München - Auch noch Minuten nach dem Abpfiff sang eine kleine Gruppe in der sich leerenden Allianz Arena gegen die Realität an. "Auswärtssieg, Auswärtssieg", schallte es aus dem noch immer prall gefüllten Fanblock des SV Darmstadt 98. Allein, es half nicht mehr. Die 0:1-Niederlage beim FC Bayern München besiegelte am drittletzten Spieltag rechnerisch den Abstieg des Tabellenletzten. Gewonnen haben die Lilien trotzdem.

>>> Hol dir jetzt die offizielle Bundesliga App!

"Wir wussten, dass es eine Frage der Zeit ist, wann wir auch von den Punkten her abgestiegen sind", räumte Trainer Torsten Frings ein, der diesen Moment mit seiner Mannschaft mit dem Vereinsrekord von drei Siegen in Serie zuletzt immer weiter hinausgezögert hat. "Wir wollten unbedingt erhobenen Hauptes vom Platz gehen." Das ist seinem Team gelungen.

Meiste Torschüsse gegen München

Als Schiedsrichter Guido Winkmann pünktlich die 90 Minuten beendete, sank auch keiner der Darmstädter Akteure niedergeschlagen zu Boden. Zu sehr überwog der Stolz auf die eigene Leistung. 13 Torschüsse gaben die Südhessen in der Allianz Arena ab - keiner Gastmannschaft gelangen in dieser Saison beim Rekordmeister mehr Abschlüsse. "Uns war klar, dass wenn wir mutig spielen, wir uns auch die eine oder andere Chance erarbeiten", sagte Frings.

>>> Alle Infos zu #FCBD98 im Matchcenter

© gettyimages / Franklin / Bongarts

Fast hätte es sogar noch zu einem Achtungserfolg gereicht, aber der Ex-Münchner Hamit Altintop scheiterte vier Minuten vor Schluss mit einem Elfmeter an Bayerns Ersatzkeeper Tom Starke und vergab damit die Chance auf den ersten Punktgewinn gegen den FC Bayern. "Es ist natürlich schade, dass ausgerechnet Hamit den Elfmeter verschießt", sagte Frings. "Aber wenn einer verschießen darf, dann Hamit nach seinen tollen Leistungen in den letzten Wochen."

Vorwürfe waren ohnehin fehl am Platz. Unmittelbar nach dem Abpfiff versammelte der Coach seine Mannschaft in einem Kreis auf dem Rasen. "Er hat gesagt, dass er unheimlich stolz auf uns ist", verriet Marcel Heller. Auch Kapitän Aytac Sulu lobte die Arbeit seines Chefs Frings, der sein Amt in der Winterpause beim damals mit nur acht Punkten abgeschlagenen Tabellenletzten übernommen hatte. "Wichtig war, dass wir in dem halben Jahr, seitdem Torsten da ist, wieder Spaß am Fußball gefunden haben", sagte der Innenverteidiger. "Der Teamgedanke stand wieder an erster Stelle."

Rückbesinnung auf traditionelle Tugenden

Der Verein, der sich das Motto "Aus Tradition anders" auf die Fahnen geschrieben hat, fand in dieser Zeit zu den Tugenden zurück, die ihn auf dem wundersamen Weg vom Fast-Abstieg in die Regionalliga in den vergangenen vier Jahren bis in die Bundesliga ausgezeichnet hatten: Geschlossenheit, Leidenschaft - und unbändiger Kampfgeist.

© gettyimages / Franklin / Bongarts

Der SVD hat in dieser Zeit viele Sympathien gewonnen - mit Spielern, die anderswo aus unterschiedlichen Gründen durchs Raster gefallen sind und in Darmstadt eine zweite Chance bekommen haben. Sandro Wagner etwa führte die Südhessen mit seinen Toren in der vergangenen Saison zum Klassenerhalt, verlieh seiner Karriere dadurch neuen Schwung und spielt in der kommenden Spielzeit mit der TSG Hoffenheim zumindest in der Qualifikation zur Champions League.

Die Planungen der Lilien für die nächste Saison laufen bereits seit einiger Zeit. So wurden etwa die Verträge mit Sandro Sirigu und Fabian Holland vorzeitig verlängert und mit Weltmeister Kevin Großkreutz eine prominente Neuverpflichtung an Land gezogen. "Dass Kevin Großkreutz zu uns stößt, hat mich selbst überrascht. Mit seinen Qualitäten kann er uns sehr helfen", sagt Sulu.

Noch zwei Siege für die Fans

Was die nähere Zukunft angeht, steht am kommenden Spieltag das vorerst letzte Bundesliga-Heimspiel im Jonathan-Heimes-Stadion am Böllenfalltor an - in dieser Saison benannt nach dem im März 2016 an Krebs verstorbenen Lilien-Fan, der mit seiner Initiative "Du musst kämpfen" den Aufstieg seines Klubs mit geprägt hat. Gegen Hertha BSC wollen die Darmstädter an ihre zuletzt starken Vorstellungen anknüpfen.

"Wir haben wieder eindrucksvoll gezeigt, dass die Mannschaft trotz des Abstiegs ohne Ende fightet und alles raushaut", sagte Frings nach der Niederlage in München und blickte selbstbewusst voraus: "Wir werden uns so teuer wie möglich verkaufen, mit dem Ziel auch noch zu punkten." Das gilt sowohl für die Partie gegen die Hertha als auch für die abschließende Auswärtsfahrt nach Mönchengladbach. "Wir wollen den Fans noch den einen oder anderen Sieg schenken", sagt Torhüter Michael Esser. Und vielleicht hallen dann nach dem letzten Spiel die "Auswärtssieg, Auswärtssieg"-Gesänge auch zu Recht durch den Borussia-Park.

Aus München berichtet Maximilian Lotz

Wahl: Team der Saison