beiden Lagern. Das teilt sich ungefähr 50:50. Dieses Duell ist etwas Besonderes. Die beiden Stadien liegen ja keine 15 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt. Solch ein Duell schärft auch immer die Sinne eines vermeintlichen Favoriten - wie Bayer es in der Vergangenheit oft war. Statistisch gesehen hat Leverkusen gegen Köln mehr Punkte in den vergangenen Jahren geholt als gegen andere Clubs aus dem unteren Tabellendrittel. Dieses Derby hatte immer einen Hallo-Wach-Effekt. Dazu kam, dass die Siege doppelt so schön waren.

bundesliga.de: Erinnern Sie sich auch noch an weniger schöne Derby-Momente?

Calmund: Wie schon gesagt gab es ja auch eine Zeit, in der die Kölner die dominierende Mannschaft in diesem Derby waren. Ich persönlich kann mich auch noch speziell an zwei bittere Niederlagen erinnern. Im Frühjahr 1996 haben wir trotz Überlegenheit durch ein Tor von Toni Polster kurz vor Schluss verloren (26. Spieltag 1995/96 - 1:2; Anm.d.Red.). 1997 wurden wir Vizemeister. Bis zum vorletzten Spieltag hatten wir sogar noch eine Chance auf den Titel. Doch dann haben wir in Köln vier Tore reinbekommen - drei davon erzielte Polster (33. Spieltag 96/97 - 0:4; Anm.d.Red.). Das war für die Kölner natürlich ein doppelt schöner Sieg.

bundesliga.de: Seit elf Partien hat Köln nicht mehr gegen Bayer gewonnen. Die vergangenen vier Duelle gingen verloren. Bayer ist zudem die aktuell zweitbeste Auswärtself der Liga. Ist es womöglich ein ungleiches Duell?

Calmund: Ich denke nicht. Ein Derby hat immer seinen ganz eigenen Charakter. Da ist alles möglich. Zudem geht es für beide Clubs um unheimlich viel. Die Kölner haben für ihre Verhältnisse im Kampf um den Klassenerhalt eine sehr, sehr gute Saison gespielt. Ein Sieg wäre eine doppelte Freude, denn es wäre schon fast die sichere Miete zum Klassenerhalt. Auch für Bayer geht es um mehr als nur die Rivalität. Sie müssen einen "Dreier" einfahren, um auch weiterhin im Rennen um die internationalen Plätze zu bleiben.

bundesliga.de: Sie haben eben Toni Polster erwähnt. Den haben die Kölner nun nicht mehr. In den vergangenen sechs Duellen schoss Köln nur ein Tor gegen Leverkusen. Und dieser Schütze war ausgerechnet Patrick Helmes. Was muss der daheim ohnehin wenig torgefährliche FC tun, um wieder zu Treffern zu kommen?

Calmund: In den vergangenen Jahren war Köln ja auch eine Art Fahrstuhlmannschaft. Da war es klar, dass sie einen Mann wie Helmes nach dem Aufstieg nicht hätten halten können. Die Tore müssen jetzt halt andere machen. Aber es wird nicht einfach. Man hatte großes Pech mit dem Ausfall und späteren Karriere-Ende von Ümit Özat. Dann musste man sich aus disziplinarischen Gründe von Roda Antar trennen. Dazu ist Pierre Womé ausgefallen, ein erfahrener Mann auf der linken Seite. Das alles waren harte Rückschläge. Dieses Trio war Teil der guten Kölner Achse. Faryd Mondragon im Tor, die Innenverteidigung mit Pedro Geromel und Youssef Mohamed, dazu Petit im Mittelfeld und zudem Milivoje Novakovic im Angriff. Der wurde ja schon als Fehleinkauf abgestempelt, hat aber mittlerweile einen guten Kurs gefunden. Auf diese Acht konnte sich Christoph Daum verlassen. Die haben Tore verhindert, die konnten Tore schießen und ein Spiel bestimmen. Dazu kommt im Sommer Lukas Podolski. Der ist nicht nur ein internationaler Klasse-Stürmer, sondern der hat auch einen Namen, der womöglich noch weitere Spieler nach Köln lockt.

bundesliga.de: Leverkusen holte erst sechs Punkte in der Rückrunde und droht das Saisonziel internationaler Wettbewerb aus den Augen zu verlieren. Der Einbruch erinnert an die vergangene Saison. Was sind Ihrer Meinung nach die Ursachen dafür?

