Darmstadt - Nach 33 Jahren ist der SV Darmstadt 98 zurück in der Bundesliga. Und dann ging es ja auch noch um die Wurst. Und auch da musste der Darmstädter Trainer Dirk Schuster nach dem 2:2 im ersten Heimspiel des Aufsteigers gegen Hannover 96 keine Niederlage einstecken. Der Tennisstar Andrea Petkovic muss nun bei einem Heimspiel ihrer Lieblingsmannschaft Würstchen verkaufen. Hätten die Lilien verloren, so die Wette zwischen dem Fußballtrainer und dem Tennisprofi, hätten Schuster und sein Trainerteam die Balljungen im Training der Weltranglisten 17. geben müssen. Das ist Dirk Schuster erspart geblieben - und auch deshalb durfte er sich über den Punkt zum Erstligaeinstand des Außenseiters freuen.

"Hier ticken die Uhren noch anders" hatten die Darmstädter Fans vor dem Anpfiff des ersten Bundesligaspiels ihrer "Lilien" nach 33 Jahren auf ein Transparent geschrieben. Im alten Stadion am Böllenfalltor, das von den Darmstädtern liebevoll "Bölle" genannt wird, hat man zwar noch immer den Eindruck, die Zeit scheint hier im Vergleich zu den hochmodernen Arenen der etablierten Erstligakonkurrenz stehen geblieben zu sein.

Aber natürlich ging auch hier das Spiel an diesem Samstag pünktlich um 15.30 Uhr los. Und wie: Dieses verrückte 2:2 begeisterte die Zuschauer zum Ligastart,  das "Bölle" war mit 17 000 Menschen brechend voll und ein Hexenkessel, den sich die Spieler vorher gewünscht hatten. "Es war einfach geil", sagte Darmstadts Offensivspieler Marco Sailer stolz und auch nach dem Spiel mit noch ein bisschen Gänshaut.

Mann des Tages Heller startet durch

Das aufregende Spiel lieferte ja auch so viele kleine Geschichten aus Darmstädter Sicht, die den Start zu einem ganz besonderen machen. Darmstadts kleiner Sprinter Marcel Heller zum Beispiel war mit zwei herausragenden Toren der Mann des Tages. "Lilien"-Torwart Christian Mathenia hielt in der 58. Minute beim Stand von 2:1 einen von Hannovers neuem Mittelstürmer Mevlüt Erdinc kläglich geschossenen Elfmeter und verhagelte dem türkischen Nationalspieler, der von St. Etienne gekommen war, so den Einstand. Mathenia sah allerdings bei den beiden Gegentreffer nicht gut aus. Das 2:2 war schließlich ein Eigentor von Darmstadts Kapitän Aytuc Sulu - und auch das passte zu dieser unterhaltsamen aber fußballerisch nicht sehr hochklassigen Partie, bei der die Darmstädter noch zwei Mal Pech mit Aluminiumtreffern hatten. Und von wegen vormodernes Stadion: Die neue Hawk-Eye-Torlinientechnik kam erstmals in der Bundesliga im alten „Bölle“ zum Einsatz: Bei Kenan Karamans Kopfball an die Latte (28.) des Darmstädter Tores, bewies sie, dass der Ball anschließend vor der Linie aufgeprallt war.

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 "Stolz" war Darmstadts Trainer Schuster auf sein Team nach dem Abpfiff der ersten 90 Minuten in der ersten Liga. "Wir haben gesehen, dass wir mithalten können und haben ein Spiel auf Augenhöhe geboten", sagte Schuster. Für die Darmstädter ist diese Erkenntnis wichtig für das Selbstvertrauen und das Selbstverständnis. Zwar fühlen sie sich in der Rolle des Underdogs wohl und kultivieren diese auch, aber gute Ergebnisse und Erfolgserlebnisse helfen noch mehr als alle rhetorischen Fähigkeiten eines Außenseiters. Mittelstürmer Dominik Stroh-Engel glaubt: "Wenn wir alles abrufen und zusammenhalten, können wir es fast jedem Gegner schwer machen. Wir können uns noch steigern." Doch es ist auch Vorsicht geboten. Die eigentlich harmlosen Hannoveraner kamen leicht zu zwei Toren und einem Elfmeter. Vor allem Kapitän Aytuc Sulu muss sich in der Abwehr noch an das höhere Tempo in Liga eins gewöhnen, nächste Woche in Schalke wartet zudem schon ein Spitzenteam auswärts. "Wir haben auch gesehen, dass Kleinigkeiten in der Bundesliga bestraft werden", sagte Trainer Dirk Schuster, der keiner ist, dem Nachlässigkeiten und Fehler entgehen.

Erfahrung in den Startlöchern

Und dennoch: Auch wenn die Mannschaft, das Spiel hätte gewinnen können, überwiegen aus Darmstädter Sicht die positiven Erlebnisse. Zudem wird die Mannschaft noch mehr Erfahrung dazubekommen: Gegen Hannover standen ja schon die erstligaerfahrenen Zugänge Luca Caldirola, Peter Niemeyer und Konstantin Rausch in der Startelf, Sandro Wagner wurde eingewechselt. Und in den beiden Defensivspielern Garcis György (Nationalspieler Österreich) und  Junior Diaz (Nationalspieler Costa Rica) stehen zwei Zugänge in den Startlöchern.

Nun müssen sie sich aber erstmal auswärts in der großen Arena von Schalke beweisen, in ihrem kleinen "Bölle" spielen sie nur alle zwei Wochen. Und speziell diesen Heimvorteil wollen sie nutzen. Hannovers Trainer Michael Frontzeck jedenfalls war von der Stimmung "begeistert", er sagte: "Die anderen Teams der Liga könnten sich auf gute Kabinen und einen guten Platz freuen, müssen sich aber damit abfinden, dass es hier nicht so einfach wird." Für Hannover wird es das schon bald ein zweites Mal nicht: In der zweiten Runde des DFB-Pokals müssen die Niedersachsen im Oktober wieder "am Bölle" antreten.

Von Tobias Schächter