Calmund: Das ist schwer zu erklären, zumal Bayer nicht wirklich stark vom Verletzungspech betroffen ist. Auch auf den Umzug kann man es nicht ausschließlich schieben. Natürlich ist es etwas anderes, seine Heimspiele nicht zuhause spielen zu können. Doch Bayer hat ja schon seit November kein Heimspiel mehr in der Bundesliga gewonnen. Und damals spielten sie noch in Leverkusen. Die einzigen beiden Heimsiege seither kamen im DFB-Pokal gegen Cottbus und natürlich das Galaspiel gegen die Bayern. Düsseldorf ist sicher kein Vorteil, aber es kann auch kein Nachteil sein. Das Team ist charakterlich in Ordnung. Sicherlich haben die Spieler ein wenig die Linie verloren. Rudi Völler hat es richtig gesagt. Er meinte, dass es den Spielern, die jetzt mit ihrer jeweiligen Nationalmannschaft unterwegs sind, vielleicht ja gut tut, mal weg zu sein vom Bundesliga-Alltag. Sie sollen mal den Kopf frei bekommen. Ich denke, dass Bayer - ganz objektiv - 2:1 gewinnen wird. Der Tipp hat aber nichts mit der Vereinsbrille zu tun. Bayer kann begeisternden Fußball spielen.

bundesliga.de: Sollten Sie mit Ihrem Tipp richtig liegen, würde Köln noch länger auf einen Heimsieg warten als Bayer - nämlich schon seit Anfang November. Warum tun sich die Kölner - und auch die Leverkusener - ausgerechnet vor heimischem Publikum so schwer?

Calmund: Ich kann es aus der Entfernung nur vermuten. Ich habe einige Heimspiele beider Clubs live im Stadion gesehen. Angefangen mit dem ersten Saisonspiel gegen Dortmund oder der Heimniederlage gegen Berlin. In beiden Spielen hat Bayer klar dominiert und konnte dennoch nicht gewinnen. Und so war das auch noch in anderen Spielen. Sie haben einfach zu wenig aus ihren Torchancen gemacht. Dabei stehen im Sturm mit Helmes und Stefan Kießling zwei Nationalspieler. Die Kölner haben mir - auch jetzt in der Rückrunde - zuhause gar nicht so schlecht gefallen. Bis auf das Spiel gegen Mönchengladbach haben sie gut gespielt. Auch wenn es oft nur zu einem Punkt reichte, für Daum war das in Ordnung. Lieber hole ich gegen einen direkten Konkurrenten nur einen Punkt und der Abstand bleibt gleich, als dass ich alles nach vorne werfe und womöglich noch in einen Konter laufe. Außerdem haben die Kölner auch nicht die Alternativen auf der Bank, wie es bei anderen Clubs der Fall ist. Wenn da einer ausfällt, ist die Personaldecke gleich viel dünner als anderswo.

bundesliga.de: Kann solch ein Derby genau die richtige Medizin für angeschlagene Fußballersehlen sein?

Calmund: Für alle Beteiligten ist solch ein Derby ein großes Spiel. Für den Sieg gibt es ja nicht nur drei Punkte für den Klassenerhalt oder den Traum vom UEFA-Cup, es gibt ja auch alles doppelt: doppelte Freude, doppelter Jubel bei den Fans. Und so ein Derbysieg gibt zusätzlichen Schwung für die nächsten Spiele.

bundesliga.de: Als sozusagen Ur-Leverkusener, wie beurteilen Sie die Arbeit von Bruno Labbadia?

Calmund: Ich kann es nur aus der Distanz beurteilen. Aber ich weiß, dass er ein akribischer Arbeiter ist. Rudi Völler hat mir vor einigen Wochen mal gesagt, dass Bruno Labbadia von den Trainern, die er in Bayer Leverkusen erlebt habe, hinter Christoph Daum der beste sei. Er sehe in ihm auch das Potenzial, dass er sich zu einem erfolgreichen Trainertyp wie Daum entwickeln könne. An Rudis Aussage zweifle ich nicht.

bundesliga.de: Rene Adler zog sich am 25. Spieltag quasi mit dem Schlusspfiff eine Ellenbogenprellung zu. Wie wichtig wäre sein Einsatz für die Moral der Werkself?

Calmund: Der Rene Adler ist enorm wichtig für die Mannschaft. Seine Qualität im Tor ist unumstritten, aber er hat sich auch zu einem echten Leader entwickelt. Er dirigiert die Mannschaft. Aber auch ohne ihn hat Bayer schon gute Spiele absolviert. Jetzt sitzt ja Gabor Kiraly auf der Bank. Der ist ein sehr erfahrener Spieler und würde sicherlich auch seinen Mann stehen. Dennoch wäre es für die Moral der Mannschaft sicher wichtig, wenn Adler rechtzeitig fit werden würde.

Das Gespräch führte Sebastian Stolz